Wissen Sie, was gestern vor 102 Jahren passiert ist, und wer mir das erzählt hat? Ich habe seinen Namen vergessen…

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Liebe Leserinnen und Leser,

das “Unternehmen Barbarossa”, der deutsche Überfall auf die kommunistische Sowjetunion heute vor 80 Jahren – müssen das unsere Kinder, müssen wir das wirklich alles noch wissen?

Ich denke schon, und das ist auch der Grund, warum wir beim Konzipieren dieser Tageszeitung für die bürgerliche Mitte eine extra Abteilung “Geschichte” eingerichtet haben. Wir schreiben nicht jeden Tag irgendwelche historischen Ereignisse, wenngleich das problemlos machbar wäre. Es gibt so viele spannende Themen. Wer sich dafür interessiert, der findet im weltumspannenden Internet die geballte Schwarmintelligenz des Planeten, die alles weiß oder zumindest herausfinden kann.

Unsere historisch gebildeten Autoren erzählen nicht einfach irgendwelche alten Dönekes, die uns jeden Tag vorgeschlagen werden von den Nachrichtenagenturen mit politischen Jahrestagen, Geburtstagen und Todestagen. Nehmen wir wahllos mal den gestrigen Tag.

Am 21. Juni vor 15 Jahren ermorden Unbekannte den Anwalt des gestürzten irakischen Ex-Machthabers Saddam Hussein. Das Opfer ist bereits der dritte Verteidiger, der seit Beginn des Prozesses neun Monate zuvor ermordet wurde. Oder gestern vor 55 Jahren wurde im rheinischen Velbert der Kindermörder Jürgen Bartsch verhaftet. Der 19-jährige hatte vier Jungen ermordet und ihre Leichen zerstückelt. Und gestern vor 20 Jahren starb der großartige Bluesmusiker John Lee Hooker, eine Legende schon zu Lebzeiten.

Das sind alles Erzählstoffe, die Journalisten aufgreifen und berichten können. Aber das ist nicht die Philosophie unserer Redaktion. Wir erzählen Geschichte, wenn sie objektiv relevant ist, wenn man aus ihr lernen kann für die Zukunft oder wenn sie die Geschichte der Menschheit beeinflusst, ja verändert haben.

Das Unternehmen Barbarossa war das Kräftemessen zweier Psychopaten, zweier Diktatoren mit jeweils einer schwer gestörten Persönlichkeit. Sie stritten um die Macht über ganz Europa und waren ohne zu zögern bereit, dafür Millionen Menschen zu opfern. Einfach so mit einem Federstrich unter einem Befehl. Millionen Russen und Millionen Deutsche fielen auf den Schlachtfeldern und in den Städten. Besonders mörderisch und in der langen Sicht ein Mosaikstein zu Hitlers Ende war die Schlacht von Stalingrad im Winter 1942/43, als 300.000 Soldaten der 6. Armee und verbündeter Truppen in erbarmungsloser Kälte eingekesselt und abgeschnitten vom Nachschub wurden. Keine Nahrung, kein Feuerholz, kein Treibstoff für die Panzer, keine Munition. Eine gewaltige Streitmacht auf dem Präsentierteller, ein Abschlachten mit Ansage.

Versuche der deutschen Luftwaffe, wenigstens Nahrung zu den eingeschlossenen Soldaten der Wehrmacht einzufliegen, scheiterten kläglich. Drei Scheiben Brot als Tagesration für Männer im Kampf – das war alles, was der Führer von seinem Bunker in Berlin schicken konnte. Die Männer vor Stalingrad starben wie die Fliegen, durch Waffen, durch die Eiseskälte oder sie verhungerten einfach.

Man mag sich das gar nicht vorstellen, dieses Grauen, wir alle können es uns nicht vorstellen, was diese Männer in der Eishölle erlitten haben müssen. Jahrzehnte später, als der erste Irakkrieg zur Befreiung Kuwaits lief, berichtete der Radiosender, für den ich arbeitete, rund um die Uhr vom Kampf dort. Irgendwann bekamen wir von einer audio-Nachrichtenagentur einen Mitschnitt (“O-Ton”) von Funksprüchen aus einem irakischen Bunker, der gerade von amerikanischen Flugzeugen bombardiert wurde. Nie werden ich die Sequenzen vergessen, die wir damals hörten, ohne die Sprache verstehen zu können. Wirklich niemals. Erwachsene Männer, Soldaten, sicher hatten sie selbst zuvor getötet und Böses getan, schrien und weinten wie kleine Kinder. Sie schrien zu ihrem Gott oder wen auch immer, ihnen war alles egal, wenn es nur aufhört irgendwie. Ganz ehrlich, wenn ich mich an diese Aufnahme erinnere, bekomme ich noch heute, 30 Jahre später, eine Gänsehaut.

