Weil wir Halbleiter von anderen produzieren lassen: Fünf Prozent weniger Autos im ersten Quartal

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von PROF. DR. PATRICK PETERS

BERLIN – Haben Sie’s schon gehört? Die Ford-Werke in Köln und Saarlouis müssen ihre Produktion drosseln, Volkswagen konnte das Mittelklassemodell Passat im Emdener Werk nicht bauen, und am Standort Ingolstadt unterbrach Audi zwei Bänder im Mai. Die Daimler AG wiederum hat wie die Volkswagen AG Kurzarbeit angemeldet. Laut dem Informationsdienstleister IHS-Market sind deshalb im ersten Quartal 2021 rund fünf Prozent weniger Autos produziert worden als noch im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Nun mag man denken, dass dies bestimmt wieder mit der Corona-Pandemie zusammenhängt und vielleicht irgendwelche hanebüchenen behördlichen Beschränkungen eingehalten werden mussten? Weit gefehlt! Der Produktionsstopp in der so wichtigen deutschen Automobilindustrie hing und hängt mit dem Mangel an Mikrochips zusammen.

Und das ist längst nicht vorbei. Die Engpässe in der Versorgung wichtiger Elektronik-Teile könnten die Autoindustrie nach Einschätzung von VW-Markenchef Ralf Brandstätter länger beschäftigen. „Ich denke, dass die Situation durchaus noch angespannt bleiben wird“, sagte er Anfang Mai der Deutschen-Presse-Agentur. Der Hintergrund: Während der Hochphase der Corona-Krise in der Autobranche ab Frühling 2020 hatten Hersteller von Halbleitern ihre Lieferungen auf andere Industrien verlagert. Zuletzt gab es nun auch noch Probleme bei Chip-Produzenten selbst.

Mikrochips sind die Basis für so gut wie alle digitalisierten Produkte, sei es in Smartphones, Computern, Autos, medizinischen Geräten oder bei der Weiterentwicklung von Anwendungen in der Künstlichem Intelligenz. Das bedeutet: Die deutsche Wirtschaft ist bei digitalen Technologien nach Einschätzung der Verantwortlichen in Unternehmen zu sehr auf Importe angewiesen. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung des Digitalverbands Bitkom. Präsident Achim Berg sagte laut eines Medienberichts, Digital-Importe seien existenziell wichtig für die deutsche Wirtschaft. 94 Prozent der Firmen seien darauf angewiesen. „Eine große Mehrheit der Unternehmen in Deutschland hält sich für nur kurzzeitig überlebensfähig, wenn digitale Technologien beziehungsweise Dienstleistungen plötzlich nicht mehr aus dem Ausland bezogen werden könnten.“

Einmal mehr zeigt sich an dieser Halbleiter-Thematik ein eklatantes Problem der deutschen und europäischen Wirtschaftspolitik: Absolut wichtige Industrien wie eben die Produktion von Halbleitern sind weltweit angesiedelt, aber eben nicht in Zentraleuropa. Die großen Hersteller kommen aus den USA und Asien, momentan stammt zwar nicht einmal jeder zehnte Halbleiter weltweit aus der EU, 80 Prozent dagegen aus Fernost. Weltmarktführer Intel hat nur einen Standort in Irland, die asiatischen Topkonzerne TSMC und Samsung machen derzeit um Europa einen weiten Bogen. TSMC aus Taiwan ist der weltgrößte Auftragsfertiger, Samsung aus Südkorea der führende Speicherchiphersteller. Die besonders kleinen und hochleistungsfähigen Nanometer-Chips, die weniger als ein menschlicher DNA-Strang messen, werden überhaupt nicht in Europa hergestellt.

Doch, man höre, auf einmal überschlagen sich europäische Spitzenpolitiker mit Ideen, die eigene Produktion stark auszubauen und eine Art europaweite Halbleiter-Allianz zu etablieren. EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton hat sich zum Ziel gesetzt, den Anteil der Europäer an der Halbleiterfertigung bis zum Jahr 2030 von zehn auf 20 Prozent zu verdoppeln. Der europäische Plan mit dem Namen „Digitaler Kompass“ sieht Investitionen von 140 Milliarden Euro in den nächsten zwei bis drei Jahren vor. Geht es nach Thierry Breton, kann der Rückstand zur internationalen Halbleiterindustrie in dieser Zeit aufgeholt werden.

Doch selbst die staatstreue und staatstragende „Tagesschau“ zweifelt dieses optimistische Zeitfenster an. In einem Artikel heißt es: „Doch auch wenn die Industrie mitspielt und die Steuergelder fließen, dürfte es Jahre dauern, bis die Europäer ihre Stellung auf dem Weltmarkt verbessern.“

Es ist ein Trauerspiel. Die ganze Welt redet von der digitalen Zukunft, und es werden gigantische Wertschöpfungspotenziale aus der Digitalisierung erwartet. Und in Europa stehen die Produktionsbänder still, weil die Versorgung mit Mikrochips nicht funktioniert und die Lieferketten über die gesamte Welt verteilt sind – nur eben nicht in Europa.

Man muss sich fragen, was alles passieren muss, damit Europa ganzheitlich in die Zukunft denkt und sich nicht in der Vergangenheit suhlt. Halbleiter sind wahrscheinlich nur eines von vielen Themen, mit denen sich Europa für die Zukunft auseinandersetzen muss. Man kann uns allen nur dringend wünschen, dass die Politik beginnt zu agieren und nicht weiterhin nur reagiert.

Bildquelle:

  • Halbleiter_Chip: dpa
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