Politischer Schlagabtausch? Das ist pfui…

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von KLAUS KELLE

Was war ich früher elektrisiert, wenn Wahlkampf anstand. Als junger Mann fuhr ich nachts mit dem VW Bulli von Dorf zu Dorf und baute Plakatständer auf, um sie dann mit selbst angerührtem Kleister und Wahlplakaten – vorzugsweise von Helmut Kohl – zu bepflastern. Auch bei Minus-Temperaturen und strömendem Regen. Das war wichtig, denn wenn Wahlkampf war und die Sozis hatten als erste ihre Plakate an der Bundestraße 239 aufgereiht, wurde ich im Laden angesprochen, wir hätten wohl in diesem Jahr keine Lust…

Und die großen Wahlkundgebungen in der Dortmunder Westfalenhalle. Was haben wir den Geißler damals mit Ovationen gefeiert. Und als Ordner bei Franz-Josef Strauß in Herne, mitten im roten Ruhrgebiet – auch unvergesslich.

Heute langweilt es mich nur noch. Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Wahlkampf ist wichtig, der Streit um die besseren Konzepte. Aber wenn keiner mehr streitet, wenn auch kaum noch einer überzeugende Konzepte anbietet, wenn keiner wirklich leidenschaftlich um die richtige Politik ringt – dann macht Wahlkampf keinen Spaß.

Jetzt regen sich wieder alle auf, weil die Union bei den Martin-Schulz-Festspielen nicht mehr mitmachen will. Da soll es Strategie-Papiere im Adenauer-Haus geben, in denen von der desaströsen Bilanz der Bürgermeister-Zeit des sozialdemokratischen Heilsbringers aus Würselen die rede ist. Und von Spesenrittern im Umfeld des Kanzlerkandidaten wird geflüstert.

Ja, klar, ist ja Wahlkampf, werden Sie denken. Aber so denkt das politisch-mediale Establishment in Deutschland nicht. Politische Schlagabtausch, das ist pfui! Einen Kandidaten auch persönlich zu hinterfragen, der deutscher Regierungschef werden will? Das gehört sich nicht. Wir sind alle Freunde, wir sind tolerant, wir sagen nichts Böses über andere.

So ein Langweiler-Laden zieht allerdings auch keine Menschen an. Dass die Wahlbeteiligung vielerorts nachgelassen hat, ist auch dem Umstand geschuldet, dass es nicht mehr kracht. Ältere von uns sehnen sich nach der guten alten Zeit zurück, als die Wehners und Strauß’ noch aufeinander prallten. Heute sind es nur noch die Taubers und Oppermanns….

 

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.