Warum verhaspelt sich Frau Baerbock so oft bei ihren Reden?

HANDOUT - Annalena Baerbock, Kanzlerkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen, spricht in der ZDF-Sendung «Was nun,...?» mit Peter Frey. (Archivbild) Foto: Thomas Kierok/ZDF/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits. Jegliche Umgestaltung, Manipulation oder Bearbeitung des Bildmaterials ist nicht gestattet, es sei denn, es handelt sich lediglich um zur Veröffentlichung technisch erforderliche Anpassungen (z.B. Veränderung der Bildgröße, Pixelzahl, o.ä.).
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von THOMAS PAULWITZ

BERLIN – „Ich leite nicht nur die Grünen. Ich bin auch Politikerin im Deutschen Bundestag. Der Bundestag ist ein großes Haus in Berlin. Dort arbeiten viele Politiker*innen. Das schwere Wort ist: Abgeordnete.“

Das schreibt die grüne Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock in „leichter Sprache“ auf ihrer Seite annalena-baerbock.de. Abgesehen davon, dass für die angesprochene Zielgruppe das Wort „Politiker*innen“ wegen des Gendersternchens schwerer auszusprechen sein dürfte als „Politiker“ oder „Abgeordnete“: Auch Baerbock selbst tut sich schwer mit der deutschen Sprache.
Das müssen ihre Zuhörer immer wieder erleben. In ihren Reden lässt sie Buchstaben weg („Technogien“, „Autobilindustrie“, „Kotakt“, „Listenpatz“, „Repräsentät“). Dabei entstehen auch merkwürdige Sätze wie: „Lasst uns dieses Europa gemeinsam verenden“ (statt „verändern“). Der Tierschutz solle „berüchtigt“ werden (statt „berücksichtigt“). Manchmal fügt sie auch Buchstaben hinzu, spricht von „ehrendamtlich“, „Energieren“ und von „Angriffen von Häuten“ (statt „heute“).

Lücken in „Autobilindustrie“ und „Listenpatz“

Dabei stellen viele Rhetoriker Baerbock grundsätzlich ein gutes Zeugnis aus. Zwar bemängeln sie ihre Mimik und Körperhaltung, aber ihre Gestik sei stimmig. Außerdem spreche sie viel in Bildern. „Frau Baerbock versteht sich auf pointierte Zielsätze ebenso wie auf politische Symbolik und auf rhetorische Kniffe“, schwärmt der Bamberger Rhetoriktrainer Michael Ehlers. Der Berliner Kommunikationstrainer Karsten Noack meint, sie wirke „deutlich überlegter“ als noch vor ein paar Jahren.

Das könnte freilich auch daran liegen, dass die Reden, die sie in der Regel vom Blatt oder vom Teleprompter abliest, nicht von ihr selbst verfasst wurden. Außerdem stellen die Rhetorik-Fachleute fest, dass Baerbock offenbar stark geschult wird. Auf einem Parteitag sei sie „regelrecht übervorbereitet“ aufgetreten. An Überbetonungen oder unstimmigen Pausen merke man, dass sie sich in der für sie geschriebenen Welt nicht wohlfühle.

Der „Kobold“ und die liberalen Feinde der Demokratie: „Scheiße!“

Dazu kommen unzählige Sprachschnitzer. Vor allem vertauscht Baerbock viel: Einheiten innerhalb eines Wortes, Mitlaute und Selbstlaute. Sie will „auf die Grundschauen schulen“ und spricht vom „Bund der Steuerinnenzahler“. Mitlaute ersetzt sie reihenweise durch andere: „Sackkasse“, „zum Grück“, „Fingerschlips“, „Klatzenzimmer“, „zerstärkte Mobilität“, „Antitemitismus“, „Tomeranz“, „Frankleich“. Sie will „klimagerechten Wohlstand für alle schaben“ (statt „schaffen“) und ein „bedingungsgroßes Grundeinkommen“. Oder sie verwechselt die Mitlaute, fragt etwa, wie man nicht „emonotial“ sein könne. Ihr berühmtester Ausrutscher bei den Selbstlauten ist wohl der „Kobold“, statt „Kobalt“. Bei „Schiulen“ ist sie noch während des Sprechens auf den richtigen Vokal gewechselt. Aber sie vertauscht auch ganze Wörter innerhalb eines Satzes. Die „Feinde der liberalen Demokratie“ werden da zu den „liberalen Feinden der Demokratie“.

