Ich habe keine Hoffnung mehr, wirklich keine

Anzeige

Liebe Leserinnen und Leser,

der Niedergang der CDU ist für mich – anders als für viele andere Bürger – kein Grund zur Schadenfreude. Zeit meines Lebens war die Union meine politische Heimat. Ich habe Helmut Kohl verehrt, bei all seinen Schwächen und auch Fehlern. Er war ein Patriot, einer, die seinem Land ehrlich dienen wollte und gedient hat. Bei jeder Wahl war ich kurz nach der Öffnung im Wahllokal und habe ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, meine beiden Kreuze bei der CDU gesetzt. Eine Volkspartei, marktwirtschaftlich orientiert, transatlantisch, auf einem christlichen Wertefundament gegründet, pro europäisch, für ein Europa souveräner Vaterländer. Phantastisch, das ist mein Weltbild. Aber ich kann das nicht mehr.

2009 habe ich zum letzten Mal bei einer Bundestagswahl die CDU gewählt, damals schon mit Bauchgrimmen. Das ist zwölf Jahre her. Spätestens mit Merkels Entscheidung, die deutschen Grenzen für einen monatelangen unkontrollierten Massenzuzug von inzwischen fast zwei Millionen Muslimen aus zumindest einigen Steinzeitländern, ist das Thema durch. 2017 bei der Bundestagswahl sind wir mit der ganzen Familie zum Wahllokal geschlendert, nachmittags erst. Als ich losging, wusste ich noch nicht, was ich in fünf Minuten wählen werde. Mein CDU-Wahlkreisabgeordneter hatte öffentlich die WerteUnion als rechtsradikal beschimpft, die Basisbewegung, der ich auch heute noch angehöre, und in der sich die Reste der alten CDU versammelt haben, um gegenseitig die Tränen der Wut zu trocknen. Und der CDU-Wahlkreisabgeordnete hier hatte kurz vorher noch im Bundestag für die Einführung der sogenannten Homo-“Ehe” gestimmt. Ich spielte in der Wahlkabine kurz mit dem Gedanken, die AfD zu wählen, aber die gleichen Kreuze wie Herr Höcke und damals noch Herr Kalbitz und Herrn Gauland zu machen, der nicht neben Jerome Boateng wohnen will, das geht einfach nicht für einen Bürgerlichen wie mich. Also wieder einmal das kleinere Übel, die FDP, ein großer Fehler zweifellos. Aber was macht man, wenn man nicht einmal im Wahlkreis einen überzeugenden CDU-Kandidaten wählen kann?

Und es gibt so viele gute Politiker auch heute noch in der Partei Konrad Adenauers und Helmut Kohls, so viele anständige und aufrechte Politiker, die ich sofort wählen würde, wenn ich in deren Wahlkreis lebte: Hans-Georg Maaßen und Friedrich Merz, Carsten Linnemann und Sylvia Pantel, Klaus-Peter Willsch, Saskia Ludwig, Veronika Bellmann, Claudia Pechstein, Hubert Hüppe, Christian Nienhaus und und und… So viele großartige Leute, aber sie bestimmen nicht den Kurs der Partei. Nach den Merkel-Jahren ist die Union nicht einmal mehr rudimentär als das zu erkennen, was sie wahr, als ich 1977 eintrat.

Ja, aber man muss doch auf jeden Fall Rot-Rot-Grün verhindern, eine Kanzlerin ohne überzeugenden Lebenslauf, die ein Vetorecht für alle zukünftigen Gesetze wegen des Klimas beansprucht. Natürlich ist sowas das reine Grauen für einen bürgerlichen Konservativen wie mich. Solche Forderungen haben mit Demokratie nichts mehr zu tun. Aber deshalb Armin Laschet wählen und damit ein Weiter so nach dem schlimmsten 18 Jahren in der Geschichte der CDU? Nein, nein, nein. Ich kann das nicht, und ich will das nicht.

Armin Laschet wurde nicht Kanzlerkandidat, weil er der beste Mann der Union wäre, er war der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich die alte Merkel-Nomenklatura einigen konnte, um bloß Friedrich Merz zu verhindern. Weil Merz ist nicht abhängig vom System, das das Konrad-Adenauer-Haus streng orchestriert. Er muss nicht Politiker sein, er hat auch allein ein Leben, ist erfolgreich und wohlhabend. So wie Hans-Georg Maaßen, der kandidiert nicht für den Bundestag, weil er eine Altersversorgung braucht, der tut sich das an, weil er immer noch an ein Wunder glaubt.

Ich glaube daran nicht mehr. Zumindest in der Politik nicht. Es gibt keinen Sebastian Kurz in der CDU, der das Ruder herumreißen und die Partei wieder wählbar machen könnte. Es ist vorbei.

Wähl’ doch die Freien Wähler, sagen mir Freunde, der Aiwanger ist kautzig, aber er ist ein guter Typ mit einer klaren Agenda. Und Markus Söder hat ihn durch seine unablässigen Pöbeleien ins Rampenlicht auch auf der Bundesebene katapultiert. Weil sich Aiwanger erlaubt, eine eigene Meinung zu haben, zum Impfen zum Beispiel. Aber seine Partei? Marcel Luthe in Berlin sofort, aber im Grunde sind die Freien Wähler wie die evangelische Amtskirche in Deutschland insgesamt: jeder glaubt, was er oder sie gerade glauben will. Ist das die Hoffnung für uns Bürgerliche?

Sie merken vielleicht, dass ich wirklich verzweifelt bin. Ich weiß nicht, welche Partei ich noch wählen kann. Wirklich nicht. Und noch schlimmer: Mir fällt kein Grund ein, überhaupt noch zu wählen bei einem Angebot, das Laschet, Baerbock und Scholz heißt. Wenn das unsere Besten sind, dann Gute Nacht, Deutschland.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

Und bitte: Unterstützen Sie wenigstens diese unabhängige Tageszeitung mit einem Abo oder einer Spende, damit meine großartige und engagierte Redaktion und ich wenigstens noch einige Zehntausend Bürger jeden Tag mit einer anderen Sicht der Dinge erreichen önnen.

Anzeige

Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.