Max Ottes Wahl an die Spitze der WerteUnion ist eine Kriegserklärung ans Adenauer-Haus

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von CHRISTIAN KOTT

BERLIN – Gleich vorweg: Ich bin nicht Mitglied der WerteUnion und würde es auch nicht werden, solange diese sich zur CDU bekennt, die Angela Merkel hervorgebracht und 16 Jahre im Amt gehalten hat. Aber ich finde in der WerteUnion zumindest so viele Gesprächspartner, die sehr nah an dem sind, was ich politisch vertrete, dass ich es für keine Zeitverschwendung erachte, mich damit zu beschäftigen, was da gerade so passiert.

Am Samstag ist Max Otte zum neuen Vorsitzenden der WerteUnion gewählt worden. Und aus allen politischen Lagern in Deutschland – außer der AfD – prasselt heftige Kritik auf den Verband ein, der diese Entscheidung getroffen hat.

Doch das Wesentliche ist nun einmal nicht, ob Otte es gewagt hatte, über die Parteigrenzen hinweg mit Vernünftigen aus anderen Parteien zu sprechen (mit denen man sich nach Auffassung totalitärer Zentralkomitee-Mitglieder im Konrad-Adenauer-Haus nicht einmal den Friseur teilen darf ohne sofort als bekennender Nationalsozialist abgestempelt zu werden), ob Otte die Unions-Lagerdenker durch den Vorsitz im Kuratorium einer Stiftung, die nun wirklich nicht als CDU-nah bezeichnet werden kann, geärgert hat oder ob seine Tweets den Geschmack eines überzeugten Merkel-Jüngers treffen.

Das Wesentliche ist, wofür Otte inhaltlich eigentlich steht, und was seine Wahl zum Vorsitzenden aus der bislang nibelungentreuen WerteUnion machen wird. Und da könnte der Blick eines Außenstehenden, der über die internen Seilschaften innerhalb der WerteUnion nicht nur keine den Sinn vernebelnden Kenntnisse hat, sondern auch nicht einmal für fünf Pfennig Interesse dafür mitbringt, erhellend sein.

Wofür Max Otte steht

Wer sich weniger dafür interessiert, was Wikipedia, das ZDF oder die Propaganda-Abteilung im Konrad-Adenauer-Haus über Otte verbreiten, sondern sich mit seinen Büchern und Interviews beschäftigt, der findet einen Ökonomen vor, der die Rückkehr zu den Grundsätzen der sozialen Marktwirtschaft fordert, eine Art Kapitalsozialismus (ja, dieses Wort habe ich gerade erfunden) beklagt und für eine breite und pluralistische Meinungsfreiheit eintritt, wie ich sie als Kind der 80er-Jahre noch erleben durfte. Erfrischend, wie ich finde, zumal dies in der Landschaft von Parteien und Organisationen in dieser Form nirgends vertreten wird. Schon gar nicht in der AfD, zu der Otte von Schubladendenkern eine absurde Nähe vorgeworfen wird, und die sich von der eurokritischen Professoren- und Marktwirtschaftspartei sukzessive zur Partei des „patriotischen Sozialismus“ wandelt.

Ebenfalls bemerkenswert übrigens, dass niemand bisher auch nur einen tauglichen Versuch unternommen hat, Ottes Thesen in der Sache anzugreifen sondern sich viele seine Gegner darauf beschränken, Methoden der cancel-culture gegen ihn anzuwenden, die sie wenige Minuten zuvor selbst noch kritisiert hatten.

Was macht Ottes Wahl mit der Werte Union?

Ottes Wahl ist viel mehr als irgendeine Personalentscheidung, weswegen die internen Reaktionen in der WerteUnion heftiger sind als es auf den ersten Blick angemessen erscheint. Sie ist eine offene Kriegserklärung an den alles beherrschenden merkeltreuen Flügel der CDU/CSU, der für eine Fortsetzung der Regierung, (egal mit wem, natürlich auch mit den Grünen) absolut jeden trotz Angela Merkel noch verbliebenen Wert der Union sofort über die Klinge springen lassen würde. Und seine Positionen zu Globalismus, Marktwirtschaft und Europäischer Union sind letztlich auch schwer mit denen der eigentlichen parteiinternen Merkel-Alternative Friedrich Merz unter einen Hut zu bringen.

In der Parteiführung der Union hat Otte sicher keine Freunde, dort wäre man ihn – so wie alle, die ein wenig unbequem sind – gerne schon lange losgeworden. Wenn nun die WerteUnion mit ihm nicht nur in Fragen der Migrations-, Bildungs- und Gendergagapolitk den Finger in die klaffende Unionswunde legt, sondern sich jetzt auch noch erdreistet, die Rückkehr zu einem regulierten Markt zu fordern, den es unter der Herrschaft global agierender Multimilliardendollarkonzerne selbstverständlich schon lange nicht mehr gibt, dann ist für eine Union, die von Spenden auch dieser Konzerne abhängt, sicher eine Grenze überschritten, auf die man reagieren muss. Absurd eigentlich, denn noch viel mehr als Merz oder Maaßen wäre es Otte, der das Potential birgt, diejenigen Wähler von der AfD zur Union zurückzubringen, die die AfD wegen ihres sozialistischen Kurses nicht mehr wählen können.

Wie diese Reaktion der Union aussieht, darauf darf man gespannt sein. Und ob sie noch vor der Bundestagswahl oder erst danach erfolgt. Jedenfalls ist durch Ottes Wahl die politische Landschaft spannender geworden, als es auf den ersten Blick erscheint. Mit der WerteUnion könnte dadurch eine Alternative entstehen, auf die Viele schon lange warten.

Bildquelle:

  • CDU_Zentrale_Adenauer-Haus: dpa
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