Haben Muslime mit ihrer Kritik an uns Westlern nicht auch recht?

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von MIRIAM THÉRÈSE SOFIN

Während Vertreter der deutschen Mehrheitsgesellschaft in Integrationskonferenzen und abendlichen Talkshow-Runden immer öfter den wachsenden Einfluss des Islams auf unsere Gesellschaft
thematisieren, welcher untrennbar mit der Zuwanderung von immer mehr muslimisch geprägten Menschen in unseren Kulturkreis verbunden ist, wird bei dieser Debatte zumeist die andere Seite der Medaille gänzlich ausgeblendet – nämlich dass auch Muslime den Einfluss des Westens auf ihre Gemeinschaft, insbesondere auf ihre Kinder, untereinander mindestens ebenso hitzig diskutieren, wie dies umgekehrt der Fall ist.

Als Person, die sowohl in einem westlich geprägten Umfeld aufgewachsen ist, als auch sieben Jahre ihres Lebens als junge Erwachsene in einem mehrheitlich islamischen Bezugsrahmen verbracht hat, fällt mir die Diskrepanz beider Welten, insbesondere seit dem ich den Islam wieder verlassen habe, in meinem Alltag besonders stark auf. Und auch wenn ich sehr glücklich über meine Entscheidung bin und ich mich nun viel freier und moralisch gefestigter fühle, so muss ich dennoch zugeben, dass ich manchmal nicht so recht weiß, welche von beiden Welten mich mehr abstößt: Die patriarchale, jedwede Beziehung außerhalb der Ehe verteufelnde und insbesondere Frauen in ihrer Sexualität unterdrückende, islamische Lebenswirklichkeit, oder der „Lifestyle des Westens”, der in weiten Teilen unserer Gesellschaft Sexualität zu einer Art Hobby hat verkommen lassen – einem Akt entkoppelt von Emotionen, gegenseitiger Fürsorge und Verantwortungsbewusstsein.

Und so ist es für mich auch wenig verwunderlich, dass sich mittlerweile unter muslimischen Jugendlichen der Ausruf „du Deutscher“ als Beschimpfung fest etabliert hat und muslimische Eltern
Angst vor einer „Verwestlichung“ ihrer Kinder haben. Den selbsternannten „Verteidigern des Abendlandes” ist wohl völlig entgangen, dass sich die westliche Kultur, zumindest was menschliche
Tugenden und Werte betrifft, welche meiner Meinung nach für eine heile und funktionierende Gesellschaft unabdingbar sind, weit davon entfernt hat, „best“ zu sein. Mal ganz abgesehen davon, dass in den vergangenen Jahrzehnten die indigene Bevölkerung Deutschlands aufgrund des massiven Geburtenrückgangs dermaßen geschrumpft ist, dass weder unser Sozial-, noch unser Rentensystem ohne Zuwanderung hätte aufrechterhalten werden können.

Eine Gesellschaft, die nicht einmal mehr dazu in der Lage ist, sich selbst zu erhalten, ist zweifelsohne bestenfalls als defizitär zu bezeichnen und schlimmstenfalls als zum Scheitern verurteilt.
Schaut man sich auf den einschlägig bekannten Online-Plattformen von Muslimen um, entdeckt man dort unzählige Bilder, in denen unverschleierte Mädchen und Frauen mit Objekten, wie unverpackten Süßigkeiten verglichen und Frauen, die ihre Jungfräulichkeit verloren haben, kategorisch abgewertet und mit verschlissenen Gebrauchsgegenständen gleichgesetzt werden. Der Wert einer Frau im Islam bemisst sich ohne jeden Zweifel an ihrer Unberührtheit, am Gehorsam gegenüber ihrem Ehemann und an ihrer Fruchtbarkeit. Eine gute Muslima ist also eine ergebene Dienerin ihres Mannes und ein Garant für die Vergrößerung der Ummah, der islamischen Glaubensgemeinschaft.

