Gehen Sie wählen! Die Demokratie an sich ist wichtiger als vieles, was heute auf dem Zettel steht

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Liebe Leserinnen und Leser,

nun ist es wieder soweit. Alle vier Jahre sind wir aufgefordert, einen neuen Bundestag und mittelbar damit eine neue Bundesregierung zu wählen.

Ich schreibe diesen Satz um genau 23.14 Uhr, und ich kann ehrlich jetzt noch nicht sagen, wen und was ich am Vormittag wählen werde. Ich gehe ja noch zum Wahllokal, was zunehmend aus der Mode kommt. Vielleicht lasse ich mich von meinem Arm und der Hand führen, vielleicht folge ich einem Bauchgefühl oder Impuls, wenn ich zum Kugelschreiber in der Kabine greife und auf den Zettel schaue.

Ich bin sicher, welche Kandidaten und Parteien ist auf gar keinen Fall wählen werde. Und die, die in Frage kommen, sind nur noch eine sehr übersichtliche Anzahl.

Sicher werde ich nachher später am Tag viel gefragt, was ich denn nun gewählt habe, aber ich denke, das bleibt mein Geheimnis. Nicht, weil ich etwas zu verbergen hätte, sondern weil ich nicht festgelegt werden und für die nächsten Jahre von meinen vielen Lesern in eine Schublade gesteckt werden will. Ich bin Journalist mit Leib und Seele, mein Beruf fasziniert mich wie vor 40 Jahren, als ich damit begonnen habe. Meine Glaubwürdigkeit als Journalist ist mir schon seit Jahren wichtiger als die Jacke eines Parteisoldaten. Bei der vergangenen Kommunalwahl hatte ich vier Stimmzettel und habe Kandidaten von drei verschiedenen Parteien angekreuzt.

Sie wissen, ich bin ein Bürgerlicher, eine Mischung aus konservativ und wirtschaftsliberal. Ich mag keine Extremisten, keine Volkserzieher, die uns eine Ideologie aufdrücken wollen. Nichts ist mir politisch so wichtig wie Freiheit, und das nicht nur für mich persönlich, sondern für Sie alle und natürlich auch diejenigen, die ganz anders denken als ich. “Freiheit ist immer der Freiheit des Andersdenkenden” – ein phantastischer Satz. Auch wenn immer weniger Bürger andere Meinungen ertragen, besonders solche, wie ich sie vertrete und andere Konservative. Wenn Sie vernünftig mit Messer und Gabel essen können, gelten sie manchen modernen Menschen schon als rechtsradikal..

Gehen Sie wählen, und machen Sie keinen Strich quer über den Stimmzettel. Wählen Sie etwas, das Ihren Überzeugungen zumindest nahe kommt. Ein ungültiger Stimmzettel wird nicht gezählt, dann können Sie gleich zu Hause bleiben. Und glauben Sie mir: niemand ärgert sich über einen ungültigen Stimmzettel von Ihnen oder irgendwem.

Politik, auch schlechte Politik, ist eine ernste Sache. Schätzen wir, dass wir mit unseren Kreuzen wenigstens einen Hinweis geben können, was wir wirklich denken. Sie wissen, ich lehne die Grünen als Bevormundungspartei ab, aber noch mehr verachte ich diese sogenannte Satire-“Partei”, die Demokratie, Rechtsstaat, freie Wahlen verachten und den Parlamentarismus lächerlich machen. In vielen Ländern sterben Menschen oder werden eingesperrt, misshandelt und selbst ihre Familien in Sippenhaftung genommen, weil sie das Recht auf freie Wahlen einfordern. Und wir müssen ihre dümmliche Wahlkampagnen ertragen. Aber auch das gehört eben zu einer freien Gesellschaft.

Diese Wahlkampagne und die Kandidatenaufstellung haben mich inzwischen übrigens überzeugt, dass das Verhältniswahlrecht, wie wir es kennen, nicht gut ist. Die große Mehrheit des Parlamentes sollte aus den direkt gewählten Abgeordneten der Wahlkreise bestehen – aus dem Bauch heraus würde ich sagen zu drei Vierteln. Und ich würde die Zahl der Bundestagsabgeordneten beschränken auf maximal 400 Abgeordnete, eventuell die Hürde für den Einzug einer Partei ins Hohe Haus auch noch auf drei Prozent senken. Aber das alles ist nur meine eigene bescheidene kleine Meinung. Machen Sie, was Sie wollen am Sonntag! Aber verschenken Sie Ihre Stimme nicht!

“Demokratie ist die schlechteste aller Staatsformen”, soll der große Winston Churchill einmal gesagt haben, um dann hinzuzufügen: “…außer allen anderen.”

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.