Gespräch mit dem katholischen Publizisten Bernhard Meuser: „Ich halte den Synodalen Weg für einen Kardinalfehler“

Bernhard Meuser.

MÜNCHEN – Bernhard Meuser (68) ist in der katholischen Kirche in Deutschland ein bekannter und geschätzter Mann. Theologe, Vater von drei Kindern, Initiator und Hauptautor des zusammen mit dem Wiener Kardinal Schönborn herausgebrachten „YOUCAT“ und ehemaliger Verlagsleiter bei Weltbild und Droemer-Knaur. Er kennt das Licht und auch die Schattenseiten seiner Kirche. Selbst ein Missbrauchsopfer in der Katholischen Kirche geworden, löste sein im Jahr 2020 erschienenes 432-seitiges Werk „Freie Liebe – Über neue Sexualmoral“ heftige Kontroversen aus. Zusammen mit namhaften Philosophen, Anthropologen und Theologen hat er jetzt das „Reform Manifest“verfasst, das den sogenannten „Synodalen Weg“ als Pseudo-Reformismus kirchlicher Funktionäre einstuft. TheGermanZ sprach mit Bernhard Meuser.

Herr Meuser, der sogenannte „Synodale Weg“ beschäftigt die Amtskirchen, aber ist das auch ein wichtiges Thema für das Volk Gottes an sich? Oder wollen die gläubigen Christen einfach nur in Ruhe ihren katholischen oder evangelischen Glauben leben?

Ich halte den Synodalen Weg für einen Kardinalfehler. Man könnte auch sagen: für organisierte Kirchenbeschädigung. Da tut eine Mehrheit aus liberalen Bischöfen und politisierenden Verbandsvertretern so, als dürften sie den deutschen Katholizismus vertreten und bis in die Kirchenstruktur und die Sakramente hinein umbauen. Dazu muss man sagen: Die Verbandsfunktionäre vom „ZdK“ (= Zentralkomitee der deutschen Katholiken) vertreten sechs von 22 Millionen katholischen Gläubigen in Deutschland. Ich gehöre keinem Verband an und fühle mich von keinem dieser Leute vertreten. Und dann sind diese Verbandsvertreter weithin auch noch „Könige ohne Land“. Ganz viele Kinder und Jugendliche ahnen etwa nicht, dass sie beim BdKJ (Bund der deutschen Katholischen Jugend) mitgezählt werden. Und wenn ihre Eltern wüssten, welche ideologischen Thesen die Funktionäre da vertreten werden – sie würde ihre Sprösslinge schnell in Sicherheit bringen. Uns schreibt eine junge Frau aus Ostdeutschland: „In meinem Bistum Magdeburg ist fast niemand in einem Verband oder einer geistlichen Gemeinschaft. Dennoch vertritt die katholischen Jugendlichen eine vom BdKJ geschickte Mara Klein (die sich selbst als divers bezeichnet).Ich gehe mal davon aus, dass die normalen Gemeindejugendlichen sie nicht als typische Vertreterin gewählt hätten.“

Täuscht unser Eindruck, oder werden mit dem „Synodalen Weg“ einfach nur die jahrzehntelangen Forderungen nach einer Protestantisierung der römisch-katholischen Kirche in eine neue Form gegossen?

Das ist so, und das ärgert mich, der ich selbst Missbrauchsopfer eines Priesters bin. Da wird Missbrauch benutzt, um die angeschimmelten Reformforderungen, die man schon auf dem Katholikentag 1968 in Essen hörte, endlich ins Werk zu setzen. Die altgewordenen 68er verbünden sich mit Jungfeministinnen und Theologinnen, die der „Genderwissenschaft“ huldigen und nutzen die Gunst der Stunde. Denn Bischöfe und Priester stehen ja unter Pauschalverdacht. Ich nenne das „Missbrauch mit dem Missbrauch“. Herauskommt, was wir schon haben: eine Kirche, wie sie seit Jahrzehnten in den Evangelischen Landeskirchen Gestalt geworden ist: Alles geht – aber keiner interessiert sich mehr dafür, außer den Leuten, die dort noch einen Job haben

Die katholische Sexualmoral spielt bei all diesen Beratungen und Auseinandersetzungen eine zentrale Rolle. Ist das angemessen oder – anders gefragt – wenn der Mensch von Gott den freien Willen bekommen hat, über seinen Lebensweg zu entscheiden, warum will die Kirche das alles reglementieren?

Wir leben in einem Rechtsstaat; niemand verbietet Menschen so zu leben, wie sie Lust haben, wenn sie sich nur an die Gesetze halten. Schon gar niemand wird mit der Pistole gezwungen, sich für die christlichen Optionen von treuer und verbindlicher Liebe zu entscheiden. Nun muss man allerdings sagen: Sex ist ein schwieriges Thema – das wissen die meisten Leute aus ihrer eigenen Biographie. Wenn der nassforsche BdkJ-Chef Gregor Podschun nun meint: „Es gibt nicht Probleme mit der kirchlichen Sexualmoral. Die kirchliche Sexualmoral ist das Problem“, greift das doch ein bisschen kurz.