Darauf, welchem ideologisch und historisch hinlänglich bekannten Frauenbild das islamische in nichts nachsteht, möchte ich an dieser Stelle nicht weiter eingehen. Das ist ohnehin kein Geheimnis. Worauf ich aber eingehen möchte, ist, dass für Muslime die Ehe und Gründung einer Familie nach wie vor unverzichtbare Lebensziele darstellen. Und lässt man die Ideologie, welche dieser Haltung zu Grunde liegt, mal einen Augenblick lang beiseite, so versteht man vielleicht, weshalb sich auch immer mehr westlich sozialisierte, junge Menschen zu einer solch regressiven und repressiven Ideenlehre, wie dem Islam, hingezogen fühlen.

Die Exklusivität von Paarbeziehungen und die damit verbundene sexuelle Treue sind jedenfalls Werte, die unter den in Deutschland lebenden Muslimen weitestgehend als selbstverständlich erachtet werden – zumindest offiziell. Und das obgleich die islamische Theologie dem Mann die Mehrehe und ebenso die Möglichkeit sogenannter Zeitehen mit weiteren Frauen gewährt. Auch möchte ich nicht behaupten, dass muslimische Männer ihren Partnerinnen seltener fremdgingen, als ihre anders- oder ungläubigen Geschlechtsgenossen. Worauf ich vielmehr hinaus möchte, ist die in unterschiedlichen Kulturkreisen in Deutschland in unterschiedlichem Maße vorherrschende Toleranz gegenüber Promiskuität. Diese ist unter Muslimen nicht ansatzweise in vergleichbarer Form gegeben, wie in der säkularen Mehrheitsgesellschaft, welche mittlerweile auch offene, oder polyamore Beziehungsformen anerkennt, die Daseinsberechtigung der Monogamie regelmäßig hinterfragt, oder diese gar als bloßes Relikt vergangener, klerikaler Unterdrückung in Gänze ablehnt.

Besonders in linken Kreisen hat sich in den letzten Jahren ein regelrechtes Potpourri an neuen Beziehungsmodellen entwickelt, welche der traditionellen Familie und monogamen Zweierbeziehung zunehmend den Rang abgelaufen haben… Durch Facebook, Tinder und Co ist es für uns heute zwar so einfach, wie nie zuvor, neue Menschen und auch potentielle (Sexual-)Partner kennenzulernen, doch belegen zahlreiche Studien, dass die Einsamkeit in unserer Gesellschaft generationenübergreifend zugenommen hat. Dies deckt sich auch mit der Feststellung, dass es, insbesondere in deutschen Großstädten, immer mehr Single-Haushalte gibt – und ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass in
diesen keine Muslime leben… Ebenso wachsen nachweislich immer mehr Kinder in Deutschland mit nur einem Elternteil auf – in Berlin betrifft dies bereits jedes dritte Kind. Eine, wie ich finde, alarmierende Fehlentwicklung!

Doch die größte Opfergruppe unserer maroden Sexualmoral stellen zweifelsohne die in Deutschland jährlich über 100.000 im Mutterleib getöteten Babys dar. Sex mit Fremden scheint vielen Menschen zwar Spaß zu machen, doch Kinder bekommen wollen sie verständlicherweise dann doch lieber mit jemandem, mit dem sie sich nicht nur körperlich, sondern auch emotional verbunden fühlen. Kinder, die im Laufe der “sexuellen Selbstverwirklichung” entstehen, gelten in unserer Gesellschaft als zu entsorgende Kollateralschäden. Durch meinen Kontakt zu ehemaligen Prostituierten weiß ich auch, dass unter sogenannten “Sexworkerinnen” mehrere Abtreibungen im Jahr nicht selten vorkommen. Aber Hauptsache, 1,2 Millionen deutsche Freier können sich tagtäglich – und das völlig legal – an Frauen in prekären Lebensverhältnissen vergehen.

Ich komme daher nicht darum herum, mir die Frage zu stellen, ob in den Vorwürfen von Muslimen, westliche Gesellschaften seien moralisch verkommen und ihre Mitglieder emotional verwahrlost, nicht doch mehr, als nur ein Fünkchen Wahrheit steckt. Haben wir „Westler“ uns längst vor lauter Liberalität, Selbstoptimierungswahn und sexueller Freizügigkeit gesellschaftlich ins moraliche Abseits geschossen? Meiner Meinung nach, ist dieser Vorwurf zumindest nicht frei aus der Luft gegriffen

Bildquelle:

  • Amsterdam_Rotlichtbezirk_Sex: pixabay
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