Im Flieger ist man sicher vor dem Virus: Wer hat Interesse daran, den Luftverkehr trotzdem zu zerstören?

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Gastbeitrag von SYLVIA PANTEL, Mitglied des Deutschen Bundestages

BERLIN – Alle bislang bekannten Fakten sprechen dafür, dass an Bord von Flugzeugen das geringste Risiko besteht, sich mit Corona zu infizieren. Überfüllte Regionalzüge, aber auch S-und U-Bahnen, Straßenbahnen und Busse hingegen stellen ein großes Problem dar. Auch deshalb, weil die Maskenpflicht im Bahnverkehr und auch teilweise im ÖPNV immer weniger beachtet und noch weniger kontrolliert wird. Hier besteht eine Ungleichbehandlung von Verkehrsmitteln, die ausgerechnet jetzt, wo eine zweite Welle droht, kaum beachtet wird.

In keinem anderen Verkehrsmittel, außer vermutlich dem eigenen Auto, sind die Menschen derzeit so gut vor einer Infektion mit dem Corona-Virus geschützt wie im Flugzeug. Der Grund dafür sind die Lüftungssysteme in Flugzeugen, die dafür sorgen, dass die Luft an Bord alle zwei bis drei Minuten komplett ausgetauscht wird. Mit Hilfe von Filtern, die auch bei Viren wirken, entspricht die Qualität der Luft im Flugzeug damit fast der in einem Operationssaal. Dass die Luft in der Flugzeugkabine vertikal strömt, unterstützt diesen Schutz.

Wie gut dieser Schutz funktioniert, zeigte sich am 22. Januar, also in der Anfangsphase der Pandemie, bei Flug 311 der China Southern Airlines von Guangzhou (China) nach Toronto (Kanada). Die Boeing 777, mit der dieser Flug durchgeführt wurde, hatte insgesamt 361 Sitze. Mit 350 Passagieren war der 15-stündige Flug fast voll besetzt. Und darunter war auch ein Ehepaar, dessen Flugreise bereits in Wuhan, dem Ursprungsort des Virus, begonnen hatte. Beide waren mit Covid-19 infiziert.

Der Fall wurde auch deshalb von den Behörden so akribisch aufgearbeitet, weil es sich bei dem Mann um den ersten nachgewiesenen Corona-Patienten in Kanada gehandelt hat. Aus Sorge vor weiteren Infektionen kontaktierten die kanadischen Behörden daraufhin die anderen Fluggäste und die Airline. Fast alle davon wurden auch erreicht. Aber obwohl sich das mit Corona infizierte Paar 15 Stunden lang auf engstem Raum mit 348 anderen Fluggästen und der Crew aufgehalten hatte, hatte sich niemand davon mit Corona infiziert. Und auch abseits dieses spektakulären Falles sind bislang kaum Infektionen mit Covid-19 an Bord eines Flugzeuges bekannt geworden.

Freier Mittelplatz nicht notwendig

Damit ist es nur logisch, dass weder das Verkehrsministerium noch die Airlines bei dem strengen Maßnahmenkatalog, der bei der Wiederaufnahme des Luftverkehrs im Juni entwickelt wurde, einen Mindestabstand an Bord, etwa durch einen freien Mittelsitz, zur Bedingung gemacht haben. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) hat dafür keine Notwendigkeit gesehen. So wurden in einem „Epidemiologischen Bulletin” des RKI vom 16. Juli für den Luftverkehr zwar die Beachtung der Abstandsregeln beim Ein- und Aussteigen sowie die Maskenpflicht an Bord empfohlen, aber kein freier Sitz zwischen zwei Reisenden. Stattdessen beschränkte sich das RKI sachgerecht auf die Forderung, dass die Belüftung gewährleistet sein muss, sobald sich Personen an Bord befinden.

Trotzdem sind die Flughäfen, wie man derzeit auch in Düsseldorf sehen kann, seit dem Auftauchen des Corona-Virus leer und verwaist. Die wenigen Fluggäste wie auch die wenigen startenden und landenden Flugzeuge erinnern mehr an die 60er-Jahre als an die Zeit vor dem Virus. Der Zusammenbruch des Luftverkehrs dürfte natürlich auch ökonomische Gründe haben: Viele Menschen, die sonst selbständig tätig oder jetzt in Kurzarbeit sind, dürften in diesem Jahr auch deshalb nicht in Urlaub geflogen sein, weil sie dafür kein Geld mehr hatten. Und Unternehmen, die sich auf eine Rezession einstellen, streichen natürlich auch bei Geschäftsreisen. Dennoch ist es unübersehbar, dass viele Menschen, ähnlich wie schon nach den 9/11-Anschlägen, jetzt erstmal Angst vor dem Fliegen haben.