#MeToo hat gezeigt, dass Übergriffigkeit und Missbrauch kein Kirchenthema sondern ein Volkssport ist. 30.000 Videofreunde ergötzen sich an gefilmtem Kindesmissbrauch, Pornographie ist ein Milliardengeschäft geworden und gerade Suchtfaktor Nummer 1 – und wenn man sich etwas in der Nachbarschaft umschaut, sieht man, dass sich die dort ereignenden Beziehungswelten nicht weit von RTL II entfernt haben. Die Sexualmoral der Kirche ist anspruchsvoll – aber ich denke, dass wir Ideale gerade besser gebrauchen können als augenzwinkerndes Verständnis für alles, was in Betten und in Fahrstühlen denkbar ist.

Aber auch Menschen, die an Gott glauben, zweifeln daran, dass der sich für das einvernehmliche Sexualverhalten von Menschen interessiert….

Unter allen Religionen auf der Erde hat nur eine den USP „Liebe“ – das Christentum. Dort heißt es sogar „Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm.“ Mit anderen Worten: Gott interessiert sich absolut für die Liebe – und nebenbei auch für den Sex. Es geht dabei um die Frage, ob Sex ein Ausdruck von Liebe ist. Kernüberzeugung von Christen ist, dass man Sex nicht von der Liebe abspalten darf – als wäre das ein Spielzeug für jedermann und jedefrau. Wir sehen ja gerade, wie viele Kinder und Frauen „benutzt“ werden, damit bindungslose Männer ihren Spaß haben.

Warum sollen zum Beispiel Homosexuelle, die sich aufrichtig lieben, nicht den göttlichen Segen gespendet bekommen?

Man darf Menschen, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen, nicht diskriminieren. Man darf aber auch nicht so tun, als sei das nun bloß eine weitere Normvariante menschlicher Sexualität, und als hätte sich der Liebe Gott zwei natürliche „Schöpfungsvarianten“ (Julia Knop) ausgedacht und zwei Sorten von Menschen, die einen mit Geschmack für das gleiche und die anderen mit Sinn für das andere Geschlecht.

Jeder Mensch hat einen Vater und eine Mutter. Und spätestens wenn in gleichgeschlechtlichen Paaren die Sehnsucht nach dem Kind so groß wird, dass man sogar ein derart menschenverachtendes Unding wie Leihmutterschaft in Betracht zieht, versteht man, warum in der Bibel kein wirkliches Verständnis dafür herrscht, dass „der Mann beim Mann liegt“ (Lev 20,13) und Frauen „den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen“ (Röm 1,26) vertauschen. Gesegnet werden kann und soll übrigens jeder Mensch.

Papst Franziskus stellte nur fest, man dürfe „zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie (keine) Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn.“ (AL 251) Das eine ist nach katholischer Auffassung „Ehe“ – das andere „Freundschaft“. Also darf man nicht so tun, als sei die Liturgie des Ehesakramente eine Art unspezifischer Segen über unspezifische Personen mit einem unspezifischen Gemeinschaftsanliegen. Natürlich sehnen sich manche homosexuelle Paare nach einer Art Hochzeit vor dem Traualtar, aber das kann ihnen die Kirche nicht bieten. Und sie hat auch kein Recht, die Ingredienzien des Ehesakraments per Mehrheitsbeschluss neu zu mixen.

Thema Zölibat: Wer so leben will, darf das ja tun, aber warum darf ein Priester in der katholischen Kirche nicht auch ein erfülltes Leben neben seiner Berufung haben mit Frau und Kindern?

Tatsächlich gibt es ja verheiratete katholische Priester – etwa in den unierten Ostkirchen oder wenn z.B. ein verheirateter evangelischer Pastor konvertiert. Es handelt sich also um eine kirchliche Regelung, die verändert werden könnte. Aber der Zölibat ist deshalb keine Erfindung missgünstiger, leibfeindlicher und hartherziger Päpste. Der Zölibat ist die Lebensform Jesu, und sie genoss von daher höchstes Ansehen seit den Tagen der Apostel.

Der Zölibat, wenn er glaubhaft gelebt wird, ist ein Zeichen der innigen Verbindung mit Jesus und der hochherzigen Hingabe des ganzen Lebens an Gott. Und es passt zu dem Mann, der (in der Eucharistie vor allem, aber auch sonst) Christus repräsentieren soll. Christen sollen sich durchaus fragen: Warum tut der das? Ist der vielleicht asexuell? Hat der keine Gefühle? Natürlich hat auch ein Priester Gefühle. Er tut es, weil er zeigen möchte: Gott hat absolute Priorität. ER – dieser Gott – ist es wert, ihm das größte Geschenk zu machen, ihm alles zu geben.

Wenn nun Leute darauf hinweisen, dass Priester am Zölibat scheitern, so ist das ein ernster Vorwurf. Aber man darf die Gegenfrage stellen: Scheitern nicht Menschen auch an der Ehe? Priester sind doch keine Übermenschen. Und hat die Evangelische Kirche nicht jede Menge Probleme mit geschiedenen Pastoren? Die Abschaffung des Zölibats wäre dann sinnvoll, wenn er zum Anti-Zeugnis wird, wenn man z.B. Priestern Missbrauch aufgrund des Zölibats vorwerfen könnte. Eben das stimmt aber nicht, wie alle Untersuchungen beweisen. Viele junge Priester verteidigen den Zölibat, weil sie darin ein Zeichen gegen die zunehmende Verbürgerlichung und Bürokratisierung der Kirche sehen.

Das Gespräch mit Bernhard Meuser führte Klaus Kelle.

Bildquelle:

  • Bernard_Meuser_Youcat: thegermanZ

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.