Harry & Meghan im Interview: Hassobjekte kommen und gehen, der Shitstorm ist immer dabei

HANDOUT - Prinz Harry und Herzogin Meghan sprechen mit Oprah Winfrey über das Leben am britischen Königshaus. Foto: Joe Pugliese/Harpo Productions/PA Media/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits
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von MIRIAM THÉRÈSE SOFIN

Nach dem aufsehenerregenden Interview von Prinz Harry und Meghan Markle mit Oprah Winfrey sind die Klatschmagazine und sozialen Medien voller Schmährufe gegen die schöne Schauspielerin, die vor knapp drei Jahren einen Prinzen heiratete. Doch wie konnte die einstige TV-Darstellerin und Modeikone in nur wenigen Jahren von einer der beliebtesten Royals zur meist gehassten Frau Englands mutieren?

Die Liebesgeschichte zwischen Prinz Harry und der bürgerlichen Meghan Markle begann ziemlich unspektakulär mit einem Blind Date im Jahr 2016, das gemeinsame Freunde der beiden für sie organisiert hatten und fand ihren Höhepunkt in einer prunkvollen Hochzeit in Windsor Castle im Mai 2018. Wie viele Frauen rund um den Globus saß auch ich damals wie gebannt vor dem Fernseher und war live dabei, als die elfengleiche Meghan regelrecht auf den Altar zuzuschweben schien. Die Zeremonie und Meghan waren einfach perfekt! Ganz England feierte seine neue Prinzessin und weltweit waren die Menschen verliebt in den frischen Wind, der, verkörpert von der bi-ethnischen und bereits einmal geschiedenen Meghan, durch das britische Königshaus wehte.

Ein Märchen schien wahr geworden zu sein, das allen Frauen quer über den Globus zeigte, dass auch sie eines Tages eine waschechte Prinzessin werden könnten. Doch, wie das so mit Menschen ist, die man auf ein Podest stellt, ließ auch der tiefe Fall der Meghan Markle nicht lange auf sich warten. Schon kurz nach der Luxushochzeit des noch gefeierten Traumpaares meldeten sich diverse Freunde und Familienangehörige der neu erkorenen Herzogin von Sussex, u. a. Meghans Vater und ihre Halbschwester, bei Englands Boulevardpresse, um schmutzige Wäsche über sie zu waschen. So machte bald das Gerücht die Runde, Meghan hätte von langer Hand geplant, einen möglichst berühmten und reichen Mann zu heiraten. Sie sei arrogant, selbstsüchtig und spiele nur die Rolle der in ihren Mann verliebten Ehefrau, die, so hieß es, “Rolle ihres Lebens”. Als dann auch noch ein langjähriger Mitarbeiter des Königshauses nach dem anderen seinen Dienst bei den Royals quittierte, nachdem Meghan eingezogen war, verschlimmerte sich die mediale Berichterstattung ein weiteres Mal und Meghan Markle wurde des Mobbings ihrer Angestellten beschuldigt. Die Negativmeldungen überschlugen sich, woraufhin Harry und Meghan mehrere britische Boulevardmedien verklagten.

Hatte Prinz Harry im Jahr 2019 noch 200 Auftritte als Repräsentant von Queen Elisabeth absolviert und Herzogin Meghan immerhin 80, inklusive einer großen Royal-Tour durch Afrika mit ihrem mittlerweile geborenen Sohn Archie, verkündeten die beiden Eheleute im Januar 2020 plötzlich ihren Rückzug aus den Pflichten der britischen Königsfamilie. Ein Ereignis, welches, angelehnt an den im Jahr 2016 beschlossenen “Brexit”, dem Austritt Englands aus der EU, fortan in der Presse als “Megxit” bezeichnet werden würde.

Der “Megxit” trat schließlich am ersten April 2020 offiziell in Kraft, nachdem Harry und Meghan mit ihrem Sohn nach Vancouver in Kanada gezogen waren. Mittlerweile ist die kleine Familie in das US-amerikanische Küstenstädchen Santa Barbara umgesiedelt und erwartet nach einer Fehlgeburt ihr zweites Kind: Ein Mädchen, wie es Harry im Rahmen des Exklusivinterviews mit Talkshowlegende Oprah Winfrey offenbarte. Ruhig geworden war es um Harry und Meghan vor ihrem hohe Wellen schlagenden Interview; etwas, was sich beide eigenen Aussagen nach so sehr gewünscht hatten: Endlich Ruhe vor der Presse. Umso überraschender kam nun das Sensationsinterview mit Oprah Winfrey, welche sich längst von einer gewöhnlichen Talkshow-Moderatorin zu einer der wohlhabendsten Unternehmerinnen Amerikas gemausert hat und dem ehemals royalem Paar hinsichtlich Reichtum und Berühmtheit in nichts nachsteht.

