Warum ich weiß, dass Claudia Pechstein nicht gedopt hat…

Claudia Pechstein holte in Heerenveen ihr 110. Weltcup-Podest. Foto: Jerry Lampen
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von RALF GRENGEL

Abschied ist ein scharfes Schwert. Vor allem, wenn mal so viel Herzblut investiert hat, wie das mein Freund Klaus getan hat, um seinen Lesern bei TheGermanZ jeden Tag aufs Neue zu erläutern, dass sie Teil der (leider) schweigenden Mehrheit in unserem Land sind. Immer wieder habe ich bewundert, mit welchem zeitlichen Aufwand er sich auch dem Fußball, der Formel 1 oder dem Tennis gewidmet hat. Nicht ohne ein schleichendes Gefühl des schlechten Gewissens in mir zu spüren. Hatte Klaus mich doch gebeten, regelmäßig eine Kolumne aus der weiten Welt des Sports zu liefern. Viel zu selten bin ich dieser Bitte nachgekommen. Wer selbst ein (kleines Unternehmen) zu leiten hat, wird verstehen, dass der Tag manchmal einfach zu wenig Stunden hat, um alle Aufgaben zu bewältigen. Nun sitze ich hier und schreibe doch noch mal. Ein letztes Mal. Weil der gute Klaus einmal mehr den richtigen Ton getroffen hat: „Willst du wirklich die einzige Edelfeder ohne Ehrenrunde bleiben?“ Diese WhatsApp von heute Morgen mobilisiert gerade noch einmal alles, was an schlechtem Gewissen so in mir hochkochen kann.

Was also ist das eine, dass passende Thema für eine Ehrenrunde? Für einen Abschied? Einen würdigen. Bei diesen Stichworten komme ich einfach nicht drumherum, mich des Themas „Claudia Pechstein“ anzunehmen. Seit mehr als 30 Jahren arbeite ich jetzt schon als Journalist. Mehr als die Hälfte dieser Zeit habe ich zudem an der Seite Claudia Pechsteins verbracht. Als ihr Manager und Medienberater. Sollte jetzt der eine oder andere die Augen verdrehen, eines gleich vorweg: Nein, sie hat nicht gedopt! Woher ich das weiß? Weil ich sie gefragt habe. Weil sie nein gesagt hat. Weil ich ihr dabei in die Augen geschaut habe. Weil ich sie kenne.

Ich wusste also bereits im Frühjahr 2009 das, was Alfons Hörmann Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) sechs Jahre später öffentlich erklären sollte, als er Claudia Pechstein öffentlich rehabilitierte: „Sie ist Opfer und nicht Täter“. Das stimmt. Aber sie ist noch viel mehr. Sie ist Kämpfer. Vorbild. Ausnahmeathlet. Sie ist Weltklasse, auch mit fast 45 Jahren noch. „Vielleicht hätten es auch schon andere vor mir geschafft. Es hat nur noch niemand versucht“. Das ist Claudias Lieblingsantwort auf die Frage, wie es möglich ist, dass sie mit Mitte 40 noch immer Kreise um den Großteil ihrer Konkurrentinnen laufen kann, von denen so gut wie jede vom Alter her ihre Tochter sein könnte.

Da ist gut kokettiert. Wohl wissend, dass es nicht stimmt. Dazu gehört viel mehr, als es einfach nur zu versuchen. Es braucht Talent. Geschmeidigkeit. Körpergefühl. Disziplin. Ehrgeiz. Willensstärke. Rücksichtslosigkeit. Fleiß. Kampfgeist. Intelligenz. Erfolgsgier. Und zwar immer. Und immer wieder. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Jahrzehnt für Jahrzehnt.

Die Saison 1991/92 (!) war Claudia Pechsteins erste im Seniorenbereich. Unter der Leitung des weltweit erfolgreichsten Eisschnelllauftrainers, Joachim Franke, krönte sie ihr Debütantenjahr mir ihrer ersten Olympiamedaille – Bronze über 5.000 Meter. Auch für mich waren es damals die ersten Spiele als Reporter. Mein Interview mit ihr nach dem überraschen Bronzecoup war sicherlich eines der ersten Radiointerviews ihrer Karriere. Nichtsahnend, dass ich zehn Jahre später Interviewanfragen an Deutschlands erfolgreichste Winterolympionikin aller Zeiten als ihr Manager entgegen nehmen würde. Und nichtsahnend, dass ihr Erfolgscoach ein weiteres Jahr später mein Schwiegervater sein würde. Das Leben verläuft manchmal schon in kurios-schönen Bahnen.

