Wie ein evangelischer Pastor plötzlich öffentich diffamiert wurde, weil er für die Demokratie eintritt

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von MARTIN D. WIND

WEIMAR – „Querdenkermilieu“ – Dieser eine Begriff genügt, um einen bis dato untadligen Gottesmann geradezu zum Paria zu stempelt und sich von ihm zu „distanzieren“. Was war geschehen? Was hat Pastor i. R. Ricklef Münnich verbrochen? Er hat an einer Veranstaltung in Weimar unter dem Motto „Tag der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit – Dein Rechtsstaat braucht Dich – Jetzt!“ teilgenommen. Die Veranstaltung fand am 6. Februar statt auf dem Platz vor dem Nationaltheater. Im Nationaltheater wurde am 6. Februar 1919 die Weimarer Nationalversammlung eröffnet, die der ersten Demokratie auf deutschem Boden – der „Weimarer Republik“ – eine Verfassung geben sollte.

Um daran zu erinnern, um das hohe Gut der Demokratie und deren Grundlagen in Erinnerung und wach zu halten, hatte ein buntes, demokratisches Spektrum verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen unter der Federführung des Bundesverbandes der „Bürger für Deutschland“ eingeladen. Münnich war einer der Redner. Der Ruhestandspastor, der in seinem bisherigen Leben Studentenpfarrer in Weimar, Landesjugendpfarrer in Eisenach, Gemeindepfarrer in Erfurt und bis 2020 im Vorstand des Fördervereins für jüdisch-israelische Kultur in Thüringen e. V. gewesen war, hat zwei Jahre in Israel gelebt, über das nachbiblische Judentum studiert, hat Beiträge für die Zeitung „Jüdische Allgemeine“ geschrieben und setzt sich gegen Antisemitismus ein. Er sah kein Problem darin, an den Kampf um die Demokratie zu erinnern, der Opfer dieses Kampfes zu gedenken und der Niederlegung eines Kranzs beizuwohnen, am heutigen Buchenwaldplatz dem vormaligen „Platz der 56.000“, mit dem der „Opfer des Nationalsozialismus und der totalisierenden Diktatur“ gedacht wurde.

Zwei Tage vor der Veranstaltung distanzierte sich der Förderverein für „jüdisch-christliche Kultur“ von Münnich, ordnete in einer Pressemitteilung die Veranstaltung ein und setzte damit das vorherrschende „Narrativ“ für die weitere mediale Adaption: „eine unverantwortliche Inszenierung im Querdenkermilieu“. Von seiner Rede hatte man da noch kein Wort gehört. Aber die Mitglieder des Fördervereins hatten spitz bekommen, dass unter den aus allen möglichen Milieus und gesellschaftlichen Gruppierungen stammenden Teilnehmern auch der Rechtsanwalt Ralf Ludwig aufgeführt wurde. Der stellt sich auf Twitter als „Rechtsanwalt für Querdenker Für Demokratie, Rechtstaat, Frieden und Freiheit“ vor.

Das genügt. Schon wird in Deutschland 2021 „distanziert“ – von Münnich! Ohne auch nur ein Mal mit Münnich gesprochen zu haben, wie er unserer Redaktion versicherte. Doch das war noch nicht alles. Im Nachgang zur Kranzniederlegung sah sich der Vorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, Reinhard Schramm, ebenfalls zu einer persönlichen Beurteilung genötigt. Mit Blick auf den Text der Kranzschleife meinte er feststellen zu können, dass da „Querdenker“ am Werk gewesen sein müssen. Für ihn steht völlig außer Frage, dass „totalisierende Diktatur“ die „demokratische Regierung der Bundesrepublik“ bezeichne und deren „Opfer“ die von den politisch verordneten Pandemieverordnungen betroffenen „Bürger unseres Landes“gemeint sein müssten.

Damit war der Empörung noch immer nicht genug. Nachdem nun andere vorgeprescht waren und die Richtung und die Interpretationsrahmen gesetzt hatten, sah sich auch die Gedenkstätte Buchenwald genötigt, den „Aufzug“ scharf zu verurteilen. Auf Facebook verlautete ein Mitarbeiter der Gedenkstätte, dass „das Narrativ“ „klar“ sei. Die „Opfer der Konzentrationslager(sic!) würden instrumentalisiert“ und verhöhnt. So solle „Widerstand“ gegen eine vermeintliche „Corona-Diktatur“ gerechtfertigt werden. Das Klima war geschaffen, nun musste auch die Evangelische Kirche reagieren: In einem Artikel zur Veranstaltung und über Pastor Münnich schilderte ein freier Mitarbeiter der Evangelische Kirchenzeitung „Glaube + Heimat“ auf ihrer Internetpräsenz „meine-kirchenzeitung.de“ die Aufregung zu den Vorkommnissen. Münnich bot an, sich dazu zu äußern. Auch in der Zeitung „Thüringer Allgemeine“ wurde „der Fall“ breit ausgewalzt – ohne mit Münnich gesprochen zu haben.

Es dauerte dann beinahe einen Monat und der hartnäckigen Rückfragen an den Chefredakteur der Kirchenzeitung, Willi Wild: Erst dann erhielt Münnich die Chance, sich öffentlich in der kirchenzeitung ausführlich zu den Vorwürfen zu äußern, er habe an einer „Querdenkerdemo“ teilgenommen in deren Rahmen die „Verbrechen des Nationalsozialismus“ relativiert“ und die Opfer des Nationalsozialismus verhöhnt“ worden seien. Das ist im Deutschland 2021 immerhin starker Tobak der da unhinterfragt vier Wochen lang verbreitet wurde und allemal ausreicht, um umfassend sozial und gesellschaftlicher Ächtung anheimgestellt zu werden. Erst am 4. März veröffentlichte die Evangelische Kirchenzeitung das schon länger vorliegende Gespräch mit Münnich.

Der Vorgang aus Weimar steht exemplarisch für das vollkommene vergiftete Debattenklima – von „-kultur“ kann da nicht mehr die Rede sein – in Deutschland. Die Dimenson des Vorgangs ist durchaus geeignet, genau die Kritik zu bestätigen, die Münnich in seiner Rede angeführt hatte: „(…) Das Gespräch, der Dialog, die Diskussion und die Debatte werden abgebrochen; sie finden nicht mehr statt. (…) Demokratie lebt vom Dialog. Ohne Debatte bleibt nur die Anordnung, die Verordnung übrig. Dialog bedeutet, dass du die Meinung des anderen hörst und prüfst, und dich so selbst prüfen und besser kennenlernen kannst. Dialog bedeutet keineswegs, dass du die Ansicht des anderen übernehmen musst.

Was jedoch nicht passieren darf in einer Demokratie, ist, dass du nicht mehr mit dem oder der anderen sprichst, weil sie oder er anderer Meinung ist als du.

Und darum ist es so brandgefährlich, wenn der Staat dir nun sagt, welche Menschen und wieviele Menschen du wo treffen darfst. Es ist ein Grundrecht, mit anderen Menschen Kontakt zu pflegen. Das ist die Basis der Demokratie. (…)“

Bildquelle:

  • Ricklef_Münnich: privat
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