Wo der Herzschmerz gewollt ist: Über die (vorerst) letzte Bachelor-Folge auf RTL

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von MIRIAM THÉRÈSE SOFIN

KÖLN – Gestern lief das Staffel-Finale der beliebten Unterhaltungssendung “Der Bachelor” . Die RTL-Produktion ist eine sogenannte Reality-TV-Show. Das heißt, sie erhebt den Anspruch, ohne Drehbuch zu arbeiten und möglichst wirklichkeitsgetreu reale Geschehnisse, Personen und Gefühle abzubilden. Es kommen also keine professionellen Schauspieler zum Einsatz, sondern “echte Menschen”, die allerdings stets vor einer wahren Traumkulisse und mit reichlich gefühlvoller Musik perfekt in Szene gesetzt werden, sodass die Stimmung einer echten Hollywood-Romanze entsteht.

Die echten Menschen sind natürlich trotzdem allesamt gecastet. So wählt RTL die 22 Rosenanwärterinnen und den seit 2012 jährlich wechselnden Junggesellen, um den die Damen buhlen sollen, jedes Jahr sorgfältig aus abertausenden von Bewerbungen aus. Und davon gibt es mehr als genug. Vor allem wohl deshalb, da über die vergangenen Jahre eine regelrechte “Wiederverwertungsmaschinerie” des Reality-TV herangewachsen ist, die eine durchaus lukrative Karriere als C-Promi in der deutschen Medienlandschaft verspricht. Denn nicht nur das deutsche “Trash-TV”, sondern auch die dazugehörigen sogenannten “Star-Magazine”, wie z. B. die populäre Internetseite “Promiflash”, leben davon.

So tingelt manch eine “TV-Persönlichkeit” nach ihrem erfolgreichen Fernseh-Debüt beim Bachelor fleißig durch die verschiedenen Formate. Auch Castingagenturen haben sich längst auf die
Vermittlung von Reality-TV-Darstellern spezialisiert und halten Ausschau nach den passenden Kandidaten. Von einer solchen wurde eigener Aussage nach einst auch Leonard Freier, der Bachelor von 2016, kontaktiert. Als Student hatte er sich mit Modeljobs Geld dazu verdient. Jahre später habe sich dann seine alte Agentur wieder bei ihm gemeldet und ihn für die Rolle des  Rosenkavaliers angefragt.

Proaktiv auf geeignete Kandidaten zuzugehen, sei eine gängige Methode, wie eine Sprecherin der Produktionsfirma ITV kürzlich bestätigte: “So können wir schon einmal ein erstes Gefühl dafür bekommen, wie die potenziellen Kandidaten leben, worauf sie Wert legen und wie sie sich nach außen geben.” Entscheidend sei ein eigens produziertes Selfie-Video, intensive Telefongespräche sowie ein persönliches Casting. Ja, so werden heute TV-Traumprinzen und -Prinzessinnen geschaffen.

Ob auch der diesjährige Bachelor, Niko Griesert, dieses Prozedere durchlaufen hat, ist zwar nicht bekannt, aber immerhin ist er als Sohn des amtierenden Oberbürgermeisters von
Osnabrück, Wolfgang Griesert, kein gänzlich unbekannter. Vor allem gutes Aussehen sollte der Bachelor und Protagonist der beliebtesten Dating-Show Deutschlands mitbringen und einen akzeptablen Lebenslauf. Bei den 22 Frauen wiederum ist die berufliche Laufbahn eher nebensächlich, hier stehen Attraktivität, Sympathie und Bildschirmpräsenz im Vordergrund.

Auch wenn zweifelsohne viele junge Frauen das TV-Format nutzen, um ihre Fernseh-  oder Instagram-Karrieren voranzutreiben und vermutlich eher nicht von Anfang an mit dem Herzen dabei sind, so ist eine Wahrung totaler emotionaler Distanz im Laufe der Sendung schlecht vorstellbar. Denn je weiter die Sendung voranschreitet, desto enger werden auch die Beziehungen der einzelnen Kandidatinnen mit dem Protagonisten. So ist es keine Seltenheit, dass dieser mit mehreren Rosenanwärterinnen Zärtlichkeiten, wie z. B. Küsse, austauscht und sogar intime Übernachtungsdates mit ihnen verbringt, bevor er am Ende seine finale Entscheidung trifft.

“Der Bachelor” ist eine Sendung, in der ganz offen Polygynie betrieben und die Verletzung von Frauen durch das provozierte Liebeswirrwarr offen zur Schau gestellt wird. Umso überraschender ist es, dass Zielgruppe und Publikum der Kuppel-Show hauptsächlich weiblich sein dürften, wo doch die meisten Frauen im wahren Leben durchaus wert auf Monogamie und respektable
Umgangsformen legen.

Das gestrige “Bachelor”-Finale hatte es dann wie gewohnt in sich, denn Griesert präsentierte sich bis zuletzt höchst unentschlossen. So schmiss der 30-Jährige zuerst überraschend eine der beiden Finalistinnen aus der Sendung, um an ihrer Stelle eine Kandidatin wieder zurückzuholen, die er ursprünglich bereits nach Hause geschickt hatte, nur um dann am Ende unter rührseligen Liebesbekundungen doch einer ganz anderen Dame die letzte Rose zu überreichen.

Natürlich stellt sich die Frage Warum tun die das? Warum sind jedes Jahr so viele junge Frauen bereit, sich einen Mann – wenn auch nur temporär – mit Anderen zu teilen und sich darüber
hinaus auch noch von ihm vor einem Millionenpublikum demütigen zu lassen. Der Herzschmerz ist hier vorprogrammiert – und mehr noch: Er ist gewollt. Denn es ist genau jene Art von tränenreichem Drama, wie wir es gestern fast schon voyeuristisch mitverfolgen konnten, das besonders hohe Einschaltquoten generiert. Je mehr zur Schau gestellte Tränen, desto besser – zumindest, wenn es nach RTL geht. Wie sich die Frauen nach Abschluss der Dreharbeiten wirklich fühlen, das erfährt man als Zuschauer nicht. Dafür erfahren vor allem junge Mädchen und Frauen, die das Spektakel Woche für Woche vor dem Fernseher mitverfolgen, dass es völlig in Ordnung ist, von einem Mann betrogen und hingehalten zu werden, solange man am Ende nur sein Herz gewinnt, oder wenigstens eine wenig prestigeträchtige Karriere als TV-Sternchen oder Influencerin hinlegt.

So wie bei RTL suggeriert, ist nicht das normale Leben. Liebesbeziehungen sollten auf gegenseitiger Achtung und Vertrauen aufbauen, nicht auf Klamauk. Und so überrascht nicht, dass die TV-Romanze mit dem Bachelor meistens nur eine kurze Halbwertzeit hat. Oder wie meine Mutter immer zu sagen pflegte: “Mit dem Essen spielt man nicht.” Und mit Gefühlen auch nicht. Nicht einmal zu Unterhaltungszwecken.

 

Bildquelle:

  • RTL_The_Bachelor: rtl
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