Sexueller Missbrauch in den Kirchen: Die Kritiker des Zölibats sind an Fakten nicht interessiert

Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, nimmt an einer Pressekonferenz zur Vorstellung eines Gutachtens zum Umgang des Erzbistums Köln mit sexuellem Missbrauch teil. Foto: Ina Fassbender/AFP Pool/dpa
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Gastbeitrag von HELMUT MATTHIES

KÖLN – „Wut, Verzweiflung, Kirchenaustritte – der Missbrauchsskandal um Kölns Kardinal Rainer Maria Woelki bringt Deutschlands Katholiken auf die Barrikaden – und nicht nur die! Ein ganzes Land ist fassungslos.“ So der BILD-Kommentar am 30. April. Seit Wochen betreiben Medien wie BILD, WDR, Tagesspiegel oder Kölnische Rundschau geradezu eine Kampagne, um den Erzbischof der Domstadt zum Rücktritt zu bewegen. So etwas hat es wohl seit Jahrzehnten noch nie gegen ein Kirchenoberhaupt gegeben. Dabei ist Woelki weder uneinsichtig noch halsstarrig. Mehrere Male hat er Fehler eingeräumt und um Verzeihung gebeten. Der Vatikan hat ihn bisher stets entlastet. Es gibt für ihn an der Basis Unterstützung wie heftige Kritik. Der Aufstand ist offensichtlich vor allem ein Medienphänomen.

Warum gerade Woelki, obwohl beispielsweise der ehemalige niedersächsische Justizminister und Kriminologe Christian Pfeiffer (SPD) die Kritik an ihm als „verlogen“ bezeichnete? Denn der Münchner Kardinal Reinhard Marx habe sich sogar jahrelang unabhängigen Untersuchungen in seinem Bistum widersetzt. Pfeiffer laut FOCUS Online vom 25. Februar:

„Marx ist der Hauptschuldige, dass wir zehn Jahre nach Entdeckung des Missbrauchsthemas immer noch keine Transparenz haben“.

Wie der Berliner Tagesspiegel am 19.Januar meldete, forderte Pfeiffer den Rücktritt des Kardinals. Doch die Mahnungen des SPD-Mannes blieben folgenlos. Abgesehen vom Betroffenenbeirat im Erzbistum Köln, der Bundespräsident Steinmeier aufforderte, Marx das Bundesverdienstkreuz nicht zu verleihen, blieb die Kritik am Münchner Oberhirten insgesamt sehr verhalten.

Über die Gründe braucht man nicht viel zu spekulieren. Kardinal Marx ist Hauptbefürworter des sogenannten Synodalen Weges in der katholischen Kirche, der vor allem für eine liberale Haltung in Sachen Frauenpriestertum und Homosexualität eintritt. Sein Kölner Amtskollege Woelki wiederum ist zum Verdruss vieler Medien und linksorientierter Katholiken ein prominenter Gegner eines Kurswechsels bei diesen heiß umstrittenen Themen.

Für diese Vermutung spricht auch, dass Missbrauchsskandale bei der evangelischen Volkskirche oder den Grünen wie der SED medial kaum eine Rolle spielen. Die SED-Fortsetzungspartei – Die Linke – hat bis heute die Verbrechen an Kindern in den Jugendwerkhöfen der DDR nicht aufgearbeitet. Sie alle sind sexualethisch sehr liberal. Auch die EKD hat sich früh für die „Ehe für alle“ ausgesprochen. Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare sind in allen 20 Landeskirchen möglich, Trauungen in vielen. In so gut wie allen säkularen und kirchlichen Medien und entsprechend in Debatten ist verschwiegen worden, was eine im März 2019 bekannt gewordene Studie der Universität Ulm ergab. Danach sei davon auszugehen, dass von katholischen Pfarrern in den letzten 70 Jahren 114.000 Menschen in Deutschland missbraucht worden sein sollen. Zur großen Überraschung wurde nun aber festgestellt, dass noch einmal ebenso viele durch Pastoren und Mitarbeiter in evangelischen Kirchen betroffen sein sollen (Die Welt vom 12.März 2019). Das ist eigentlich eine „Bombe“, stellt die Studie damit doch infrage, was im katholischen Raum als Hauptursache des Missbrauchs durch Priester angeprangert wird: das Zölibat. In der EKD sind über 80 Prozent der Geistlichen verheiratet. Homosexualität ist nirgendwo ein Hinderungsgrund und kann ausgelebt werden. Höchste kirchliche Amtsträger sind lesbisch oder schwul verheiratet. (Ich gehe ausführlicher darauf in meinem Buch „Gott kann auch anders“, Verlag fontis, 2. Auflage 2020, ein). Und trotz all dieser Freiheiten gab es im evangelischen Raum ebensoviel Missbrauch wie im katholischen!

