Pulverfass Gaza: Natanjahu lässt Infrastruktur der Terroristen konsequent zerstören

Dichter Rauch steigt nach mehreren israelischen Luftangriffen über den Gebäuden der Stadt auf. Foto: Mohammed Talatene/dpa
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TEL AVIV – Israels Militäreinsatz gegen die im Gazastreifen herrschende Hamas wird nach Worten des Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu «so lange wie nötig weitergehen».

Netanjahu sagte am Samstagabend, man müsse zunächst die Infrastruktur der islamistischen Hamas zerstören. «Uns stehen noch schwere Tage bevor, aber wir werden sie gemeinsam durchstehen und siegen», sagte der 71-Jährige.

Nach dem bisher massivsten Raketenangriff militanter Palästinenser auf den Großraum Tel Aviv hatte Israels Militär seine Attacken auf ranghohe Hamas-Mitglieder verstärkt. Die Luftwaffe habe die Häuser von Raed Saad, Hamas-Chef für Spezialeinsätze, sowie zweier Hamas-Kommandeure in Chan Junis im Süden und Dir el-Balach im mittleren Abschnitt des Gazastreifens beschossen, teilte die Armee am späten Samstagabend mit. Israels Militär drohte außerdem der Hamas-Führungsriege mit gezielter Tötung.

Militante Palästinenser im Gazastreifen hatten am Samstag drei Mal kurz hintereinander Raketen auf die Küstenmetropole Tel Aviv gefeuert. Dabei wurde ein Mann getötet. Israels Luftwaffe zerstörte kurz darauf ein 14-stöckiges Hochhaus im Gazastreifen, in dem Medienunternehmen wie Associated Press (AP) ihre Büros hatten.

Die Nachrichtenagentur AP reagierte entsetzt. «Das ist eine unglaublich beunruhigende Entwicklung», teilte AP-Präsident Gary Pruitt am Samstag in New York mit. «Wir sind nur knapp einem schrecklichen Verlust von Menschenleben entgangen.» Ein Dutzend AP-Journalisten und freie Mitarbeiter seien rechtzeitig in Sicherheit gebracht worden.

Es ist das fünfte Hochhaus, das Israels Armee seit Beginn der jüngsten Eskalation am Montag zum Einsturz bringt. Den Angaben zufolge hatte auch der katarische TV-Sender Al-Dschasira (Al-Jazeera) ein Büro in dem zuletzt zerstörten Gebäude. Die israelische Armee teilte bei Twitter mit, Kampfjets hätten ein Hochhaus angegriffen, in dem der Militärgeheimdienst der islamistischen Hamas über «militärische Ressourcen» verfügt habe. Die islamistische Hamas wird von Israel, den USA und der EU als Terrororganisation eingestuft. Sie hat die Zerstörung Israels zu ihrem Ziel erklärt.

Ein Sprecher des militärischen Hamas-Arms drohte Tel Aviv daraufhin mit einer «Antwort, die die Erde erschüttern lässt». Seine Organisation kündigte zudem an, von Mitternacht an erneut Raketen auf Tel Aviv feuern. Ein Kommandeur der iranischen Revolutionsgarden, General Ismaeil Ghani, sicherte der Hamas in einem Telefonat mit dem Hamas-Chef Ismail Hanija am Samstag uneingeschränkte Unterstützung im Kampf gegen Israel zu, wie iranische Staatsmedien berichteten.

Die USA bemühen sich intensiv um Deeskalation im Gaza-Konflikt. US-Präsident Joe Biden telefonierte am Samstag zum zweiten Mal in dieser Woche mit Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und erstmals auch mit Palästinenserpräsident Mahmud Abbas. «Der Präsident bekräftigte seine nachdrückliche Unterstützung für das Recht Israels, sich gegen die Raketenangriffe der Hamas und anderer terroristischer Gruppen im Gazastreifen zu verteidigen», teilte das Weiße Haus zu dem Telefonat mit Netanjahu mit. Biden habe seine Besorgnis über die Sicherheit von Journalisten zum Ausdruck gebracht und die Notwendigkeit betont, deren Schutz zu gewährleisten.

Im Gespräch mit Abbas habe Biden habe zudem betont, die Hamas müsse den Raketenbeschuss auf Israel einstellen, teilte das Weiße Haus mit. Biden und Abbas hätten ihre Sorge über den Tod unschuldiger Zivilisten zum Ausdruck gebracht. Der US-Präsident habe sein Engagement für eine verhandelte Zwei-Staaten-Lösung betont.

Der US-Spitzendiplomat Hady Amr war zuvor nach Angaben der US-Botschaft in Israel auf dem Flughafen Ben Gurion bei Tel Aviv gelandet. US-Außenminister Antony Blinken hatte ihn gebeten, sich mit Vertretern beider Seiten zu treffen.

