“Papa, zehn Enkel wirst Du später sicher haben…”

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Liebe Leserinnen und Leser,

der Fahrer von Uber, der meine jüngste Tochter und mich gestern von einer Familienfeier in Krefeld nach Haus brachte, heißt Mustafa. Ich finde Uber großartig, weil es zuverlässig ist und viele Services bietet, die unsere traditionellen Taxifahrer leider nicht haben. Und preiswerter ist Uber auch.

Uber, natürlich aus dem großen Land der profitablen Geschäftsideen namens Amerika, müssen Sie sich ein bisschen vorstellen wie Lieferando – Sie bestellen per Smartphone und dann geht’s los. Auf einer Karte sehen Sie jederzeit, wo sich der Bote/Chauffeur gerade befindet, wie weit entfernt er noch ist, und wann er ankommt. Und es klappt in der Regel bis auf die Minute.

Ich mag diese neuen Services, die unsere Leben einfacher machen. Und ich glaube, das sind diese Dienste, mit denen Politiker uns Normalbürgern den Begriff “Digitalisierung” zu veranschaulichen versuchen.

Auf Mustafas Frage, von wo wir gerade kommen, bekannte ich “Familienfeier” und er entgegnete: “Familie ist ganz wichtig.” Ich stimmte zu. Denn Familie IST ganz wichtig!

Mein ältester Sohn Michael hat gestern geheiratet. Gut drei Jahre, nachdem er seine Frau (darf man das noch sagen? Sonst melden Sie mich bitte bei irgendeiner Gleichstellungsbeauftragten!) kennengelernt hatte, entschieden sich beide, Ja zueinander zu sagen. Und ich muss sagen: Ich freue mich wirklich sehr, zwei strahlende Gesichter, zwei total verliebte junge Menschen zu sehen. So muss das sein.

Trauung auf dem Standesamt, Fotos, Fotos, Fotos, Kaffee, Kuchen und ein üppiges Buffet (meine Schwiegertochter ist gelernte Köchin, und sie beherrscht ihren Job perfekt – Champions League pur), trugen uns alle über den Tag. Meine erste Frau, Michaels Mutter, war da, ihr Mann und ihre Kinder, meine eigene Familie mit allen Kindern, Freunden und Freundinnen, und die Familie meiner seit gestern Schwiegertochter. Es war ein wunderbares Fest, strahlender Sonnenschein, gute Gespräche, die unvermeidlichen Spiele und je später der Abend wurde, desto ausgelassener wurde die Party. Irgendwann gingen die spülenden und gleichzeitig tanzenden Mädels in der Küche mit irgendeinem “Zombie”-Lied total ab. Ich habe mich wirklich wohlgefühlt, und ich hoffe, Michael und seine Frau kommen durch, durch das Leben, das, wie wir Älteren wissen, durchaus auch scharfe Klippen haben kann, die nicht so einfach zu umfahren sind.

Aber ich finde es wunderbar, wenn sich junge (natürlich auch ältere) Menschen trauen, Ja zu sagen und den Versuch wagen, füreinander in Liebe und voller Vertrauen möglichst bis ans Lebensende zusammen zu bleiben und zusammen zu halten. Meine Beobachtung ist, dass es Menschen über 40 zunehmend schwerer fällt, sich fest zu binden ohne abzuwägen und zu schauen, ob die Zukunft vielleicht noch andere Verheißungen für die Suchenden parat hat. Aber das ist eine andere Geschichte…

Tage wie gestern machen mich gleichzeitig auch ein bisschen wehmütig, weil solche Tage erinnern mich halt auch daran, dass ich älter werde. “Papa”, sagt irgendwann am Nachmittag unsere Älteste und hakt sich bei mir ein, “wir haben vorhin mal gerechnet, zehn Enkel wirst Du später sicher haben.”

Und darauf freue ich mich schon jetzt total.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.