In den Medien sind auch Missbrauchsskandale in der EKD nur ein Randphänomen. So trat beispielsweise die weltweit erste lutherische Bischöfin – Maria Jepsen – 2010 in Hamburg zurück, weil ihre Glaubwürdigkeit – wie sie sagte – angezweifelt werde. Zuvor war ihr öffentlich vorgeworfen worden, sie sei Hinweisen auf sexuellen Missbrauch in der Kirchengemeinde von Ahrensburg bei Hamburg nicht frühzeitig nachgegangen. Sie selbst bestreitet dies. 2010 war ans Licht gekommen, dass Gert-Dietrich Kohl als dortiger Pastor sich in den 70er und 80er Jahren an mindestens 13 Minderjährigen vergangen hatte, darunter auch an seinen Stiefsöhnen. Sein Kollege in der Gemeinde – Pfarrer Friedrich H. – soll die Taten gedeckt und selbst intime Beziehungen zu Mädchen aus seiner Jugendgruppe unterhalten haben (ideaSpektrum 17,2012). Schon 1999 sollen kirchenleitende Personen informiert gewesen sein. Nach der Aufdeckung erklärte der Vorsitzende der konservativen lutherischen Kirchlichen Sammlung um Bibel und Bekenntnis, Pastor Ulrich Rüß (Hamburg): „Es wird entsprechend deutlich, dass Missbrauchsfälle unabhängig von Zölibat und Konfession überall möglich sind.“

Erst Ende April dieses Jahres wurde über den Fall eines prominenten evangelischen Kirchentagsreferenten berichtet: Helmut Kentler. Der Professor für Sozialpädagogik war in den 60er und 70er Jahren verantwortlich für ein von ihm initiiertes „Experiment“, Pflegekinder in Berlin „mit dem Ziel der Resozialisierung bewusst an pädophile Pflegeväter zu vermitteln“ (Welt Online vom 27. April). Das Land Berlin hat nun entschieden, zwei Betroffenen eine finanzielle Entschädigung zu zahlen, um auf diese Weise ihr Leid anzuerkennen.

Was so gut wie nirgendwo erwähnt wird: der pädophile Sexualwissenschaftler war 1960 bis 1962 Jugendbildungsreferent der Evangelischen Akademie Arnoldshain. Danach arbeitete er an verschiedenen Akademien in der EKD wie Bad Boll oder Tutzing mit. Den größten Einfluss aber hatte er als gefeierter Redner vor Tausenden Zuhörern etwa auf den Deutschen Evangelischen Kirchentagen 1985 in Düsseldorf, 1987 in Frankfurt am Main und 1989 in Berlin. Überall trat er z. B. für eine Sexualisierung der Sprache ein. Als er 2008 starb, brachte die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej) einen freundlichen Nachruf. Weder die Evangelische Akademien, noch der Kirchentag oder die Evangelische Jugend haben sich bisher von Kentler distanziert. Von der EKD gibt es auch keine selbstkritische Aussage dazu, dass einer der schlimmsten Missbrauchs-Täter – der berüchtigte Schulleiter der Odenwaldschule, Gerold Becker (1936-2010) – einst der Kammer der EKD für Bildung und Erziehung angehörte. Der Pädokriminelle verging sich an zahlreichen Schülern (ideaSpektrum 26/2010).

Das Ungleichgewicht der medialen Kritik an sexuellem Missbrauch offenbart, dass es nach meiner Wahrnehmung nicht nur um eine Verurteilung von schlimmem Fehlverhalten geht, sondern auch um eine gezielte Diskreditierung konservativer Kirchenleiter.

Zum Schluss sei mir noch eine persönliche Anmerkung gestattet:

Mehrfach hatte ich als Protestant in den letzten Jahren die Möglichkeit, im Rahmen eines ökumenischen Arbeitskreises Kardinal Woelki zu treffen und mit ihm zu sprechen. Ich erlebte ihn als glaubwürdigen Theologen, Seelsorger und Bischof – fast zum „Katholischwerden“.

(Helmut Matthies ist evangelischer Pfarrer und Journalist. Er lebt in Brandenburg an der Havel.)

Bildquelle:

  • Woelki-Gutachten zu Missbrauch im Bistum Köln: dpa
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