Gewalt gegen die eigenen Kinder: Auch Mütter können Täter sein

Anzeige

von MIRIAM THÉRÈSE SOFIN

Wenn Schulen, Kindertagesstätten und Freizeiteinrichtungen ihren Betrieb einschränken, oder sogar ganz einstellen, können Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen ihrer Situation zu Hause nur noch schwer bis überhaupt nicht mehr entfliehen. Und Gewalt und sexueller Missbrauch bleiben noch mehr unentdeckt als sonst, da Erzieher und Lehrer die Kinder und Jugendlichen
wortwörtlich aus den Augen verlieren. Besonders gefährdet sind Kinder mit psychisch kranken Eltern oder einem psychisch kranken Elternteil.

Während Kindesmisshandlung bis hin zur Kindstötung in der Regel mit männlichen Tätern in Verbindung gebracht wird, obliegen Mütter in unserer Gesellschaft grundsätzlich der
Unschuldsvermutung. Denn eine Mutter kann doch unmöglich eine Gefahr für ihre eigenen Kinder darstellen. Doch die Wahrheit ist, dass es viele Kinder gibt, die unter
Gewaltausbrüchen ihrer
Mütter leiden. Ihnen wird fast nie geholfen, weil es so unvorstellbar erscheint, dass eine Frau, die ihr Kind neun Monate im eigenen Leib ausgetragen hat, anschließend gegen dieses kleine Kind dann Gewalt ausübt.

Es ist wie ein blinder Fleck in unserer Gesellschaft, vor dem auch viele Pädagogen die Augen verschließen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie meine Klassenlehrerin in der Grundschule
meine Mutter einmal zum Gespräch bestellte, da ihr immer wieder blaue Flecken an mir aufgefallen waren. Außerdem war ich ein schüchternes, geradezu ängstliches Kind, das im und außerhalb des Unterrichts sehr still war. Meine Klassenlehrerin fragte meine Mutter damals offen heraus, ob mein Vater mich schlagen würde, was meine Mutter lachend verneinte. Damit war das Thema für meine Lehrerin vom Tisch und sie erfuhr nie, dass es nicht mein Vater war, der mich misshandelte, sondern meine Mutter, die sich gegenüber Außenstehenden immer so freundlich gab, dass niemand ihr das auch nur im Ansatz zugetraut hätte.

Noch heute gibt meine Mutter, immer sichtlich fröhlich, diese Anekdote regelmäßig bei Familienfeiern zum Besten – zu Lasten meiner Schwester und mir, die als Kinder nur wenig zu Lachen hatten… Einsicht, oder gar Reue für ihr Fehlverhalten sind meiner Mutter bis heute nicht möglich.

Ja, auch Mütter üben Gewalt gegenüber ihren Kinder aus. Bei Kindstötungen sind sie sogar die überwiegend häufigsten Täterinnen. So werden der Statistik nach zwischen zwei Drittel und drei Viertel der Kindstötungen in der westlichen Welt durch die leibliche Mutter verübt und “nur” ca. ein Drittel durch den leiblichen Vater oder den neuen Partner der Mutter. Aus Untersuchungen geht hervor, dass am häufigsten Mütter mit psychischen Problemen zu Täterinnen werden. Fremde Personen wiederum sind nur in den allerseltensten Fällen für den Mord, oder Totschlag an einem Kind verantwortlich. Die größte Gefahr für Kinder und Jugendliche lauert also ganz klar im eigenen Zuhause.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die im Januar im Auftrag der Pronova BKK, dem Zusammenschluss der deutschen Betriebskrankenkassen, erstellte Studie “Psychische Gesundheit in der Krise”, die sich mit den psychischen Auswirkungen der Corona-Krise befasst. Darin berichten 154 Psychiater und Psychotherapeuten von einer “sehr hohen Dunkelziffer häuslicher Gewalt”. Auch stellen sie fest, dass sich die Symptome ihrer weiblichen Patientinnen während des Corona-Lockdowns noch häufiger verschlimmert haben, als die ihrer männlichen Patienten. So geben rund 70 Prozent der Männer, die sich in psychiatrischer, oder psychotherapeutischer Behandlung befinden, an, dass sich ihre Symptome durch die Pandemie-Maßnahmen “stark verschlimmert“ haben. Bei den Frauen sind es sogar rund 86 Prozent.

Ein weiterer Faktor, der bei der psychischen Gesundheit und Belastbarkeit eine zentrale Rolle spielt, ist die familiäre Situation. So klagen Personen, die sich die Betreuung ihrer
Kinder mit einem Partner teilen, zu ca. 84 Prozent über verschlimmerte psychische Beschwerden, als vor der Pandemie. Bei Alleinerziehenden sind es sogar satte 92 Prozent – die überwiegende Mehrheit davon Frauen, denn knapp neun von zehn Alleinerziehenden in Deutschland sind weiblich. Für sie ist es, mit  geschlossenen Kitas und Schulen nun umso schwieriger, ihr Berufsleben und die Kinderbetreuung unter einen Hut zu bringen; die Nerven liegen bei vielen blank.

So sehr das Thema der Müttergewalt in unserer Gesellschaft tabuisiert wird, so groß ist jedes Mal das kollektive Entsetzen, wenn wieder einmal eine Frau das Leben ihrer Kinder
genommen hat. So hielt sich der Fall der 27-jährigen Mutter, die im September vergangenen Jahres in Solingen fünf ihrer sechs Kinder tötete, wochenlang in den Medien und damit in der Öffentlichkeit. Auffällig war, dass der Täterin dabei viel mehr Empathie entgegengebracht wurde, als Männern, die ihre Familien auslöschen. “Ihr muss es sehr schlecht gegangen sein, sonst hätte sie so etwas Furchtbares niemals tun können”, hörte und las man damals allerorts… Als würde es Männern, die ihre Familien umbringen, grundsätzlich gut gehen.

Viele wollen Mütter als fehlerlose Wesen sehen, ganz so, als würde das Austragen und Gebären eines Kindes eine Frau auf magische Weise in eine Heilige verwandeln. Mütter können genau wie Väter ein Segen oder ein Fluch für ihre Kinder sein. Umso wichtiger ist es, über die Gewalt, die bisweilen auch von Müttern ausgehen kann, offen zu sprechen.

 

Bildquelle:

  • Mutter_Kind: pixabay
Anzeige