von KLAUS KELLE
BERLIN – Was treibt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan für ein Spiel in diesen nervenaufreibenden Zeiten? Auf jeden Fall verfolgt er offenkundig eine Strategie des Türkei zuerst!, was seinen Bündnispartner bisweilen den Schweiß auf die Stirn treibt. Man weiß nie, wie man bei diesem Mann wirklich dran ist.
Die Europäische Union (EU) hat sich gerade mal wieder „besorgt“ geäußert, dass die Türkei eine zu enge Partnerschaft mit Russland pflegt – trotz des Angriffskriegs der Russen in der Ukraine und der scharfen westlichen Sanktionen gegen Moskau. Die Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Türkei und Russland gebe «Anlass zu großer Sorge», heißt es in einem Schreiben des EU-Außenbeauftragten Josep Borrell an das EU-Parlament, aus dem die Funke Mediengruppe zitiert. Ebenfalls beunruhigend sei die fortgesetzte Politik der Türkei, «sich den restriktiven Maßnahmen der EU gegen Russland nicht anzuschließen».
Und es wird noch doller: Erdogan will heute jeweils Gespräche mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin und dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj führen, um die Dauerhaftigkeit des fragilen Getreideabkommens mit dem extra eingerichteten Korridor für Frachtschiffe im Schwarzen Meer «zu stärken». Denn dieses Getreideabkommen ist insbesondere für die armen Staaten Afrikas geradezu überlebenswichtig. Erdo bringt die Kriegsgegner zum Verhandeln, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Wahrscheinlich bekommt er irgendwann den Friedensnobelpreis verliehen.
Die Türkei, wäre sie eine Braut, könnte man niemals heiraten, weil sie sich nicht festlegt.
Wo sind Vorteile herauszuholen, ohne selbst etwas Substanzielles zu geben, insbesondere ohne Verlässlichkeit zu geben? Erdogan pflegt eine „Freundschaft“ mit dem Kriegstreiber im Kreml, strebt nach wie vor die EU-Mitgliedschaft seines Landes an. Auch der ukrainische Präsident Selenskyj ist sein Freund, und die Türkei ist ein überaus wichtiges Mitglied der NATO an der Außengrenze zum explosiven Nahen Osten. Da lässt er hier und da mal bombardieren, im Schwarzen Meer russischen Kriegsschiffen die Durchfahrt durch den Bosporus verweigern und blockiert die Aufnahme Finnlands und Schwedens in die NATO. Und dann kauft er für die Türkei für Milliarden Dollar Waffen in Russland. Alles gleichzeitig. Man kann nicht sagen, dass der Mann ein Langweiler am Tisch der Mächtigen ist.
Erdogan weiß, wie wichtig er und sein Land in diesen Zeiten für den Westen sind – und gleichzeitig für die Russische Föderation, die nicht mehr viele Freunde unter den starken Wirtschaftsnationen hat, außer in manchen Gegenden Ostdeutschlands vielleicht.
Russland kann die Sanktionspolitik der USA und der Europäer durchhalten, so lange China Putin nicht fallen lässt. Und genau das weiß man in Moskau. Hobbystrategen, die darauf setzen, dass auch das große und zunehmend mächtiger werdende Indien an der Seite Russlands stehen, haben wirklich keine Ahnung von Realpolitik.
China und Indien betreiben Realpolitik
Aber sie sind keine Freunde. Und schon gar keine Freunde Russlands, wenn es um den sinnlosen Angriffskrieg gegen die Ukraine geht. Natürlich sanktionieren sie Russland nicht, weil sie Vorteile dadurch haben. So kauft Indien Unmengen an Erdgas zu Ramschpreisen in Russland, das so kurzfristig anderswo die Mengen gar nicht liefern kann, die ihnen durch die Sanktionen in Europa verloren gehen. Und China als Kunde kann schon deshalb nicht einspringen bei der Abnahme von Erdgas, weil die logistischen Möglichkeiten dazu bisher nicht existieren. Also alles Schattenboxen, Spiegelfechtereien wie Chinas aktuelle Ankündigung, sich nicht an die von der EU verhängte Preisgrenze von 60 Dollar halten zu wollen. Müssen sie ja nicht, nur mehr als 50 Prozent der globalen Tankschiff-Kapazitäten halten westliche Länder vor, und die liefern nur noch zum von der EU festgesetzten Preis…oder gar nicht.
Alles hängt mit allem zusammen, und deshalb ist Erdogans Türkei eines der wichtigsten Akteure in dieser Zeit. Und dafür kann man Präsident Edogan Respekt zollen, auch wenn er leider nicht unser Spiel spielt.
Bildquelle:
- Erdogan: dpa