EU-Chefdiplomat Josep Borrell rief dazu auf, das Völkerrecht zu respektieren. Es müsse vollen humanitären Zugang zum Gazastreifen geben, forderte der Hohe Vertreter der EU am Samstagabend nach Gesprächen mit Vertretern der Konfliktparteien. Er verurteilte die Raketenangriffe aus dem Gazastreifen. Israel habe das Recht, seine Bevölkerung vor diesen Angriffen zu schützen, müsse aber angemessen handeln und zivile Opfer vermeiden.

Israels Militär drohte unterdessen der Führungsriege der im Gazastreifen herrschenden Palästinenserorganisation Hamas mit gezielter Tötung. Armeesprecher Hidai Zilberman sagte dem israelischen Fernsehen am Samstagabend, man werde in der Nacht weiter wichtige Einrichtungen der Hamas und des Islamischen Dschihads überall im Gazastreifen angreifen. Dies gelte auch für die höchste Führungsriege der Hamas.

Die Hamas hat nach Angaben eines israelischen Luftwaffenoffiziers seit Montag mehr als 2300 Raketen auf Israel abgefeuert. Israel habe im gleichen Zeitraum mehr als 650 Ziele im Gazastreifen angegriffen. Der Konflikt zwischen Israel und der im Gazastreifen herrschenden Hamas war zu Wochenbeginn eskaliert. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza wurden seitdem rund 145 Menschen getötet und 1100 verletzt. Wie der Rettungsdienst Magen David Adom mitteilte, kamen in Israel durch den Raketenbeschuss der vergangenen Tage zehn Menschen ums Leben, 636 wurden verletzt.

Die amtliche palästinensische Nachrichtenagentur Wafa teilte am Samstag mit, in dem Flüchtlingslager Schati im Westen von Gaza sei ein Haus getroffen worden. Laut palästinensischem Gesundheitsministerium wurden dabei zehn Mitglieder einer palästinensischen Familie getötet, darunter acht Kinder. Ein fünf Monate alter Junge überlebte den Angriff demnach. Die israelische Armee prüft die Berichte.

Zuletzt hatte Israels Luftwaffe auch ein breites Tunnelsystem der im Gazastreifen herrschenden Hamas angegriffen. Dabei wurden eigenen Angaben zufolge 500 Tonnen Munition eingesetzt. An dem Angriff auf das sogenannte Metro-System in der Nacht zum Freitag seien 160 Flugzeuge beteiligt gewesen, sagte ein ranghoher Offizier der israelischen Luftwaffe. Es sei noch unklar, ob und wie viele Hamas-Kämpfer dabei getötet worden seien. «Potenziell sind es aber Hunderte», sagte er.

Ausländische Medien warfen der israelischen Armee vor, sie mit einem Tweet kurz vor dem Angriff absichtlich manipuliert zu haben. «Luft- und Bodentruppen greifen gegenwärtig im Gazastreifen an», hieß es darin in der Nacht zum Freitag, als mit einer Bodenoffensive Israels gerechnet wurde. Dies hatte nach Medienberichten zahlreiche Hamas-Kämpfer dazu bewegt, in das unterirdische System abzutauchen. Die Armee dementierte und sprach von einem Kommunikationsfehler. Es befinde sich kein israelischer Soldat im Gazastreifen.

Israel hat dem Offizier zufolge insgesamt 31 Raketenwerkstätten von Hamas und dem extremistischen Islamischen Dschihad zerstört. Hamas habe daher gegenwärtig nicht mehr die Fähigkeit, neue Raketen herzustellen.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern hatte sich während des muslimischen Fastenmonats Ramadan und nach der Absage der palästinensischen Parlamentswahl zugespitzt. Als Auslöser gelten etwa Polizei-Absperrungen in der Jerusalemer Altstadt, die viele junge Palästinenser als Demütigung empfanden.

Hinzu kamen Auseinandersetzungen von Palästinensern und israelischen Siedlern im Jerusalemer Viertel Scheich Dscharrah wegen drohender Zwangsräumungen sowie heftige Zusammenstöße auf dem Tempelberg (Al-Haram al-Scharif). Die Anlage mit Felsendom und Al-Aksa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen. Die islamistische Hamas hat sich zum Verteidiger Jerusalems erklärt.

Die Palästinenser gedachten am Samstag, dem Tag der Nakba (Katastrophe), der Vertreibung und Flucht Hunderttausender Palästinenser im Zuge der israelischen Staatsgründung 1948. Rund 500 Menschen demonstrierten in Ramallah im Westjordanland.

In mehreren Ländern protestierten jeweils Tausende Menschen gegen die Luftangriffe der israelischen Armee auf Gaza, darunter in der britischen Hauptstadt London, in Frankreichs Hauptstadt Paris und im Irak. Auch im Libanon demonstrierten erneut Dutzende an der Grenze zu Israel. Israelische Sicherheitskräfte feuerten Augenzeugen zufolge Tränengas auf Menschen, die sich dem Grenzzaun näherten.

Bildquelle:

  • Konflikt in Nahost: dpa
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