Mein Tag in Berlin: Vom ewigen Stau und dem Friseursalon für Schwule damals

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

es ist spät geworden in Berlin. Wir könnte es auch anders sein in der einzigen deutschen Metropole, die niemals schläft. Wobei man hier anders als in Frank Sinatras berühmter Hymne auf New York, New York, an manchen Tagen wünschen würde, dass Berlin wieder einmal einfach durchschläft.

Der Weg mit dem Auto von Düsseldorf nach Berlin führt weitgehend über die A 2 und teilt sich in zwei Bereiche auf: Vor Berllin und kurz vor bzw. in Berlin. Die erste vier Stunden waren herrlich, Sonnenschein, Kaffee – angeblich von Dallmayer, glaube ich niemals, so wie die Plörre schmeckte – Musik im Radio ohne Volkserziehung. So hätte es weitergehen können. Hätte.

Tatsächlich waren auf dem Berliner Ring zahlreiche Baustellen und Ausfahrten gesperrt, so dass es nicht einfach war, in die City Ost zu kommen, also Richtung Alexanderplatz. Der beste Weg gestern führte an Schönefeld und damit dem Hauptstadtflughafen BER vorbei. Über den wurden schon so viele Millionen Witze gemacht, dass ich mir das hier ersparen kann. Jedenfalls imposante und neue Bürogebäude gibt es auch. Mir fällt auf, dass ich seit bestimmt 25 Jahren erstmals von Osten her nach Berlin hereingefahren bin, sonst immer über Potsdam, Zehlendorf, Spanische Allee, Funkturm.

Eine Stunde musste ich herumgurken, dann endlich am stillgelegten Flughafen Tempelhof vorbei, nur noch sechs Kilometer zum ersten Ziel am Gendarmenmarkt. Meinen Gastgeber angerufen – bin in fünf Minuten da. Pustekuchen! Für die sechs Kilometer durfte ich 25 Minuten Stop-and-Go aufwenden. Dann war aber allet schön, wieder gab es Kaffee und ich hatte die Maske am Mann. Ein Diplomat, danach zwei Journalisten, die – seien wir ehrlich – auch sehr gute Freunde von mir sind. Heute treffe ich einen dritten Journalisten, ein ganz bekannter in der Stadt. Als wir uns vor vier Wochen verabredeten und er mich fragte, wo wir uns treffen wollen in Corona-Zeiten, scherzte ich: “Am besten im Görtlitzer Park”, also dem berüchtigsten Drogenumschlagplatz der Hauptstadt. WhatsApp-Nachricht vorhin: “Steht morgen um 11 im Görli?” Bin sehr gespannt. Wenn wir uns da wirklich treffen, erzähle ich Ihnen davon.

Berlin, ja, was soll ich sagen. Eine Stadt, die man entweder liebt oder hasst, Grautöne gibt es da nicht. 1988 bin ich hingezogen und sieben Jahre geblieben. Aufregende Jahre in jeder Beziehung. Mauerfall und Vollendung der Deutschen Einheit, erste Begegnungen mit Deutschen von drüben, gemeinsam arbeiten in einer Redaktion mit 10 Wessies, die wohl alle CDU wählten und Ray Ban-Sonnenbrillen trugen, und 15 Ossis, in Leipzig studiert, alles “Überzeugte”, die uns Besserwessies hassten – einfach weil wir CDU wählten und Ray Ban-Sonnenbrillen trugen. Nach drei Monaten begann endlich das Tauwetter, als in der ranzigen Kantine beim Berliner Rundunk in der berühmten Nalepastraße mittags einer der Ost-Kollegen völlig überraschend mit seinem Tablett zu uns an den Tisch kam und sich einfach dazusetzte. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft und der Beweis, dass zusammenwachsen kann, was zusammengehört.

Ja, ich mag diese Stadt sehr, von der Peter Fox zu recht singt:

“Guten Morgen Berlin
Du kannst so hässlich sein
So dreckig und grau
Du kannst so schön schrecklich sein
Deine Nächte fressen mich auf”

Ich mag sie, wenn sie lebt, also ohne Corona, ich mag diese Mischung zwischen Molle auf dem Wahnsee-Dampfer und Techno-Club, zwischen Zoo-Idylle und Alternativkiez. Als ich Landei erstmals hier Quartier bezog…ach, das ist eine andere lange Geschichte, aber jedenfalls war ich samstags oft in Schöneberg auf einem Wochenmarkt, um beim türkischen Händler frisches Obst zu kaufen. Und ich geriet auch in einen Friseursalon dort, betrieben von zwei schwulen Friseuren für eine überwiegend schwule Kundschaft. Und mich, der ich zufällig reinschlenderte, weil  mir die Haare zu lang gewachsen waren. Echt nette Jungs, die mir allerdings die Haare mit Plastikhandschuhen an den Händen wuschen wegen Aids-Gefährdung. Coole Musik, urbaner Lifestyle und die Frisur auch ganz ok. Was sie wohl denken würden, wenn sie wüssten, dass sie da einen katholischen, heterosexuellen Rechtspopulisten frisiert haben?

Passen Sie gut auf sich auf heute!

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.