Sodom und Gomorra in Bayern: Gab es Missbrauch, Gewalt und Sexpartys in diesem katholischen Jungenheim?

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von KLAUS KELLE

MÜNCHEN – Wenn diese Vorwürfe stimmen, die Gegenstand von aktuellen Vorermittlungen der Staatsanwaltschaft II München sind, dann hat es im katholischen Piusheim für schwer erziehbare Jungen in Baiern nahe München seit den 70er Jahren schwerste Missbrauchsfälle und Misshandlungen gegeben. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht ein 56-jähriger Mann, der selbst wegen schweren Missbrauchs an kleinen Kindern angeklagt ist. Vor Gericht hatte er ausgesagt, selbst in seiner Kindheit unter anderem im Piusheim von mehreren Männern missbraucht worden zu sein.

Nach den vor zehn Jahren bekanntgewordenen Missbrauchsfällen rund um den Erdball, die das Ansehen der katholischen Kirche weltweit beschmutzt haben, und die erahnen lassen, was einst in Sodom und Gomorra passiert sein soll. Im Piusheim seien massiver sexueller Missbrauch, Gewalt und Prostitution an der Tagesordnung gewesen. Neben einem früheren Erzieher werde auch gegen einen damals angehenden Priester ermittelt, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

Die Vorwürfe reichen von “Anschaffen” und “Sexpartys” über Kleinkriminalität bis zu Prostitution. So seien 90 Prozent der Jungen am Wochenende losgezogen, um Dorfbewohner zu beklauen, 10 Prozent seien zum Anschaffen nach München gefahren. Zwei seiner Freunde hätten sich erhängt, heißt es in den Aussagen des einen Mannes, einer davon in der Dusche mit einem Schal des Fußballclubs 1860 München.

Sodom und Gomorra in Bayern – doch: Die Vorwürfe sind bisher nicht belegbar. “Ob die Angaben sich als belastbar erweisen und ob schließlich eine strafrechtliche Ahndung erfolgen kann, kann noch nicht gesagt werden”, wird Staatsanwältin Karin Jung im FOCUS zitiert.

Das Erzbistum München-Freising bestätigte gegenüber der Deutschen Nachrichtenagentur (DPA), dass es im Zusammenhang mit dem 2006 geschlossenen Piusheim seit 2010 neun weitere Verdachtsfälle wegen sexueller Übergriffe oder körperlicher Gewalt gegeben habe. Alle Fälle ereigneten sich nach Angaben der Katholischen Jugendfürsorge von den 1950er Jahren bis Mitte der 1970er. Die Jungen, die im Piusheim als “schwer erziehbar” betreut wurden, waren zwischen sechs und 18 Jahre alt, die meisten älter als 14.

In zwei Fällen habe es “Zahlungen zur Anerkennung des Leids” gegeben, bestätigt Bistumssprecher Christoph Kappes. Einmal sei es um einen Priester gegangen, den das mutmaßliche Opfer aber nicht namentlich benennen konnte. Die Vorwürfe seien so glaubhaft gewesen, dass das Bistum trotzdem zahlte.

Auch wenn die Vorwürfe letztlich nicht zu harten Fakten, Anklagen und Verurteilungen führen werden, es wäre grauenhaft, wenn all diese Dinge wirklich geschehen sind. Niemals in ihrem Leben würden die Opfer wieder in die Normalität eines Alltagslebens zurückkehren können. Da helfen auch keine Entschädigungszahlungen. Und auch die Institution Kirche verliert in einem dramatischen Maße an Glaubwürdigkeit und Vertrauen. In den weitaus meisten Fällen durchaus zu Unrecht, aber was ist schon gerecht? Sexueller Missbrauch ist widerwärtig, sexueller Missbrauch an schutzbefohlenen Kindern ist besonders widerwärtig. Aber wenn dieser Missbrauch begangen wird von Menschen, die das Gewand eines Priesters tragen, die in der Nachfolge der Apostel Jesus stehen, dann bleibt nur noch pure Fassungslosigkeit über diese Niedertracht. Und auch wenn es nur eine Minderheit ist, und auch wenn die mit Abstand meisten Fälle sexuellen Missbrauche – über 90 Prozent – Im Familienkreis und engeren Umfeld stattfinden… all das ist keine Entschuldigung. Denn Gewalt und sexueller Missbrauch zumal noch in einem Haus Gottes ist unentschuldbar, und nichts anderes als harte Straßen müssen die Konseqwuenz sein.

Bildquelle:

  • Piusheim_Baiern: bayern.jetzt
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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.