In Berlin sitzt ein 57-jähriger Brite seit vorgestern in einer Zelle – hoffentlich für viele Jahre

Anzeige

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

David S. (57) sitzt irgendwo in Berlin in einer Zelle und hat vermutlich erst einmal keine gute Zeit vor sich. Denn David ist ein Spion, der aufgeflogen ist. Und es ist nicht einmal ein Stoff für den nächsten James Bond-Streifen, denn David hat sein Land – Großbritannien – als Mitarbeiter der britischen Botschaft in Berlin für schnöden Mammon verkauft.

Das ist eigentlich die unterste Stufe des Spion-Daseins, viel besser sind die, die um ihrer Überzeugungen willen Kopf und Kragen riskieren. Dazwischen sind die, die auf Lockvögel hereinfallen, und sich auf amouröse Abenteuer einlassen, die sie dann oft nach Jahren noch teuer zu stehen kommen, Denn in der Zelle landen die meisten dann irgendwann sowieso, aber sie hatten wenigstens noch etwas Spaß, wenn es für ie “gut gelaufen” ist.

Nein, man hat ja nach dem Zusammenbruch des Sowjetreiches 1990 gedacht, jetzt wird alles gut auf der Welt, wir werden alle Freunde und es gibt keine Kriege mehr und auch keine Spionage. Aber das ist ein fataler Trugschluss.

Das Geschäft blüht und unsere Freunde in Russland und China, aber wohl auch beim Nato-Partner Türkei sammeln an Daten, was sie bekommen können über unsere Regierung und wichtige Unternehmen.

Ganz fett im Geschäft sind heutzutage junge kreative Hackergruppen, die ohne Pause Angriffe auf deutsche Behörden, den Bundestag, politische Stiftungen, Dax-Konzerne und das, was wir hierzulande Armee nennen, starten. 15.000 Soldaten hat die Bundeswehr eingestellt, die sich nur um die Abwehr von Hackerangriffen und Cyberkriegen kümmern – aber immer defensiv, nur abwehren, weil wir sind ja die Deutschen und wollen immer ganz besonders gut sein. Wie froh bin ich, dass die USA und Israel da andere Vorstellungen haben. Der Iran weiß, was ich meine…

Letztlich kann ein guter Geheimdienst auch heutzutage nicht auf “human ressources” verzichten, auf Quellen im Herzen des Feindes und auf Agenten, die solche Quellen finden und führen. Und solche Leute müssen auch mal im Licht einer Taschenlampe Schubladen durchsuchen oder – hallo Paul! – mit schwarzem Klebeband ein weißes Autodach markieren, damit Drohnen den Wagen finden. Drohnen, die meistens von Geheimdiensten anderer Länder gesteuert werden, versteht sich.

Romantik dürfte es da wenig geben, zumindest heute bei den deutschen Schlapphüten, die sehr stark vom Wissen und von den Fähigkeiten verbündeter Staaten profitieren, die – anders als unser Bundesregierung – ernst nehmen, welche Bedrohungen von außen unserer Gesellschaft drohen – neben den bekannten im Innern.

Analysten schätzen, dass David S. so einer war, der heimlich Dokumente mit dem Smartphone abfotografiert und an seinen russischen Agentenführer weitergeleitet hat. Und dafür hat er Geld bekommen, das er in bar haben wollte. Über einen toten Briefkasten. Vermutlich haben unsere Leute, man munkelt, das BKA sei dabei aktiv gewesen, diesen toten Briefkasten im Auge gehabt. Und deshalb sitzt David jetzt für ein paar Jahre im Knast und wird dann irgendwann ausgetauscht und nach Russland gebracht. Und er wird sich den Rest seines Lebens fragen: War es das wirklich wert?

Übrigens: Russische Spione gibt es auch im Deutschen Bundestag. Die deutschen Geheimdienste kennen eine Reihe von Namen von gewählten Abgeordneten des deutschen Volkes, die nicht für uns da sind, sondern – oft gegen Geld – das Geschäft anderer Staaten betreiben und auch geheime Informationen weitergeben oder Anfragen vortragen, die in Russland formuliert worden sind. Und wenn das Abgeordnete sind, die ihren Wählern erzählen, sie seien deutsche Superpatrioten, dann ist das besonders widerlich. So ähnlich wie katholische Priester, die heimlich ins Bordell gehen.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

Anzeige

Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.