Die nach Skandalen lechzende Öffentlichkeit wurde nicht enttäuscht. Von vagen Rassismusvorwürfen gegen das britische Königshaus, das Harry und Meghan während des Interviews nüchtern “die Firma” nennen, bis hin zu Suizidgedanken Meghans, welche angeblich von “der Firma” nicht ernst genommen wurden, war alles dabei, was sich das Publikum von einem Tell-All Interview nur hätte erträumen können. Insgesamt ließen Harry und Meghan die britische Königsfamilie in keinem guten Licht dastehen und als Zuschauer fühlte man sich sofort unangenehm an das pikante BBC-Interview mit Prinzessin Diana von vor 25 Jahren erinnert, in dem sie über ihre “Ehe zu dritt” mit Charles und Camilla ausgepackt hatte. Was viele mittlerweile vergessen haben: Auch Harrys Mutter, Prinzessin Diana, bekam einst so einiges an Schmutz von der britischen Regenbogenpresse ab, bevor diese sie nach ihrem tragischen Tod im Jahr 1997 zu einer Art “heiligen Mutter Englands” erhob und so halte ich Harrys Sorge um seine Frau und davor, dass sich die Geschichte wiederholen könnte, auch nicht für allzu weit hergeholt und durchaus nachvollziehbar.

Als auffällig an der medial geäußerten Kritik an Harry und Meghan empfinde ich vor allem, dass sie Harry entweder völlig exkludiert, oder aber als passives Opfer porträtiert, das von seiner intriganten und herrschsüchtigen Frau kontrolliert wird. Quasi die Geschichte von Adam und Eva: “She made him do it!” – Ein zutiefst misogynes, aber gesellschaftlich fest etabliertes Denkmuster, das zuletzt besonders deutlich im Falle der kürzlich verstorbenen Fernseh-Persönlichkeit Kasia Lenhardt zu beobachten war. Vor deren Suizid Anfang Februar diesen Jahres hatte die deutsche Presse eine regelrechte Schlammschlacht gegen das semi-bekannte Model geführt. So warf man ihr vor, die Beziehung des berühmten Fußballnationalspielers, Jérôme Boateng, zerstört zu haben. Der hatte eine der beiden Mütter seiner drei Kinder zuerst mit Lenhardt betrogen und sie letztendlich auch für diese verlassen. Für die Öffentlichkeit war der Fall klar: Lenhardt war Schuld an Boatengs Verfehlungen gegenüber seiner Familie. Auf ein Exklusivinterview Boatengs mit der BILD, in dem er Kasia Lenhardt auch noch beschuldigte, ihn “in eine Beziehung gezwungen” und erpresst zu haben, folgte ein mehrere Tage andauernder Shitstorm gegen die junge Mutter, welcher erst mit deren Freitod zum Erliegen kam.
Ach, was waren danach mahnende Worte in Zeitungen und sozialen Netzwerken zu vernehmen… Jeder Hinz und Kunz fühlte sich plötzlich berufen, sich möglichst öffentlichkeitswirksam gegen Mobbing zu positionieren. Doch heute, nur wenige Wochen später, sehen wir, dass all dies nur heiße Luft gewesen ist.

Die Hassobjekte kommen und gehen, aber der Shitstorm bleibt und auffällig oft richtet dieser sich gegen Frauen. – Frauen, denen die Verantwortung für die Taten und Lebensentscheidungen ihrer Partner auferlegt wird. Meghan Markle ist nicht die erste Frau, die dieser Fluch trifft und sie wird leider auch nicht die letzte sein. Als Frau, die auch bereits Cybermobbing ausgesetzt war – natürlich nicht ansatzweise im gleichen Ausmaß, wie Meghan Markle – ziehe ich meinen Hut vor ihr und allen anderen starken Persönlichkeiten, ob Mann oder Frau, die einen solchen Sturm mit erhobenem Haupt und stabiler Psyche überstehen.

Ein Ende der Hexenjagd ist nicht in Sicht

Bildquelle:

  • Interview: dpa
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