“Urban Gardening”: Wenn Großstädter ihre Straße zum Garten machen

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von KATHARINE SCHUWALSKI

HAMBURG – Kennt Ihr das? Wenn es im Sommer nach vielen Tagen mal geregnet hat, wächst überall alles gefühlt doppelt so schnell. Auch Unkraut. Auch in der Stadt. Leider sieht das gar nicht schön aus, wenn die ohnehin schon ziemlich wenigen grünen Flecken in dicht besiedelten Stadtteilen dann nur so vor sich hin wuchern. Ich mag das jedenfalls nicht, wenn an manchen Ecken die wilden Gräser kleineren Leuten wie mir quasi bis an die Nase reichen. Ich denke, sowas kann höchstens Insekten gefallen, die sich darin tummeln, aber sicher nicht Verfechtern einer gepflegten Stadt. Vielleicht denkt Ihr, was will sie denn, vor Kurzem hatte sie „Urban Jungle“ doch noch gefeiert. Richtig, doch das war was ganz anderes – sagen wir mal salopp, nicht jeder Jungle ist ein guter Jungle…

Und offensichtlich bin ich nicht die Einzige, die so denkt. Erst gestern war ich in sehr urbanen Vierteln der Stadt unterwegs, in denen man üblicherweise in alten, mehrstöckigen Jugendstilhäusern wohnt. Hier gibt’s in den Straßen nicht sehr viele Grünflächen, oft nur ein paar Bäume am Gehwegrand. Ich hatte viel zu erledigen – erst zum Optiker, dann in eine kleine Bibliothek, später verabredet zum Mittagessen. Wenn man zielgerichtet so durch die engen Straßen eilt, mit dem Handy in der einen Hand und Einkaufstaschen in der anderen, nimmt man wenig Umgebung wahr. Doch ein Beet war nicht zu übersehen! Ich musste kurz stehenbleiben: Am Rand vom Bürgersteig waren um einen Baum herum Blumen gepflanzt, dicht an dicht – in Regenbogen-Farben. Dekoriert mit – natürlich bunten – kleinen Holzsternen und umrahmt von einem akkurat drumherum gebauten kleinen Drahtzaun, um den eine leuchtende Lichterkette gewickelt war. Diese zwei Quadratmeter passten so gar nicht zur pflanzlichen Tristesse drumherum.

Ähnlich ein paar Straßen weiter, dort fand sich ein kleiner Kräutergarten. Nicht so bunt wie das erste Beet, dafür genauso vollgepflanzt und liebevoll beschriftet: Melisse, Basilikum, Petersilie.. Man könnte direkt anfangen zu kochen, dachte ich mir. Und tatsächlich, das schien auch die Intention zu sein! Am Baumstamm hing, befestigt mit einer Schnur, ein Bündel laminierter Kärtchen mit Rezepten.

Ob das Fälle von sogenanntem „Guerilla Gardening“ waren, weiß ich nicht. Das ist ein Phänomen, das noch aus den siebziger Jahren in New York stammt und die Idee verfolgt, städtische Flächen eigenmächtig zu bepflanzen und zu begrünen. Immer wieder hört man auch bei uns von Aktivisten, die solche Aktionen starten. Aber das ist natürlich illegal. Für die Bepflanzung öffentlicher Flächen braucht man immer eine Genehmigung.

Deshalb vermute ich eher, dass sich hier Gärtner beim „Urban Gardening“, also urbanem Gartenbau, ausgetobt haben. Auch das ist übrigens nichts völlig Neues, wenn auch gefühlt zunehmend im Trend. Vielleicht wegen der langen Coronazeit, in der gerade Stadtmenschen die Natur oft noch mehr zu schätzen gelernt haben. Beim gemeinschaftlichen Gärtnern mitten in der Stadt suchen sich „Gärtner“ kein privates Refugium, also anders als bei Kleingärten, sondern wollen damit das Stadtbild verändern. Oft sind es junge Leute, die ihre Freizeit so verbringen. Das kann zum Beispiel in einem von der Stadt geförderten Projekt, einem Schrebergarten oder einem dafür von privater Seite zur Verfügung gestellten Parzelle sein.

Solange das in geregeltem Rahmen abläuft, warum nicht? Viele Leute können einfach keinen Garten haben und wenn es sogar die Stadt verschönert, umso besser! Nur zu weit sollten solche Projekt nicht gehen: In Berlin, im Prenzlauer Berg, hatte ich mal an einer Straße gesehen, dass sämtliche Bäume mit Wolle, also selbst gehäkelt, umwickelt waren. Teilweise meterhoch. Können Bäume etwa frieren? Jedenfalls war das ziemlich befremdlich… Aber solange einfach hübsche Blumen und -wiesen gepflanzt werden, freue ich mich über die florale Abwechslung in der City.

Bildquelle:

  • Urban_Gardening: dpa
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