Katzbuckeln und Anpassen funktioniert immer – nicht nur im Sozialismus

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die neue Vorsitzende der früheren SED, die jetzt unter “Die Linke” firmiert, hat dem Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” ein Interview gegeben. Susanne Hennig-Wellsow (43) scheint persönlich ein sympathischer Mensch zu sein, auch wenn sie es bisweilen mit Höflichkeit und Benehmen nicht so zu haben scheint. Falls Sie den Namen also nicht auf Anhieb zuordnen können, Frau Hennig-Wellsow ist der aufsteigende Stern am Sozialistenhimmel, der am 5. Februar vergangenen Jahres als Fraktionsvorsitzende ihrer Partei im Thüringer Landtag einen Blumenstrauß vor die Füße der gerade neu gewählten Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich von der FDP warf und grußlos von dannen zog. Da hatte sie kurz diesen Moment, diese 15 Minuten der zumindest bundesweiten Berühmtheit, die nach Andy Warhol jedem Menschen auf der Welt zustehen sollte.

Nun ist ja nicht neu, dass es die Erben der Honecker-Diktatur mit freien Wahlen nicht so haben, und ganz sicher hatten die Damen im Sekretariat der Fraktion die Blumen gekauft, um sie ihrem eigenen Ministerpräsidenten ohne Mehrheit aber unter heftigen Beifallsbekundungen des Hohen Hauses zu überreichen. Aber es kam ja anders, wie Sie alle wissen. Da musste schon die Partei der Einheit ran, um ein ungewünschtes Wahlergebnis rückgängig zu machen. Dank der CDU sitzt der vom Volk abgewählte Herr Ramelow noch immer in seiner schicken Staatskanzlei in Erfurt, und wer weiß, vielleicht bekommt er ja im September – falls in Thüringen überhaupt gewählt wird – dann sogar wieder eine eigene Mehrheit mit ganz frischen Blumen und einem zweitägigen Wodka-Besäufnis über die Doofheit der Bürgerlichen insgesamt und die der CDU im Besonderen.

Also, Frau Hennig-Wellsow erzählt dem SPIEGEL von ihren Rückenschmerzen, während sie mit den Redakteuren durchs Berliner Regierungsviertel schlendert. Wir erfahren, dass sie wenig von der FDP hält, und dass man “Unrechtsstaat” nur zur Nazi-Diktatur aber nicht zur DDR sagen soll. Weil der SED-Staat in den Augen ihrer Eltern ein Staat gewesen sei, “der sich um seine Bürgerinnen und Bürger kümmert”, und das kann man bei 120.000 Informellen Mitarbeitern (IM) der Staatssicherheit ja tatsächlich annehmen. Dann sagt die Linke-Politikerin:

“Aber sie haben zumindest verstanden, dass eine Mauer und ein Zaun nicht der richtige Weg sind, um im Sozialismus weiterzukommen.”

Und das ist eine putzige Formulierung, finde ich, wenn man von der Arroganz den eigenen Eltern gegenüber einmal absieht – “haben zumindest verstanden”. Eine Mauer und einen Zaun, den hat man vor dem Grundstück des Wohnhauses, das ist etwas Behagliches, unwillkürlich denke ich da an Blumenbeete und Gartenzwerge. Hey, wir sind Deutsche! Aber die Mauer und der Zaun, über den Frau Hennig-Wellsow da locker plaudert, die begrenzten ein großes Gefängnis mit 16 Millionen Menschen – Reisekader ausgenommen. Da wurde Leuten in den Rücken geschossen, die ihr Land einfach nur verlassen wollten. Da gab es Patrouillen rund um die Uhr mit Kalashnikows und abgerichteten Schäferhunden, da gab es Selbstschussanlagen. Ich bin ja Wessi, aber schon bevor ich nach Berlin zog 1988 – zur genau richtigen Zeit am richtigen Ort – fuhren wir jedes Jahr mit der Jungen Union (JU) aus Unna und Lippe mit dem Bus in die damals geteilte Stadt, besuchten das berühmte Museum am Checkpoint Charlie, diskutierten mit Bürgerrechtlern, die nach ihrer Haft in Hohenschönhausen oder Bautzen ausgewiesen wurden “nach dem Westen”, standen auf der Aussichtsplattform an der Bernauer Straße und beteten an den weißen Holzkreuzen nahe des Brandenburger Tors für die Opfer, die bei der Flucht in die Freiheit ihr Leben verloren.

Nein, Frau Hennig-Wellsow, Erinnerungen an die gute Kindergartenversorgung, an die “Puhdys” und die “Schrippen” beim Bäcker in Ost-Berlin, die angeblich besser schmeckten als die in West-Berlin – all das macht Ida Siegmann, Werner Probst, Peter Fechter, Chris Gueffroy und Hundert andere nicht vergessen. Niemals.

Und damit komme ich zum Punkt: den “richtigen Weg, um im Sozialismus weiterzukommen”. Der richtige gesellschaftliche Weg ist nicht anders als in jeder Gesellschaft, wohin Sie auch gehen. Katzbuckeln und Anpassen funktioniert immer, den Finger immer mal in den Wind heben, damit man schnell merkt, wenn er sich dreht. Dann kommt man zurecht. In jedem Staat. Aber der Grundgedanke von Frau Hennig-Wellsow ist ganz falsch, denn der Sozialismus selbst ist der falsche Weg, ein menschenverachtendes Experiment, das noch nie irgendwo auf der Welt etwas Gutes hervorgebracht hat aber reichlich Leid, Armut und Gewalt. Was bringt so viele Leute auch heute nur auf den Gedanken, den Sozialismus zu glorifizieren und die DDR als netten, gut gemeinten Versuch anzusehen, der leider noch nicht ganz richtig funktioniert hat? Versuchen wir es noch einmal, oder?

Wer bemüht sich eigentlich in unserem Land darum, die Menschen darüber aufzuklären, dass nicht nur zweifelsohne der NationalSOZIALISTEN böse war, sondern Sozialisten überhaupt in ihrer Verachtung für das Individuum, für jeden den einzelnen Menschen, für uns?

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.