Nein, für das Grauen von Auschwitz darf es keinen Schlussstrich geben!

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von KLAUS KELLE

Irgendwann im Sommer 2005 war ich in Oświęcim, Auschwitz, wie wir die polnische 40.000-Einwohner-Stadt nennen. Ich war als Journalist dort in Begleitung einer Delegation des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers. Wenn Politiker, hohe Repräsentanten unseres Landes, nach Polen reisen, dann fahren sie immer an diesen Ort. Denn hier betrieb das mörderische nationalsozialistische System ihr größes Vernichtungslager überhaupt.

Organisiert und bewacht von der SS wurden Menschen aus ganz Europa zusammengepfercht wie Vieh in Eisenbahnwaggons an diesen Ort transportiert nur mit einem einzigen Ziel: sie zu töten. “Endlösung der Judenfrage” nannten die Barbaren das, die das Böse schlechthin hervorbrachten in einem unvorstellbaren Ausmaß. Die Nazi-Schlächter, die Alte, Frauen, Kinder und letztlich auch die zeitweise arbeitsfähigen Männer  in die Gaskammern trieben, ihnen vorspielten, sie würden zum Duschen gebracht, um dann elendig am Giftgas Zyklon B zu verrecken. Zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen – Kommunisten, Homosexuelle, Geistliche, sowjetische Kriegsgefangene – zu 90 Prozent europäische Juden wurden industriell organisiert in den Gaskammern getötet. Und es gab noch weitere Vernichtungslager.

Es schien die Sonne, blauer Himmel, als wir die Gedenkstätte besuchten. Es war ruhig, sehr ruhig, obwohl viele Menschen hier waren. Ich erinnere mich, dass uns eine Frau aus einer israelischen Reisegruppe auf Deutsch fragte, woher wir kommen. Als wir antworteten, dass wir aus Deutschland seien, drehte sich sich ohne ein weiteres Wort um und ging weiter. Es ist schwer zu beschreiben, welche Gedanken einem durch den Kopf gehen und wie es sich anfühlt an diesem Ort des Grauens zu stehen. Wenn es einen Teufel gibt, dann muss er hier gewesen sein. Man steht in einer der erhaltenen Gaskammern (Foto) und im Gehirn formt sich unwillkürlich der Gedanke: Wie kann ich hier in diesem nüchternen Steingewölbe stehen, wo Zehntausende Menschen so jämmerlich gestorben sind? Was müssen diese armen Seelen in den letzten zwei Minuten ihres Lebens empfunden haben? Hatten einige immer noch Hoffnung, dass sie irgendwie entkommen können? Sehnten sie dem Einströmen des tödlichen Gases entgegen, damit es endlich, endlich vorbei ist? Ich habe gelesen, dass manche Kleinkinder und Babys die Gaskammern überlebten, weil Zyklon B nach oben aufsteigt und die Kleinen kaum etwas einatmeten. Wenn dann die Räumkommandos kamen und solche kleinen wimmernden Wesen fanden, schossen sie ihnen einfach in den Kopf.

Menschen sind fähig, schreckliche Dinge zu tun. Das weiß man nicht nur von Serienmördern heutiger Zeiten, deren blutige Taten von Hollywood verfilmt und zu Kassenschlagern werden. Das weiß man auch durch Stalins Schreckenherrschaft der Gulags, das weiß man vom Massenmord des Pol Pot-Regimes in Kambodscha, das weiß man vom Abschlachten einer Million Menschen in Ruanda. Die Liste der Gräueltaten auf dieser Welt scheint endlos. Gräuel – übrigens ein Begriff, der aus der Bibel stammt, wo im Buch Mose Gesetzesüberschreitungen mit den Worten beschrieben wurden, sie seien “dem Herrn ein Gräuel”.

Irgendwo auf dem Gelände, wo ein paar sehr alte Bäume stehen, war der Platz, wo man die Asche der verbrannten Opfer ausstreute, erzählte man uns. Ich ging ein paar Schritte abseits unserer Gruppe, um meine Gedanken zu sammeln. Selbst wenn man versucht, die Eindrücke irgendwie im Kopf geordnet zu bekommen, es ist unmöglich. Was sind das für Menschen, die zu so etwas fähig sind? Angefangen von den Mächtigen, die am 20. Januar 1942 auf der Wannseekonferenz die Planung für die Deportation und Vernichtung der europäischen Juden begannen. Bis hin zu den SS-Männern auf den Wachtürmen, zu den Lagerinsassen, die sich für niedere Arbeiten verkauften, um ein paar Wochen länger leben zu dürfen. Leben…kann man das so nennen?

SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann organisierte den mörderischen Wahnsinn so kalt und geschäftsmäßig, als ginge es um die Produktion von Herrenschuhen. Dr. Josel Mengele stand an der Rampe in Auschwitz, wenn die Züge ankamen. Mit einer Handbewegung entschied er, wer arbeitsfähig war und wer direkt ins Gas geschickt wurde. Zeugen beschreiben ihn als einen Hundertprozentigen, vollkommen überzeugt von der Nozwendigkeit der totalen Vernichtung der jüdischen Rasse. Erbarmungslos nahm er selbst menschenverachtende Versuche an Zwilligen vor, experimentierte an lebenden Menschen, wie viel Schmerz sie aushalten, wie lange es dauert, bis sie sterben. Hygienische Zustände waren ihm egal, wer krank wurde, bekam keine Medikamente und wurde getötet. Was für Bestien bringt ein solches System hervor, dass von der Überlegenheit der eigenen Rasse fanatisch überzeugt ist? Herrenmenschen nannten sich die Leute.

Im Jahr 2009 war ich in Washington DC im Holocaust-Museum, eine beeindruckende und zutiefst bedrückende Ausstellung. Ich stand an einem Modell der Gebäude mit den Gaskammern in Auschwitz als ein Lehrer mit vielleicht 15 Schülern, so etwa 14 oder 15 Jahre alt, den Raum betrat und sich neben mir vor dem Modell aufstellte. Niemand wusste, dass ich ein Deutscher bin. Der Lehrer erklärte die Abläufe im Lager, dass man den Häftlingen gesagt hatte, sie würden zum Duschen gebracht und wo dann das Gas hereingeleitet wurde, an dem sie alle qualvoll starben. Ich habe mich in diesem Moment so sehr geschämt wie nie in meinem Leben. Aber nach meinem Artikel damals schrieben mir auch Leser, es gäbe heute keinen Grund mehr für Scham. Wir seien nicht dabei gewesen, und hätte Deutschland nach dem Krieg nicht viel Geld bezahlt als Wiedergutmachung? Und überhaupt: Irgendwann müsse auch mal Schluss sein.

Und wissen Sie was: Nein,  es muss niemals Schluss sein! All die Millionen Menschen, die dem Nazi-Terror zum Opfer gefallen sind. Millionen Tote, Frauen und Männer, Alte und Junge, Kinder…niemals dürfen wir diese zwölf Jahre unserer Geschichte abhaken, ad acta legen. Immer wieder müssen wir besonders den jungen Leute erzählen, was damals geschehen ist. Und dass es sich nie, nie, nie wiederholen darf. Und wenn es neben dem Judenhass von rechten Nazis auch Judenhass von Linksextremisten und in jüngster Zeit in Deutschland auch immer wieder von Islamisten gibt, dann macht das die Sache nur noch schlimmer und unseren Widerstand dagegen noch entschlossener.

Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurde heute vor 75 Jahren von Soldaten der Roten Armee befreit.

 

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.