Baerbock sind diese Mängel sicherlich bewusst und peinlich. Potentielle Stolperfallen wie zum Beispiel Genderwörter lässt sie beim Sprechen sogar eher weg, und das als Grüne. Doch trotzdem passieren ihr immer wieder diese Fehler, und sie ärgert sich sichtlich darüber, was sie noch mehr verkrampfen lässt. Als sie der Parteitag als Kanzlerkandidatin bestätigt, hält sie eine Rede, in der ihr wieder einmal eine Reihe von Sprachschnitzern unterlaufen. Niedergeschlagen verlässt sie die Bühne. Enttäuscht und in dem Glauben, ihr Mikrofon sei bereits ausgeschaltet, lautet ihr erster Kommentar, an Robert Habeck gerichtet: „Scheiße!“

Spiegeln die Sprachstolpereien ein zerfahrenes Denken wider?

Um Patzer zu vermeiden, liest sie viel ab, doch selbst mit dieser Sicherung stolpert sie immer und immer wieder, sehr zur Belustigung ihrer politischen Gegner. Über die Ursache der Schnitzer kann indes nur spekuliert werden. Wenn sich die sprachlichen Aussetzer häufen und durch ganze Reden ziehen, vom Anfang bis zum Ende, dann stellt sich den Wählern irgendwann unweigerlich die Frage nach dem Grund. Schließlich ist es möglich, dass diese Frau einmal Deutschland regiert, etwa in einer Koalition von Grün-Rot-Rot.

Häme ist kaum angebracht. Wer hat sich nicht schon einmal bei einer Rede vor Publikum verhaspelt? Der Hintergrund könnte darüber hinaus jedoch noch ernster sein, als viele glauben. Spiegeln die Sprachstolpereien ein zerfahrenes Denken wider? Ist vielleicht eine Krankheit der Grund? Oder ist Frau Baerbock einfach nur nervös? Oder ist es eine Mischung aus allem? Dass sie nervös ist, weil sie ihre Sprache nicht kontrollieren kann?

Nervosität oder Krankheit?

Laien steht es nicht zu, eine medizinische Diagnose zu stellen. Dennoch wäre sie politisch brisant. Eine Sprech- oder eine Sprachstörung könnte nämlich schlimmstenfalls auf medizinische Ursachen hindeuten, wie sie meist nach einem Schlaganfall entstehen, aber auch durch ein Schädel-Hirn-Trauma oder gar einen Tumor, Parkinson oder Demenz verursacht sein kann.

Das ist alles andere als lustig. Der Wahlkampf birgt jedoch die Gefahr, dass der Gegner über die Symptome spottet, in Unkenntnis der wahren Ursache. Davor sollte ein Patient geschützt werden. Wenn Baerbock nicht „Glück“, sondern „Grück“ sagt, lacht das Volk. Der Fachmann jedoch mag vielleicht eine Dyslalie, ein Stammeln erkennen, genauer gesagt einen „Rhotazismus“, bei dem ein „s“ – oder wie hier ein „l“ – zu einem „r“ wird.

„Das Manko bleibt ihre Stimme“

Es spricht aber auch einiges dafür, dass es sich bei den Aussetzern um einen Ausdruck von Nervosität handelt. Der Rhetorik-Trainer Stefan Wachtel analysierte bereits im Februar in der „Welt“: „Das Manko bleibt ihre Stimme, sie ist eng und vermittelt. Da steht eine unter Druck. Das passt nicht zur Stellenbeschreibung Kanzlerin. Logopäden nennen das hyperfunktionell; man kann daran arbeiten, aber das braucht Zeit, die Annalena Baerbock nicht mehr hat.“ Dieser Druck ist nach der Wahl zur Kanzlerkandidatin nicht kleiner geworden.

Bildquelle:

  • Annalena Baerbock: dpa
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