Ja, wir müssen all das wissen, besonders unsere Kinder müssen begreifen, dass das Wissen und Verständnis der Geschichte elementar auch für ihr eigenes Leben und das ihrer Kindern ist und sein wird. Sie müssen wissen, dass dieses Unternehmen Barbarossa ein erster Schritt war, die Bestie Hitler und sein menschenverachtendes Regime zu stürzen. Und dass die Landung der Westalliierten in der Normandie 1944 genau so ein entscheidender Mosaikstein war. Und warum Auschwitz, Treblinka, Dachau niemals vergessen werden dürfen, weil wir nur so verhindern können, dass etwas derartig abgrundtief Böses noch einmal passieren kann. Ich könnte endlos schreiben hier von Brands Ostpolitik und dem Weg zur Wiedervereinigung, von 9/11, dem Tag, der die Welt bis heute massiv verändert hat, vom erfolglosen Appeasement der Westmächte gegenüber Hitler 1938, von Pol Poth und den Roten Khmer, von Mao Tse Tung und den Säuberungswellen in China.

Schenken Sie Ihren Kindern Bücher, schauen Sie gemeinsam Dokumentationen und hören Sie vor allem den Alten zu, die irgendwann sterben und nicht mehr erzählen können, was sie erlebt haben.

So wie ich als junger Volontär 1985 zu einem alten Mann geschickt wurde, der einen späten runden Geburtstag feierte. Ich hatte einen Stenoblock und meinen Fotoapparat dabei. Er empfing mich in seinem kleinen Zimmer mit der Blümchendecke auf dem Tisch und stellte mir ungefragt eine Tasse heißen und schwarzen “Bohnenkaffee” hin. Er trug auf seinem Kopf eine weiß-blaue Seemannsmütze und eine dunkelblaue Marine-Jacke mit Goldknöpfen. Er hatte seine besten Sachen angezogen, weil da ein junger Mann von der Zeitung kommt und über ihn einen kleinen Geburtstagsartikel für die Lokalzeitung schreiben wollte (musste).

Und dann erzählte er mir zwei, drei Stunden von seinem Leben und wie er zur See gefahren war im Ersten Weltkrieg. Und vom 21. Juni 1919 – gestern vor 102 Jahren. Da versenkten die deutschen Seeleute ihre eigenen 52 gewaltigen Schlachtschiffe der kaiserlichen Reichkriegsflotte, die in der Bucht von Scapa Flow im Norden Englands samt ihrer Mannschaften festgesetzt worden waren. Die Deutschen wollten dem ehemaligen Feind ihre Schiffe nicht übergeben und versenkten sie in der Nacht einfach selbst. Und während mein Kaffee längst kalt geworden war und er mir von Scapa Flow erzählte, liefen ihm Tränen die Wange herunter.

Ich habe, als ich später zurück in die Redaktion kam, meinen Chef davon erzählt, und statt der kleinen Geburtstagsgeschichte druckten wir am nächsten Tag eine ganze Seite über diese Begegnung im kleinen Zimmer eines alten Mannes in einem Altenheim in Bielefeld. Ich hätte ihn später wieder besuchen sollen, ihm vielleicht etwas mitbringen, ihn fragen, was er noch erlebt hat in seinem Leben. Aber das macht man nicht. Ich weiß nicht einmal mehr den Namen, aber ich sehe ihn jetzt, wo ich das hier aufschreibe, vor mir stehen in seinem blauen Marine-Jackett und mit der Seemannsmütze auf dem Kopf. Irgendwo bei uns im Haus in einer Kiste muss ich diese vergilbte Zeitungsseite von damals als dem Westfalen-Blatt noch haben. Ich werde sie am Wochenende, wenn etwas Zeit ist, in den alten Kisten auf dem Dachboden suchen. Und ich werde an den Überlebenden von Scapa Flow denken, den keiner mehr kennt, an den sich niemand erinnert, während Deutschland darüber diskutiert, ob das Münchner Stadion am Mittwoch in den Farben der Homosexuellenbewegung erleuchtet werden soll.

Vergessen Sie die Alten nicht, und das, was wirklich wichtig ist!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.