Und jetzt alle im Chor: “Ich habe nichts gegen Schwule, wähle nie die AfD, und Corona ist gefährlich”

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Liebe Leserinnen und Leser,

wenn Sie sich diese drei Aussagen einprägen, haben Sie vermutlich in naher Zukunft noch die Chance durchzukommen, wenn Sie sich den Luxus leisten wollen, eine eigene Meinung zu vertreten, die von der Regierungslinie und vom medialen Mainstream in Deutschland abweicht. Anders könnte es für Sie schwierig werden. Vielleicht googlen Sie noch irgendeinen Satz mit Klimaerwärmung und dass die Hautfarbe nichts über Menschen aussagt, es sei denn, sie wäre weiß. Dann haben Sie wenigstens eine Chance, aus der politisch korrekten Hysterie des Establishments in Politik, Medien und Kultur irgendwie wieder herauszukommen, wenn Sie sich mal unbotmäßig ausgedrückt haben.

Die widerwärtige Hasskampagne gegen 53 bekannte Gesichter aus der deutschen Kulturlandschaft, die in den vergangenen Stunden angelaufen ist, lässt einen wieder einmal ratlos zurück. Da sind Leute, die wir alle kennen und die wir in ihrem Metier sehr schätzen für das, was sie leisten. Und dann hat die Münchner Agentur “Wunder Am Werk” eine Idee, nämlich in satirischer Form Kulturschaffende – wie unsere ostdeutschen Landsleute das nennen würden – mit ihrer Kritik am totalen Lockdown unseres Landes und seiner Sinnhaftigkeit zu Wort kommen zu lassen. Ein ernstes Thema, künstlerisch aufspießen – also das, was Satire ja leisten soll. Und dann erleben diese Leute, von denen ich sicher bin, dass fast alle politisch liberal bis linksaußen stehen, das, was viele bürgerlich Konservative in unserem Land seit Jahren aushalten müssen. Sie werden mit Shitstürmen übelster Art überzogen, von Kollegen geschmäht, wie sie es wagen können, eine abweichende Meinung zu der des Juste Milieus zu äußern. Sie werden in die Nähe der AfD und Reichsbürger gerückt, ja sogar der CDU-Politiker Hans-Georg Maaßen wird herangezogen, der diese Art des Mundtotmachen auch bestens kennt, seit er nach einem Mord und Demonstrationen in Chemnitz öffentlich die Wahrheit sagte über angebliche rechte “Hetzjagden”, die es gar nicht gegeben hatte. Und schwupps, schon bist Du raus.

Wer ernsthaft denkt, in diesem Land, in dem wir angeblich gut und gerne leben, könne man gefahrlos seine Meinung frei äußern, wie es der Artikel 5 unseres Grundgesetzes eigentlich garantiert, der macht sich lächerlich. Wir befinden uns auf dem direkten Marsch in eine autoritäre Republik, in der Freiheit nur noch für diejenigen gilt, die Ja und Amen zu allem sagen, was uns die Obrigkeit vorschreibt. Der Vergleich des vereinten Deutschlands mit einer DDR 2.0, überzeugt dabei nicht, denn wer sich anpasst, der kommt ja klar in einem Wohlstandsland, das ein hohes Maß an sozialer Absicherung für den Einzelnen bietet. Und wenn Jan-Josef Liefers ein freches Video verbreitet, wenn konservative Publizisten wie ich solche bösen, bösen Dinge schreiben, dann stehen morgen früh nicht zwei Stasi-Gestalten mit grauen Anzügen und grauen Gesichtern an der Haustür, die sagen: “Kommen Sie mal bitte mit!” Nein, noch sind wir nicht so weit, aber wenn Sie sich einige brutale Polizeieinsätze am Rande aktueller Querdenken-Demos anschauen, dann merken sie, dass der Weg nicht mehr lang ist, bis auch staatliche Gewalt gegen unliebsame Meinungen in Deutschland ein probates Mittel des politischen Kampfes werden kann.

Der Chef der Kölner Handelskammer und Mitglied des Rundfunkrats des WDR (für die SPD) Garrelt Duin kritisierte gestern Jan Josef Liefers und Ulrich Tukur auf Twitter mit folgenden Worten:

“Jan Josef Liefers und Tukur verdienen sehr viel Geld bei der ARD, sind deren Aushängeschilder. Auch in der Pandemie durften sie ihrer Arbeit zum Beispiel für den ‘Tatort’ unter bestem Schutz nachgehen. Durch ihre undifferenzierte Kritik an ‘den Medien‘ und demokratisch legitimierten Entscheidungen von Parlament und Regierung, leisten sie denen Vorschub, die gerade auch den öffentlich-rechtlichen Sendern gerne den Garaus machen wollen. Sie haben sich daher als deren Repräsentanten unmöglich gemacht.”

Auf Deutsch heißt das nichts anderes als: Wer Regierung und Staatssendeanstalten kritisiert, kann nicht weiter dort arbeiten. Berufsverbot für widerborstige Künstler. Auch wenn Duin seinen Tweet inzwischen gelöscht hat, bleibt seine Art totalitären Denkens im Gedächtnis.

Sie halten das für einen bedauerlichen Einzelfall?

Warum ist der wunderbare Dresdner Kabarettist Uwe Steimle nicht mehr im MDR zu sehen? Welchen Anfeindungen war Dieter Nuhr ausgesetzt, nachdem er den lächerlichen Hype um Frau Thunberg karikiert hat? Warum kündigte der S. Fischer Verlag im Oktober 2020 die 40-jährige erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Monika Maron, nachdem diese in mehreren Artikeln die Regierung Angela Merkels deutlich kritisiert hatte? Ich könnte hier noch zahlreiche ähnliche Beispiele auflisten, von Menschen, die ihren Beruf verloren haben, nachdem sie Kritik am System geübt haben – oftmals gut begründet – manchmal auch völlig abwegig, schräg oder einfach dumm, wenn sie an Xavier Naidoo oder Eva Herrmann denken. Man muss deren Gedanken nicht teilen, wirklich nicht, aber verdammt nochmal auch das gehört dazu, wenn man eine freie Gesellschaft sein will, bunt und vielfältig.

Ich wiederhole mich an dieser Stelle: Freiheit ist das Wichtigste überhaupt, Einschränkungen der Rede- und Gedankenfreiheit sind der Tod einer demokratischen Gesellschaft.

Und bitte denken Sie daran und sprechen mir leise nach, bevor Sie schlafen gehen: “Ich habe nichts gegen Schwule, wähle nie die AfD, und Corona ist gefährlich.”

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.