„Is guther Junge!“ – Vom Dilemma der bürgerlichen Konservativen bei dieser Wahl

Millionen verzweifelte frühere Wähler von CDU und CSU wissen nicht, wenn und was sie wählen sollen.
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Gastbeitrag von THILO SCHNEIDER

…mit diesem Satz verteidigen Mütter gerne ihren straffällig gewordenen Nachwuchs oder Brüder ihre Brüder. Und ja – das „h“ in „guther“ ist beabsichtigt. Uwe Junge, eines der prominenteren Gesichter der AfD, hat die Partei – wie zuvor schon seine ehemalige Parteikollegin Dana Guth (daher das „h“, jetzt klärt sich das auf) – verlassen. Während Dana Guth noch einen Schritt weiter ging und sich der LKR, den „Liberal-Konservativen Reformern“, angeschlossen hat, empfiehlt Uwe Junge in seinem von Zorn und Enttäuschung geprägten Austrittsschreiben immerhin, die Kleinstpartei zu wählen. Aber der Reihe nach:

Die LKR ist das letzte „Kind“ von Bernd Lucke und trug für ein paar Tage den Namen „Alfa“, bevor irgendein Verein hier eine Namensrechtsverletzung reklamierte. So wurde aus der „Alfa“ die LKR. Nicht jeder wollte aus der AfD mit, nicht jeder konnte aus der AfD mit – und in der AfD gab es immer noch die lukrativeren Posten und die Chance, das ehemalige Einkommen als Parlamentarier zu vervierfachen. Bernd Lucke ist mittlerweile nur noch einfaches Mitglied, den Parteivorsitz der Zwergpartei hat Jürgen Joost inne, ebenfalls noch ein im wahrsten Wortsinne alter Alfa-Mann. Die LKR tritt dieses Jahr erstmalig bei einer Bundestagswahl an und reißen mit viel Glück die 0,5% Hürde, die sie in die Wahlkampfkostenerstattung führen würde.

Dana Guth ist Landtagsabgeordnete in Niedersachsen und trat im Dezember 2020 aus der AfD aus und im Januar 2021 der LKR bei. Ihre Begründung war „damals“ der „Politikstil der AfD und der zunehmend schärfere Ton“ sowie die Dominanz des rechten “Flügels”.

Eine ähnliche Begründung liefert nun auch Uwe Junge, der in seinem Facebook-Posting beklagt, „dass vernünftige und gebildete Menschen schon bei dem ersten Veranstaltungsbesuch von der überreizten Stimmung, gepaart mit wilden Verschwörungstheorien und teilweise unflätigem Benehmen abgeschreckt werden, während sich der blökende Stammtischprolet wie zu Hause fühlt.“ Andererseits tritt niemand leichtfertig aus einer Partei aus und ein Austritt ist immer auch mit Trennungsschmerz verbunden – niemand weiß das besser als ich als ehemaliger FDPler. Jedoch: Den Vorwurf der Proletarisierung der AfD hört man immer wieder von ehemaligen AfD-Mitgliedern, ja mehr noch: Das „Betriebsklima“ in der AfD zwischen bürgerlich Konservativen und „Flügelianern“ sei mittlerweile derart vergiftet, dass sich einzelne Mitglieder bereits auf Kreisebene gegenseitig mit Anzeigen und strafbewehrten Unterlassungserklärungen überziehen. Wer die Kommentare unter der Austrittserklärung von Junge verfolgt, kann sich lebhaft vorstellen, dass das keine Hirngespinste enttäuschter Konservativer sind.

Es rumort im Hause Gaulands: Andere ehemalige AfD-Mitglieder berichten von Methoden, bei denen Neumitglieder mit Freibier und Gutscheinen geworben werden, um den Flügel-Freunden der AfD entsprechende Mehrheiten bei Abstimmungen zu sichern. Sollte es sich hier nicht nur um Gerüchte, sondern um Tatsachen handeln, dann wäre dies nicht mehr und nicht weniger als die Unterwanderung der AfD durch Leute, die dem Rechtsradikalismus zumindest nicht ganz ablehnend gegenüber stehen. So würde dann aus der ehemaligen „Professorenpartei“ mit der Zeit eine „Proletenpartei“. Wenn dem so ist. Enttäuschung kann ja auch krude Gedankengebilde schaffen. Wobei auch die Medien ihren guten Teil zu dieser Entwicklung beigetragen haben, die zuerst die AfD in die rechtsnationale Ecke rückten, bis die AfD tatsächlich in die rechtsnationale Ecke zog, worauf die Presse die AfD zu Rechtsextremen machte – und der Flügel plötzlich in den Mittelpunkt des Geschehens rückte. Tatsächlich ist hier eine Wechselwirkung zwischen Presse und Parteigeschichte zu beobachten. Oder, auf gut Deutsch: Die Gemäßigten in der AfD haben den Kampf verloren, der Flügel den „Endsieg“ errungen – deren Folgen wie die diversen Austritte der Bürgerlichen letztlich diesen Sieg zu einem „Phyrrus-Sieg“ machen.

Allerdings ist dieser Austritt vier Wochen vor der Wahl immer noch besser und fairer als Frauke Petrys Austritt 2017 vier Minuten NACH der Wahl. Zumal Junge in der AfD kein Amt mehr anstrebte und dies wohl auch in einer anderen Partei – sollte er seiner eigenen Empfehlung folgen und der LKR beitreten – nicht tun wird. Vielleicht will er aber auch nur gebeten werden…

Die LKR freut die Empfehlung eines bundesweit doch einigermaßen bekannten und markanten Gesichts natürlich – allerdings begibt sie sich, trotz aller ehrbaren Bemühungen, diesen Eindruck tunlichst zu vermeiden – auf das dünne Eis, „Luckes Resterampe“ zu werden. Was die Bemühungen um das Werben unzufriedener Unions- und FDP-Mitglieder sowie von bisher Parteilosen konterkarieren könnte. Sicher, die LKR versteht sich exakt so, wie ihr Name lautet und verfolgt den hehren demokratischen Ansatz, mit jedem zu reden, aber ein Übergewicht ehemaliger AfD Funktionäre und Funktionsträger könnte ihr das Label der „AfD light“ oder, salopper, „AfD, aber ohne Nazis“ verleihen. Es wird an dem „alten“ Jürgen Jost und dem „neuen“ Generalsekretär Christian Wiesner liegen, diese Entwicklung zu verhindern und jeden Beitritt, speziell die aus der AfD, auf „Herz und Nieren“ zu prüfen. Sonst wird die LKR über kurz oder lang den Weg der AfD gehen – und es wäre doch wirklich hübscher, sie ginge den Weg zu einer Volkspartei, zu dem, was CDU/CSU und FDP einst verkörperten, bevor Merkel und Lindner diese zu nervös blinkenden Neolefties und für konservative Bürgerliche unwählbar machten.

(Weitere Überlegungen des Autors unter www.politticker.de)

Von Thilo Schneider ist in der Achgut-Edition erschienen: The Dark Side of the Mittelschicht, Achgut-Edition, 224 Seiten, 22 Euro.

Bildquelle:

  • Verzweiflung: pixabay
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