MEINUNG Warum mein Herz immer noch für Europa schlägt

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von UWE SIEMON-NETTO

Bei den Amerikanern flattert, steckt und klebt allenthalten das Sternenbanner, und ich gratuliere ihnen zu ihrem Patriotismus. Sie haben ihren, ich meinen. Es schmerzt mich, dass er seit Jahrzehnten von überbezahlten Bürokraten, die keiner gewählt hat, vermurkst wird; dass sie mit idiotischen Dekreten die herrlichen französischen Dorfkrüge meiner Kindheit gemeuchelt haben; dass diese Schwachköpfe – vielleicht übertreibe ich – bestimmen wollen, an welcher Seite eines Restaurantklos die Papierrolle angebracht sein muss. Ich grolle bornierten Bildungspolitikern wie der französischen Kultusministerin Najat Vallaud-Belkacem, die in den Oberschulen ihres Landes neben Altgriechisch und Latein auch Intensivkurse in Deutsch und Englisch zu verhindern trachtete, weil diese „zu elitär“ seien.

Ich schäme mich, dass nur so wenige junge Deutsche Französisch und so wenige junge Franzosen Deutsch sprechen, so als ob es eine Zumutung wäre, sich zwei Fremdsprachen ordentlich anzueignen. Einer meiner beiden Großväter hatte lediglich die Mittlere Reife, beherrschte aber sieben Idiome – alle freilich mit einem breiten sächsischen Akzent. Welche Massenverblödung, welch’ hundsföttische Pädagogik, hat eigentlich den Deutschen und Franzosen heute die Freude daran geraubt, mit einem europäischen Landsmann in dessen Mundart zu parlieren und auf diese Weise eine europäische Identität zu entwickeln?

Wie ist es möglich, dass in der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahl so viele Jungwähler dem Linksextremisten Jean-Luc Mélenchon und der Rechtsextremistin Marine Le Pen zuliefen, obwohl der erstere ein Buch mit dem Titel „Das deutsche Gift“ geschrieben und Frau Le Pen ihre Kampagne pausenlos mit deutschfeindlichen Parolen gewürzt hat?

In meiner Verzweiflung über Europas Zustand habe ich mir in den letzten Wochen auf YouTube oft die in einwandfreiem Deutsch gehaltene Ludwigsburger Rede des Generals Charles de Gaulle an die deutsche Jugend angehört. „Ich beglückwünsche Sie, junge Deutsche zu sein, das heisst die Jugend eines großen Volkes“, sagte er. „Jawohl! Eines großen Volkes, das manchmal im Laufe seiner Geschichte große Fehler gemacht hat, eines Volkes, das aber auch der Welt fruchtbare geistige, wissenschaftliche, künstlerische und philosophische Wellen beschert hat.“ Er sagte dies am 9. September 1962. Das war kurz bevor meine englische Frau Gillian und ich heirateten; es war eine Zeit, in der noch längst nicht alle Kriegsnarben verheilt waren, wir aber, die wir unsere Kindheit in Luftschutzkellern verbracht hatten, nichts sehnlicher wünschten als einander zu lieben und an einem einigen Europa zu bauen.

Gillian fühlt sich verraten von ihrem eigenen Land, weil dort Teile der Presse seit Jahrzehnten Hassparolen gegen andere europäische Völker so lange versprüht haben, bis Großbritannien schließlich für den Austritt aus der EU stimmte und andere Europäer in diesem Lande geschlagen, umgebracht und als „Viehzeug“ beschimpft wurden, wie Juden und Slawen zur Hitler-Zeit in Deutschland. Und wir Deutschen und Franzosen bangten, dass dieses widerliche Virus des Hasses über den Ärmelkanal geschwappt sein könnte.

Am letzten Sonntag saß ich in meiner Kirche in Südkalifornien und konnte mich kaum auf die Predigt konzentrieren. Ich betete: „Herr gib unserem Europa noch eine Chance!“ Denn ich wusste, dass genau in diesem Moment in Paris das Ergebnis der ersten Hochrechnungen bekannt gegeben würde. Ungeduldig eilte ich nach dem Segen ins Freie, stellte mein iPhone an und sah, dass der europafreundliche Emmanuel Macron die meisten Stimmen erhalten und nun gute Aussichten hatte, die Stichwahl am 7. Mai zu gewinnen.

Ich zelebrierte diese Nachricht mit einem steifen Tequila, wohl wissend, dass uns nur ein winziges Fenster vergönnt ist. Wenn Macron siegt, Europas Politiker und Bürokraten dann aber weiter ihren Stiefel fahren und unfähig sind, eine Art Karolingische Konföderation zu schaffen – eine demokratische Neuauflage des Reichs Karls des Großen – dann sehe ich für meinen Kontinent, dessen Symbol mein Revers und mein Auto schmücken, keine Chancen mehr. In meinen Alpträumen sehe ich schon die hämischen Fratzen von Le Pen, Putin, Trump und Brexit-Agitator Nigel Farrage, von Politikern, die uns wieder dorthin zurückdelegieren wollen, wo Europa war, bevor Charles de Gaulle in Ludwigsburg seine Einheit und die Freundschaft zwischen dem deutschen und dem französischen Volk als den „höchsten Trumpf für die Freiheit der Welt“ beschwor.

Uwe Siemon-Netto ist 80 Jahre alt, im Herzen aber noch immer ein junggebliebener Rebell und Querdenker. Mehr bissige Texte veröffentlicht er auf dem Fontis-Blog unter der Rubrik „Uwe stößt an„. Er ist außerdem Autor der Bücher „Luther, Lehrmeister des Widerstands„, „Duc, der Deutsche“ und „Griewatsch!„.

 

Bildquelle:

  • Paris: pixabay
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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.