Was treibt den Herrscher im Kreml an?

Wladimir Putin, Präsident von Russland, hört die Nationalhymne nach seiner jährlichen Rede an die Nation. Foto: Alexander Zemlianichenko/AP Pool/dpa

von MARTIN D. WIND

MOSKAU/KIEW – Die Ukraine wurde angegriffen. Von Putins Armee. Nun herrscht Krieg in der Ukraine. Und es herrscht „Krieg“ im Internet. Ein absurder und irreal wirkender Krieg. Warum irreal? Weil es Menschen gibt, die die Verantwortung für den aggressiven Angriff Putins auf ein „Brudervolk“, tatsächlich nicht bei Putin sehen wollen. Sie relativieren, sie lavieren, sie rechtfertigen und erklären. Zum Teil kommen da Besinnungsaufsätze die wahlweise „die USA“, „den Westen“, „die EU“, „die NATO“ Europa und ja sogar das angegriffene Volk selbst, „die Ukrainer“ dafür verantwortlich machen, dass Putin seine Armee gegen einen Anrainerstaat in Marsch gesetzt hat.

Als ob das noch nicht genug wäre, zählen ganz Hartgesottene all die Kriege auf, die „die Amis“ vom Zaun gebrochen haben. Ja. Haben sie auch. Sollen wir jetzt mal anfangen, wo überall die Sowjetunion involviert war, deren territoriale Ausbreiteng Putin mit seinen imperialen Kriegen wieder herstellen will? Das glauben Sie nicht? Dann sollten Sie sich mal anhören und -sehen, was Putin seit seinem Auftauchen auf der politischen Bühne an Wortspenden geliefert hat.

Spätestens seit 2005 als er den Untergang der kommunistischen Diktatur „Sowjetunion“ als „größte geopolitische Katastrophe“ des 20. Jahrhunderts bedauert hatte, konnten politisch sensible Menschen die Metaebene der Botschaft entziffern. Und sein Verhalten tat ein Übriges. Erinnert sei hier an den zweiten Tschetschenienkrieg, dessen Folge die Einsetzung eines blutrünstigen Despoten als Vasall Putins ist. Dann folgte der Einmarsch in Georgien. Hier wendet Putin eine ähnliche Taktik an, wie er das auch in der Ukraine macht: Er „macht“ Russen, die von der georgischen Regierung Autonomie verlangen. Putin „eilt zu Hilfe“.

Und nun also die Ukraine. Es war absehbar, dass Putin diesen souveränen Staat zerstören will. In seinen Reden hat er die Ukraine nie als Staat bezeichnet. Er redet fast ausschließlich von den Ukrainern, die da irgendwo im Südwesten Russlands leben. Für Putin und sein Regime sind Staaten mit demokratischen Strukturen in einem starken Verteidigungsbündnis ein Graus. Sie bedrohen die Machtstrukturen, die er sich mit seinen KGB-Seilschaften aufgebaut hat. Witzigerweise benutzt er in der propagandistischen Vorbereitung seiner imperialen Lustbefriedigung Begriffe, von denen er sicher sein kann, dass sie „im Westen“ – also bei uns – auf fruchtbaren Boden fallen und die Menschen hier so triggern, dass man als „Guter“ sich seinen Deutungsmustern gerne anschließen möchte.

Wer in Deutschland verkündet, er kämpfe gegen „Faschisten“ oder gegen „Rechts“, der hat schonmal Zustimmung. Interessanterweise scheinen in Deutschland allerdings die üblichen Verdächtigen Betreiber dieses Kampfes die Rabulistik des Despoten im Kreml zu durchschauen. Diejenigen, die normalerweise Ziel dieses politischen Kulissendonners werden, wirken wie hingerissen von der Idee, dass Putin nun die Ukraine „entnazifizieren“ wolle. Dabei ist gerade Putin einer, der sich faschistoider Methoden bedient, die man „Nazis“ so gerne unterstellt.

Putin vermied es – ganz KGB-Mann -, sich durch eine „staatliche Propaganda“ feiern zu lassen. Die Medien wurden schlicht brutal offen, aber mit subtiler Zurückhaltung des Kremls dazu gebracht, sich gleichzuschalten. Eine große „Sammlungsbewegung“ „Einig Russland“ bei gleichzeitiger Gängelei der Opposition, sorgte für die politische Mehrheit. Im Bewusstsein, wie wichtig die Indoktrination von Kindern und Jugendlichen ist, nimmt es kaum Wunder, dass es in Putins Russland auch Bestrebungen einer Eingliederung Heranwachsender in Organisationen gibt. Sie tragen zwar unterschiedliche Namen – wie z. B. die in „Molodaja Gwardija“ („Junge Garde“) umbenannte „Naschi“ („Die Unseren“) oder auch die 2015 von Putin am Jahrestag der untergegangenen Jugendorganisation der „Komsomol“ per Dekret gegründete „Junarmija“, die ähnlich der Hitlerjugend und der FDJ in der DDR, vormilitärische Kampfertüchtigung der Jugend anstrebt. Allen gemein ist der „patriotische“ Gedanke“. Diese Identifikation mit dem Staat mündet in serviler Mitläuferschaft in der Putin-Kleptokratie.

Weitere Informationen über den geistigen Unterbau, die „Staatsphilosophie“ eines Vladimir Putin findet man in Geschichtsbüchern unter „Adolf Hitler“ – der ihm offenbar die Blaupausen seiner Aggressionen gegen Nachbarvölker geliefert hat – bei Alexander Dugin oder auch bei Iwan Alexandrowitsch Iljin (1883-1954). Ein abschreckendes Beispiel sollten sich die Kirche und andere Gemeinschaften daran nehmen, wie Putin die russische Orthodoxie gekapert und den Moskauer Patriarchen zur Marionette gemacht hat. Man halte sich von Ideologen, Ideologien, der Politik und von Machthabern fern – egal, wie man umgarnt wird und profitieren könnte.

Am Anfang und Ende der Betrachtung steht Putin. Er hat einen mörderischen Krieg losgetreten. Er könnte ihn beenden. Alles andere ist derzeit irrelevant: Putin will den Krieg, um sein Reich zu errichten. Über alles andere kann man reden – nach dem Krieg!

Bildquelle:

  • Russlands Präsident Putin hält Rede an die Nation: dpa

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