Katholische Kirche in Deutschland: Die Gefahr der Spaltung ist real

Anzeige

von PETER WINNEMÖLLER

Seit Ende des II. Vatikanischen Konzils nehmen reformorientierte Kräfte immer wieder die Punkte auf, die das Konzil angeblich nicht angemessen reformiert hat. Andere glauben in den Konzilstexten bereits einen Abfall von der Ganzheit der katholischen Tradition zu erkennen. Der Streit hält an und gewinnt gerade neuen Schwung. Ausgerechnet der Missbrauchsskandal in der Kirche wird zum Anlass genommen, die uralten Reformagenden wieder hervorzukramen. Spätestens mit dem Ratzingerpontifikat war man sich sicher, die erträumten Reformen werden bald auf dem Müllhaufen der Geschichte landen. Insbesondere jene allzu konzilsromantische Generation war in die Jahre gekommen.

Mit dem Papst vom anderen Ende der Welt, der sich für die innerkirchlichen Konflikte der alten Welt nicht interessiert, witterten die Altreformer Morgenluft. Ein neuartiger Synodalismus nimmt mit dem aktuellen Pontifikat immer mehr Schwung auf. Die Synoden haben zumeist nichts mit den Lieblingsthemen der Altreformer zu tun. Dennoch tauchen sie immer wieder auf den Synoden oder in deren Umfeld auf. Da wären die Abschaffung des Zölibats als verpflichtende Lebensform für Priester, die Priesterweihe für Frauen, die radikale Liberalisierung der Sexualmoral und nicht zuletzt die Anpassung der Beurteilung der Reproduktionsmedizin an weltliche Standards. Dies sind einige, aber keineswegs die unwichtigsten Stichpunkte.

Die jüngste Synode in Rom war eine Sondersynode zu den pastoralen Fragen sowie den Problemen der katholischen Soziallehre und der Ökologie in der Amazonasregion. Die von vielen auf der Synode, aber mehr noch am Rande der Synode vertretene „Theologie der Indigenen“ ist nichts als eine Variante der Befreiungstheologie, die wegen ihrer partiellen Nähe zum Marxismus nicht unumstritten ist. Zwar haben die Probleme des Amazonas wenig mit den Problemen Europas zu tun, doch waren gerade deutsche kirchliche Reformkräfte hellwach und darum bemüht, klarzustellen, was die Amazonier kriegen, das wollen wir auch. Was „sie kriegen“, das hat der Papst erst noch zu entscheiden. Alle Prognosen sind Kaffeesatzleserei. Doch schon jetzt wird gefordert, für Deutschland den Zölibat fakultativ zu machen, Frauen in alle Ämter und vieles andere mehr. Es ist kein Zufall, dass der gemeinsame synodale Weg von DBK und „ZdK“ zu einer Zeit beginnt, wenn mit dem nachsynodalen Schreiben zur Amazonassynode zu rechnen ist.

Viele Themen, die der synodale Weg in Deutschland angehen will, haben weltkirchliche Relevanz. Entgegen allen Versicherungen ist nicht davon auszugehen, dass die Altreformer noch einmal Geduld aufbringen, um auf Entscheidungen aus Rom zu warten. Die Forderungen stehen im Raum und man will sie. Alle! Jetzt! Das hat sich zuletzt bei zwei brisanten Entscheidungen der DBK gezeigt. Die Kommunion für geschiedene und zivil wiederverheiratete Katholiken im sogenannten Einzelfall sorgte für große Wellen der Empörung auf der einen Seite und Begeisterung bei den Altreformern, die ja hier nur zu oft die betroffene Klientel darstellen. Der nächste Hieb ließ nicht lange auf sich warten. Eine partielle Interkommunion, von der Glaubenskongregation für unmöglich erklärt, wurde dem Papst per diplomatischer Note abgetrotzt. So leicht werden Glaubensinhalte in unseren Tagen abgewickelt. Zum allergrößten Entsetzen verstieg sich der Bischof von Osnabrück kurz darauf zu der Aussage, dass er eine Spaltung durchaus für möglich halte. Der Haarriss ist schon vorhanden, in dem Spaltpilz wächst.

Die Rezeption der bisherigen Bischofssynoden seit 2013 durch die „deutsche Kirche“, wie einige die Gesamtheit der deutschen Diözesen nennen, birgt schismatische Risiken. Das Spiel mit dem Feuer kumuliert nun in einem kirchenrechtlich nicht vorgesehenen Prozess. Der sogenannte synodale Weg sollte zunächst sogar verbindliche, das heißt Bischöfe bindende Beschlüsse fassen. Das hat Rom allerdings flugs kassiert. Dass Beschlüsse gefasst und umgesetzt werden, die der Lehre der Kirche widersprechen ist derzeit unter dem öffentlichen Druck, der von Laienfunktionären und interessierten Bischöfen aufgebaut wird, dennoch nicht auszuschließen. Das wäre dann schon kein Haarriss in der Einheit mehr. Da wären wir nahe an der Spaltung.

Wer sich über die Folgen einer Kirchenspaltung nicht im Klaren ist, schaue in die Geschichte der deutschen Länder nach 1517. Vom Thesenanschlag bis zum Westfälischen Frieden herrschten in unserer Region fast durchgehend Kriege. Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht, doch wer davon ausgeht, dass die möglicherweise kommende Kirchenspaltung friedlich oder unblutig ausgehen wird, ist einfach nur naiv.

Bildquelle:

  • Heilige_Messe: pixabay
Anzeige