Intrigen, üble Nachrede, Fake News – wenn irgendwo gewählt wird, ist immer was los

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Sie kennen das mit der Steigerung vom Feind, Todfeind, Parteifreund, nehme ich an. Das ist keineswegs eine Spezialität der CDU, sondern es ist eine Frage des (Parteien-)Systems.

So wie der Pate in den gleichnamigen Filmen, der ungerührt seinem verängstigten Gegenüber mitteilt, dass er ihn gleich töten lassen wird, aber hinzufügt: „Es ist nichts Persönliches, sondern rein geschäftlich“, so geht es bei Personalentscheidungen in Großorganisationen immer zu, wahrscheinlich ähnlich sogar im Kaninchenzüchterverein. Intrigen, üble Nachrede, Fake News, die ganze Klaviatur wird bespielt, wenn eine Personalentscheidung zu treffen ist, und die unterschiedlichen Interessengruppen sich nicht einigen können.

Die Grünen haben gerade allen gezeigt, wie diszipliniert Linke solche Entscheidungen treffen können. Geradezu geräuschlos wurde mitgeteilt, dass Annalena Baerbock Kanzlerkandidatin wird. Robert Habeck dürfte das nicht gefallen haben, aber er lächelt und wartet auf seine zweite Chance. Punkt für die Grünen. Auch die CDU hat ihren Kanzlerkandidaten nominiert. Halt, Korrektur, nicht DIE CDU, sondern ein Funktionärsgremium mit wenigen Dutzend Mitgliedern. Könnte auch geräuschlos sein, war aber mit Getöse. Immerhin können sich Grüne und Schwarze jetzt schon mal abklatschen: beiden Parteien ist es gelungen, den/die schlechtest möglichen Kandidaten zu präsentieren.

In Fulda tagten gestern die Konservativen in CDU und CSU. Das Gallische Dorf wählte eine neue Führung und 221 Parteifreunde waren stundenlang angereist, um nach eineinhalb Jahren des erbitterten Streits eine neuen Führung zu wählen und aufzubrechen in eine strahlende Zukunft. Ob es die geben wird, ist fraglich, denn der Vorwahlkampf hat heftige neue Wunden geschlagen. Ein Teil der Freunde der unterlegenen Kandidatin packte schon am Mittag ihre Sachen und verließ das Kongresszentrum, mehrere vorgesehene WU-Kandidaten zogen zurück und ließen sich von den Stimmzetteln streichen. In WhatsApp-Gruppen feixen die Sieger und granteln die Verlierer. In einer dieser Gruppen pöbelte mich schon während der Woche jemand an, den ich für einen Freund gehalten habe. Weil ich mein Wahlverhalten nicht mit einem kurzen Nicken an seinen Vorstellungen ausrichten wollte, empfahl er mir allen Ernstes, mich als Laie mal aus den politischen Diskussionen herauszuzahlten und mich lieber um meine Zeitung zu kümmern. Da werde ich drüber nachdenken und vielleicht nachher vor dem Einschlafen noch in dem Album blättern, wo ich die Ablaufpläne von Staatsreisen mit Bundeskanzler oder Außenminister abgelegt habe. Vielleicht sollte ich auch Rosen züchten in Betracht ziehen. Ich überlege es mir.

Ich will hier auch die Ergebnisse der Wahlen gestern nicht bewerten. Nur so viel: Max Otte und Juliane Ried haben sehr unterschiedliche aber absolut respektable Vorstellungen hingelegt. Die WerteUnion hat entschieden. That’s it! Wie es weitergeht – ich bin gespannt.

Sicher ist allerdings auch: Die WerteUnion und wir Bürgerlichen insgesamt werden niemals mehr irgendwas in diesem Land verändern, wenn wir nicht lernen, einen politischen Wettkampf anständig und mit Würde über die Bühne zu bringen. Den Kandidaten oder die Kandidatin mit Respekt zu behandeln – vor einer Entscheidung ebenso wie nach einer Entscheidung. Mein ganz persönlicher Eindruck: Das ist rund um die Wahlen gestern nur rudimentär gelungen.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.