Unreflektierte Loyalität, bereitwilliges Vasallentum, unbedingte Gefolgschaft bringen unsere Demokratie nicht weiter

von MARTIN D. WIND

Es ist schwer zu ertragen, dass Gruppen, Vereine, Gemeinschaften, Konfessionen, ja sogar Parteien,  denen man angehört, nicht perfekt sind. Aber wir Menschen sind nach wissenschaftlicher Meinung verstandesbegabt, erkenntnisfähig und können vernünftig agieren. Es ist uns gegeben, dass wir die Schwächen und Makel der eigenen Position, des eigenen Vereins, der eigenen Partei erkennen und ertragen können. Ja, mit Charakterstärke können wir es ertragen, dass weltanschaulich Andersdenkende uns die Schwächen unserer eigenen Argumentation vor Augen führen.

Ein souveräner Mensch kann solche Argumente, die die eigene Position schwächen und sogar massiv in Frage stellen, sogar tolerieren, ja akzeptieren und für sich selbst als wahr anerkennen. Das bedeutet noch lange keine Abkehr von der Organisation, mit der er sich selbst identifiziert. Im Gegenteil. Er bewiest damit Reife und erwachsenes Reflektieren. Die Erkenntnis, dass die Kritik an der Weltanschauung keine Kritik am mir als Mensch ist, macht frei von emotionaler und überschäumender Reaktion. Man wächst mit dieser Kritik und wird zum Individuum.

Kann man bei einer distanzierten Betrachtung des Wahlkampfes zur Bundestagswahl 2017 von einem „erwachsenen“ Kampf zwischen vernunftbegabten Menschen reden? Das Verhalten von Parteigängern und Parteisoldaten sowie der Führungsspitzen der Parteien zeigt ein niederschmetterndes und politikmüdigkeitförderndes Bild. Da wird kaum argumentiert, da wird polemisiert, platt gemacht und nicht zugehört. Solche Auseinandersetzungen zu beobachten, ist ermüdend und widert an. Am schlimmsten agieren dabei blindwütige Apologeten ihrer jeweiligen Parteidoktrin. Sie sind in ihrer verblendeten Verbohrtheit derart gefangen, dass jegliche Differenzierung über Bord geworfen wird.

Was immer die Parteiführerin sagt wird bejubelt, was immer der Spitzenkandidat als verbalen Gau landet, wird mit Zähnen und Klauen verteidigt, halbseidene Werbeplakate sind der letzte Hit und die Schwäche des Spitzenkandidaten wird als solche nicht benannt oder gar akzeptiert. Die anderen erkennen den faschistoiden Ansatz einer Verbotspolitik aus „Moralgründen“ nicht, während ganz Extreme als Fortschritt und Menschenrecht bejubeln, dass ihre Führung ungeborenen Menschen das Menschsein und damit die Menschenrechte abspricht. Da kommt es nicht mehr zum Wettkampf der Argumente, da wird nicht mehr gedacht, da wird auch nicht mehr abgewogen oder gar hinterfragt: In unserer deutschen Parteienlandschaft bewegen sich zu viele stramme Mitläufer, die in Nibelungentreue jegliche noch so abstruse Parole ihrer Parteiführungen mitblöken. Denen ist es egal, ob ihre Position Hand und Fuß hat oder nur als selbstgezimmerte und ideologisch unterfütterte, aber realitätsferne Weltbildern ohne Hirn und Verstand Bestand hätte.

Ehrlich gesagt macht „Politik“ mit solchen argumentations- und beratungsresistenten Untertanen keine Freude, der „Streit“ verliert seine „Erotik“, die Parolen-Absonderer beleidigen den Intellekt ihrer Umwelt und der Wähler. Diese Apologeten, die die Linie „ihrer“ Partei auf Teufel komm´ raus rechtfertigen, sind der Tod des politischen Diskurses. Wenn die Parteien das nicht erkennen und massiv gegensteuern, wenn die politische Auseinandersetzung nicht auf eine argumentativen Basis geführt wird, dann kann man schwarz sehen für das demokratische System. Es ist zwar nur Heldenepik, aber die Geschichte um unreflektierte Loyalität, bereitwilliges Vasallentum, unbedingte Gefolgschaft und untertänige Vollhingabe hat in Deutschland einen Namen, und es ist bezeichnend, was daraus erfolgt: Nibelungentreue führt zur vollkommen Vernichtung.

Bildquelle:

  • Wahlplakate_Bayern: hallo münchen

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