Es waren herrliche Zeiten. Doppel-Weltrekord und Doppel-Olympiagold in Salt Lake City 2002. Ehrenrunde mit schwarz-rot-goldener Perücke, die jetzt im Museum für deutsche Geschichte ausgestellt ist. WM-Gold in unserer Heimatstadt Berlin. Spaßrennen gegen Stefan Raab vor mehr als 4 (!) Millionen TV-Zuschauern nachts um kurz vor Mitternacht. Sponsoren wie Audi, Wella und Esprit. Alles lief wie am Schnürchen. Eine Traumkarriere. Mit dem Ziel Olympia 2010 als Abschluss. Noch einmal Gold. Und als weltweit erfolgreichste Winterolympionikin aller Zeiten abtreten. Märchenhaft.

Doch statt Olympia 2010 gab’s Tränen, Frust und Suizidgedanken. Claudias Autobiographie trägt den Titel „Von Gold und Blut – Mein Leben zwischen Olymp und Hölle“. Ein einziger auffälliger Blutwert hat dem Weltverband ISU 2009 ausgereicht, um Claudia Pechstein damals (zu Unrecht) den Dopingstempel aufzurücken. Verurteilt ohne Beweis. Von einem Sportgericht, das rechtsstaatliche Grundsätze verhöhnt. Den Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ nicht kennt. Öffentlich geächtet. Gebrandmarkt. Bespitzelt vom Staat, dem sie selbst als Hauptmeisterin der Bundespolizei dient. E-Mails heimlich mitgelesen. Telefonate heimlich mitgehört. Ihr Haus durchsucht, Konten gecheckt, Computer beschlagnahmt.

Ergebnis: Kein einziger Hinweis auf Doping. Alle Verfahren eingestellt!

Doch sportrechtlich ist das Urteil immer noch in der Welt. Weil der Sport sich seine eigene (Gerichts-)Welt geschaffen hat. Wiederaufnahme des Verfahrens? Nicht vorgesehen!

Schadensersatz vor ordentlichen Gerichten? Darf sie bis dato nicht verlangen. Begründung des Bundesgerichthofes: Sie habe sich der Sportgerichtsbarkeit unterworfen.

Ein Teufelskreislauf, den Claudia Pechstein genauso vehement zu durchbrechen versucht, wie sie auf dem Eis um Medaillen kämpft. Dabei hat sie alle finanziellen Rücklagen verloren. Sponsoren- und Prämiengelder sind futsch. Doch Aufgeben ist keine Option. Als nächstes wartet der Gang vor das Bundesverfassungsgericht. Zentrale Frage: Darf einem deutschen Staatsbürger tatsächlich das Grundrecht verwehrt werden, ein deutschen Gericht anrufen zu dürfen, nur weil er sich zuvor der Sportgerichtsbarkeit unterworfen hat?

„Der Fall Pechstein“ ist längst ein Politikum. Längst ist auch von Experten diagnostiziert, dass Claudias Vater ihr eine Blutanomalie vererbt hat, der den einen auffälligen Blutparameter erklärt. Jenen einzigen Parameter, der den Verdacht des Dopings gestützt hat.

Längst ist sie deshalb auch vom DOSB rehabilitiert worden.

Längst wird sie deshalb auch in den Eishallen dieser Welt gefeiert.

Längst wird ihr deshalb von der internationalen Konkurrenz mehr Respekt entgegengebracht als je zuvor.

Und längst ist sie deshalb auch ein Phänomen. Eines, das ich im Februar 2018 nach Pyeongchang begleiten werde. In der südkoreanischen Stadt wird Claudia Pechstein zum siebten Mal bei Olympischen Spielen an den Start gehen. 26 (!) Jahre nach ihrer Olympiapremiere 1992.

Und mit etwas Glück gelingt ihr dann vielleicht das gleiche wie bei bei der WM-Generalprobe auf der Olympiabahn im Februar dieses Jahres: Platz zwei über 5.000 Meter. Mit der zehnten Olympiamedaille um den Hals würde wohl die schönste Ehrenrunde ihrer Karriere folgen.

Und ich werde mich in diesem Moment an meine Ehrenrunde für The GermanZ erinnern. Versprochen.

 

Bildquelle:

  • Claudia Pechstein: dpa
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