Meine Frau und der verweigerte Handschlag

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von KLAUS KELLE

Nun also noch einmal der nicht erfolgte Handschlag zwischen Trump und Merkel beim Fototermin vor dem Kamin im Weißen Haus. Der Sprecher des Präsidenten hat inzwischen erklärt, Trump habe Merkels Frage, ob man sich dort gemeinsam fotografieren lassen wolle, schlicht nicht gehört. Ausschließen kann man das nicht. Deshalb habe ich mir die Bilder noch einmal angeschaut, und ich bin jetzt überzeugt, er hat die Frage gehört, verstanden und…einfach ignoriert.

Als ich gestern Vormittag meine Frau wie so oft vom Flughafen abholte und nach Hause fuhr, kamen wir schnell auf das Thema des verweigerten Handschlags zu sprechen. Und sie hatte eine ganz eigene Theorie darüber. Nach seiner überraschenden Wahl herrschte Verwirrung in Berlin und überall anders auf der Welt. Wie ist das möglich? Wie kann denn so ein Rechtspopulist mächtigster Mann der Welt werden? Einer, der die Spielregeln des politischen Establishments ebenso ignoriert wie die Hollywood-Sternchen, die plötzlich ihr Herz für die große Politik entdeckt haben?

Donald Trump ist ein Alpha-Tier. Das muss einer sein, der Präsident der Vereinigten Staaten werden und das Amt ausfüllen will. So einer vergisst nichts! Zum Beispiel den Tag nach seiner Wahl im November, als sich die Phalanx unserer politischen Spitzen blamiert hat, wie selten zuvor. Als Außenminister Steinmeier eine Gratulation schlicht verweigerte und damit nichts Gutes für seine heute beginnende Zeit als Staatsoberhaupt Deutschlands erwarten lässt.

Und als sich die Bundeskanzlerin eine verschwurbelte Gratulation rausdrückte, den neuen Präsidenten über die gemeinsamen Werte belehrte, gerade so als habe der in die amerikanische Verfassung noch niemals reingeschaut, und auch nicht vergaß, zu mahnen, die “sexuelle Selbstbestimmung” in seiner Präsidentschaft zu beachten. Ich weiß nicht, ob es jemals eine dämlichere “Gratulation” zum wichtigsten Verbündeten überhaupt gab. “Und das war jetzt die Retourkutsche”, analysierte messerscharf meine bessere Hälfte. Ich glaube, sie hat recht.

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.