Kleine Geste, große Wirkung: Beobachtungen und Gedanken am Rande eines Steingartens

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von THOMAS DÖRFLINGER

„Ihr fehlt uns!“ Große Buchstaben hat das Team der Erzieherinnen neben der Eingangstür angebracht. Dort spazieren morgens gewöhnlich die ganz Kleinen durch. Knapp 40 sind es hier. Die Türe ist offen, der Kindergarten aber seit Wochen leer. Im Fenster hängen Bilder, die die Kinder inzwischen zuhause gemalt haben. Fast auf jedem sind der Kindergarten und die Erzieherinnen zu sehen. So malen Kinder, wenn ihnen etwas fehlt. In Baden-Württemberg, wo wir diese evangelische Einrichtung finden, sind die Kindergärten seit dem 17. März geschlossen. Keine Kinder da, die Erzieherinnen arbeiten alleine. Im Vorhof hat das Team einen Steingarten angelegt. Steine, Farben und Malutensilien liegen bereit. Wozu?

Susanne Buhl ist seit drei Jahren Leiterin des Kindergartens und kennt die aktive Elternschaft. Die Reaktion auf den Steingarten hat sie trotzdem überrascht.  „Wir wollten einfach die Möglichkeit schaffen, den Menschen für kurze Zeit ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern!“ Die Botschaft kommt an. Nicht nur die Kindergartenkinder oder deren Eltern, auch Passanten lassen sich von der Idee anstecken. Täglich wächst der Steingarten; eine kleine Geste mit großer Wirkung. Die Aktion in diesem Kindergarten hat ganz offenkundig einen Nerv getroffen. Wenn persönliche Kontakte nicht mehr oder nur auf Distanz möglich sind, mutiert sogar ein Stein zur Botschaft.

Ähnliches finden wir auch anderswo im Land. Kleine Zettel am Baum, Botschaften an einem beliebten Spazierweg, die zum Verweilen einladen. Zu vereinbarten Zeiten werden zuhause Kerzen ins Fenster gestellt; ein stummer, aber stimmungsvoller Gruß an die Nachbarschaft. Gläubige aller Konfessionen verabreden sich zum Gebet; einzeln, aber sich trotzdem verbunden wissend. Musiker finden sich zu spontanen Konzerten vor Pflegeheimen ein. An Krankenhäusern prangen Transparente mit der Aufschrift „Wir arbeiten für Euch!“ Jetzt, wo alle um deren Systemrelevanz wissen, wirkt schon diese Feststellung fast wie ein Anklopfen an das eigene Gewissen in der Vergangenheit. Vermutlich hat sogar die Supermarkt-Kassiererin schon gespürt, dass die Menschen freundlicher sind als sonst. Vielleicht, weil die Kunden merken, dass sie eher auf die Kassiererin angewiesen sind als sie auf den Kunden?

Wird über Grenzen geredet, denken viele zunächst an Staatsgrenzen, die nicht mehr passierbar sind. Auch wichtig. Aber der Besuch in diesem Kindergarten zeigt: es gibt ganz andere Grenzen, die für den Einzelnen jeden Tag wesentlich bedeutender sind. Grenzen zwischen Menschen. Wenn Begegnung nicht mehr möglich ist, wenn Nähe plötzlich zur Gefahr wird, dann bekommt beides einen völlig neuen Wert. Wohl wird es auch in der Zeit nach den Abstandsgeboten eine Weile dauern, bis die Leute wieder unverkrampft auf sich zugehen. Gut möglich, dass der bisher eher beiläufig gegebene Handschlag, währenddessen sich der Blick schon auf den Nächsten richtet, dann wieder eine neue, tiefere Wertschätzung erfährt.

„Ihr fehlt uns!“ Erstaunliche Töne in einem Land, das sich ansonsten nüchtern über Wachstumsraten und Technologietransfers definiert. Was verändert sich da gerade? Nicht ohne Ironie sagt der Soziologe Hartmut Rosa, die Corona-Krise sei das größte Entschleunigungsprogramm der letzten 200 Jahre. Sicher, manche schieben in diesen Tagen besonderen Stress. Die Mehrzahl der Menschen entdeckt aber den Faktor Zeit gerade neu. Und die Möglichkeiten, was sich alles machen lässt, wenn man die Prioritäten richtig setzt. Lassen wir die enormen wirtschaftlichen Schäden einen Moment außen vor. Wenn Covid-19 nach seinem Ende die Erkenntnis befördert hat, dass das Immaterielle die Grundlage des Materiellen ist und nicht umgekehrt, dann hat sogar das verdammte Virus noch etwas Gutes mit sich gebracht.

Bildquelle:

  • Kindergarten_Steingarten: thomas doerflinger
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