Hauptproblem überfüllte Regionalzüge

Eine völlig andere Schizophrenie, nur mit umgekehrten Vorzeichen, erlebt man, wenn man dieser Tage mit der Bahn fährt: Die meisten Fahrgäste, die im Zug eine Maske tragen, setzten diese erst bei dessen Betreten auf, viele sogar erst, nachdem sie durch den ganzen Zug gegangen und endlich einen Platz gefunden haben. Nicht wenige Fahrgäste tragen die Maske unterhalb der Nase, also falsch. Einzelne junge Männer zeigen ganz offen, dass sie gar keine Lust mehr auf die Maskenpflicht haben. Bei vielen jungen Fahrgästen fällt auf, dass sie ihre Maske nicht aufsetzen, sondern am Kinn tragen – offenbar um diese schnell aufsetzen zu können, falls doch mal kontrolliert werden sollte. In Bussen und Straßenbahnen zeigt sich zunehmend ein ähnliches Bild, allerdings noch nicht so drastisch wie im Bahnverkehr. Damit ist das Infektionsrisiko bei der Bahn enorm gestiegen, insbesondere bei den an Wochenende in NRW oftmals überfüllten Regionalzügen, bei denen es faktisch überhaupt kaum Abstand zwischen den Fahrgästen gibt.

Aber selbst in überfüllten Zügen ist zu beobachten, dass viele junge Fahrgäste die Maskenpflicht nicht mehr ernst nehmen. Zu befürchten haben sie nichts, denn kontrolliert wird kaum und Bußgelder gibt es keine. Die Bahn setze auf „Einsicht und die Kommunikation unserer Zugbegleiter mit jenen Fahrgästen, die keine Maske tragen”, sagte Bahn-Chef Richard Lutz vor wenigen Tagen den Funke-Zeitungen. „Überzeugung und Appell an die Verantwortung stehen vor der Bestrafung.” Faktisch heißt das nichts anderes, als dass die Bahn diese Zustände einfach so belässt – während im Luftverkehr Mundschutz-Verweigerer noch vor dem Start konsequent vom Flug ausgeschlossen werden. Und all das geschieht vor dem Hintergrund, dass mögliche Infektionsketten im Luftverkehr problemlos nachverfolgt werden können, bei der Bahn aber nicht.

Damit müsste eigentlich klar sein, dass die Bahn in dem Moment, wo die Sorge vor einer zweiten Welle der Covid-19-Pandemie wächst, das unkalkulierbare Risiko ist – aber nicht der Luftverkehr. Eigentlich. In Wahrheit aber wird über die Situation in den Zügen in den Medien kaum berichtet. Die Absage des Bahn-Chefs an ein Bußgeld für das Missachten der Mundschutzpflicht wird auch nicht kritisch hinterfragt. Stattdessen schießen sich mehr und mehr Journalisten auf den Luftverkehr ein und beharren, wie zuletzt bei der Bundespressekonferenz am Montag, hartnäckig darauf, dass auch an Bord von Flugzeugen ein Mindestabstand von 1,5 Metern gewährleistet sein muss. Dem Leser werden schnell erstellte Studien präsentiert, die vor möglichen Infektionen an Bord von Flugzeugen warnen. Infektionen, die es so selbst in der ersten Welle der Covid-19-Pandemie im Luftverkehr nicht einmal ansatzweise gegeben hat.

Welche Gründe hat die mediale Ungleichbehandlung?

Woher kommt dieser Irrsinn? Möglicherweise hat diese massive mediale Ungleichbehandlung ja auch damit zu tun, dass deutsche Medien im Zuge der Klimadebatte mehr und mehr das „Feindbild Luftverkehr”, das Grüne so gerne entwerfen, inzwischen unhinterfragt übernommen haben. Denn würde der von den meisten Experten als unsinnig erachtete freie Mittelplatz von der Politik vorgeschrieben, so könnten die Airlines rund ein Drittel ihrer Plätze nicht mehr verkaufen – bei aber gleichbleibenden Betriebskosten. Das würde die Ticketpreise, die durch die Covid-19-Krise ohnehin bereits gestiegen sind, noch weiter steigen lassen. Und damit würden sich die Chancen, dass die Luftverkehrsbranche die Krise bald wieder überwindet, noch weiter verschlechtern. Inklusive aller Folgeschäden, etwa dem weiteren Verlust von Arbeitsplätzen.

Nur dürfen Infektionsschutz und Verkehrspolitik ebenso wenig ideologisch geleitet sein wie andere politische Maßnahmen. Für den Moment muss es darum gehen, die lange befürchtete zweite Welle des Corona-Virus abzuwehren. Und da haben die Bundesregierung, die Airlines und auch die Flughäfen bereits konsequent alle notwendigen Maßnahmen umgesetzt, die gewährleisten, dass beim Fliegen nur noch ein sehr geringes Infektionsrisiko vorhanden ist.

Es sind andere Bereiche, die man jetzt schleunigst in den Griff kriegen muss. Beispielsweise das Laissez-faire an den Bahnhöfen, wo außer der Schließung von Raucherzonen faktisch überhaupt keine Maßnahmen gegen Covid-19 getroffen wurden, und in den Regionalzügen. Denn bei der Bahn gibt es keine Konsequenzen bei fehlendem Mundschutz, kein schützendes Belüftungssystem und auch keine Nachverfolgung von Infektionen. Aufgrund der im Gang stehenden Fahrgäste gibt es da oftmals nicht einmal den Abstand, den zwei nebeneinander sitzende Fluggäste haben. Man muss schon sehr ideologisch verblendet sein, um nicht zu sehen, wie gefährlich dieser Zustand ist.

SYLVIA PANTEL ist seit zehn Jahren direkt gewählte Abgeordnete aus Düsseldorf. Sie gehört der CDU an.

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Bildquelle:

  • Luftverkehr: pixabay
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