Es muss mal ausgesprochen werden: Deutschland hat ein gewaltiges Alkoholproblem

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von MIRIAM THÉRÈSE SOFIN

BERLIN – Vorab: Als ich diesen Artikel gestern meinem hochgeschätzten Chef Klaus Kelle vorlegte, lehnte er brüsk ab. Das Thema ok – aber “zu apolalyptisch”. Er sagte mir, dass auch er immer wieder mal Alkohol konsumiert und nie ernsthafte Probleme damit bekommen habe. Mein Einwand, dass persönliche Erfahrungen anderer nicht grundsätzlich die Relevanz eines Themas in Frage stellen, überzeugte ihn.

Das Argument, Deutschland habe kein Alkoholproblem, da man selbst keines habe, ist in etwa genauso sinnvoll, wie die Behauptung vieler Muslime, der Islam hätte kein Gewaltproblem, da sie selbst nicht gewalttätig seien. Und zweifellos, eine liberal-konservative Zeitung wie “The GermanZ” hat vermutlich auch viele Leser, die gerne mal “einen trinken”, besonders ein Bierchen am Abend. So eine Leserschaft ist natürlich in etwa so scharf darauf, einen Artikel über die negativen Auswirkungen deutscher Alkoholkultur zu lesen, wie die Abonnenten der “taz” über Migrantenkriminalität. Dabei wäre genau das wichtig – den Finger auch mal auf den blinden Fleck der eigenen Bubble zu legen. Denn nur, wenn wir anfangen, Probleme schonungslos zu benennen, können wir diese lösen und dabei sollte es keine Tabus geben.

Nun aber zum Thema: Während in Deutschland der Konsum von Tabak weitestgehend gesellschaftlich geächtet und konsequent politisch bekämpft wird durch Rauchverbote, Warnhinweise auf Verpackungen und dem Verbot von Werbung, Verkaufsförderung und Sponsorentum, gilt Alkohol nach wie vor als Kulturgut, das in allen sozialen Schichten konsumiert wird. In der Werbung, im Einzelhandel, in der Gastronomie, auf Firmenfesten und Familienfeiern, an jeder Tankstelle und Trinkhalle. Mehr als 90 Prozent der Deutschen trinkt regelmäßig Alkohol. Ein Glas Bier, Wein, oder auch mal mehr, gehört für viele einfach “dazu”. Mit dem Konsum von 9,6 Liter reinem Alkohols pro Kopf im Jahr gilt Deutschland als Hochkonsumland und liegt damit weit über dem weltweiten Durchschnitt. Die Folgen sind fast zwei Millionen Süchtige, schwer geschädigte Kinder, zerbrochene Familien und 74.000 Tote jährlich. Trotz alledem trinken selbst unsere Politiker öffentlich und lassen sich sogar regelmäßig zum “Bierbotschafter” küren. So trugen bereits prominente Abgeordnete, wie Horst Seehofer, Frank-Walter Steinmeier, Peter Altmeier, Cem Özdemir, Julia Klöckner und Sigmar Gabriel diesen Titel.

In Deutschland herrscht eine mächtige Alkohollobby. Insbesondere Bier wird als traditionelles Getränk und somit Teil der deutschen Kultur inszeniert. Es gibt Biermuseen, Wanderwege für Bierfans sowie Bier- und Hopfenköniginnen. Auch Winzer pflegen ihr gutes Image und locken ihre Kunden mit Weinreisen, Verkostungen, Führungen, der Möglichkeit, Weinpate oder Weinkönigin zu werden und vielem mehr. Alkohol wird als Genuss-, nicht als Rauschmittel betrachtet, das Trinken allgemein genießt ein hohes gesellschaftliches Ansehen. Dabei ist Alkohol die am weitesten verbreitet und tödlichste Droge der Welt.

Der Alkoholismus ist in Deutschland die mit Abstand volkswirtschaftlich schädlichste Sucht mit Kosten in Höhe von knapp 40 Milliarden Euro jährlich (Jahrbuch Sucht 2019, Quelle 1), Alkohol verursacht die mit Abstand meisten Schäden für Dritte (Quelle 2). So kommen in Deutschland jedes Jahr rund 12.650 Babys mit einer Fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) zur Welt, darunter knapp 3000 mit einem voll ausgeprägten Fetalen Alkoholsyndrom (FAS) (Quelle 3). Betroffene Kinder sind teilweise kleinwüchsig, motorisch und kognitiv eingeschränkt, haben Fehlbildungen im Gesicht und weisen lebenslange Verhaltensstörungen sowie eingeschränkte Aufmerksamkeits- und Lernfähigkeit auf. Außerdem leben ca. 2,65 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren aktuell mit mindestens einem alkoholkranken Elternteil zusammen und geraten dadurch in eine fatale Co-Abhängigkeit (Quelle 4). “Passivtrinken” betrifft auch Erwachsene: So wurden im Jahr 2019 fast 17.200 Menschen von betrunkenen Autofahrern verwundet, ca. 230 von ihnen erlagen ihren Verletzungen – hauptsächlich Beifahrer und Fußgänger (Quelle 5). Und auch Gewalttaten werden vielfach unter Alkoholeinfluss begangen, so rund 1/3 der Gewalttaten im öffentlichen Raum und die meisten Fälle von häuslicher Gewalt (Quelle 6).

Laut Bundesgesundheitsministerium trinken rund 6,7 Millionen Menschen in Deutschland so viel, dass es ihre Gesundheit, ihren Arbeitsplatz und ihr Familienleben negativ beeinflusst (Quelle 7). 1,77 Millionen von ihnen gelten offiziell als alkoholabhängig und mindestens 74.000 sterben jedes Jahr an den Folgen ihres Konsums. Einer Langzeitstudie nach sterben Alkoholabhängige 20 Jahre früher, als Menschen, die nicht abhängig sind (Quelle 8). Besonders Frauen sind hier gefährdet – verglichen mit der Normalbevölkerung ist die Sterberate von Alkoholikerinnen um das 4,6-fache erhöht (Quelle 8). Zum Vergleich: An illegalen Drogen sterben jährlich “nur” rund 1.600 Personen. Ist Deutschland also ein Land der Säufer? Ich sage: Ja, Deutschland hat ein Alkoholproblem. Und zwar ein gewaltiges.

Alkohol ist bei uns nicht nur gesellschaftlich voll anerkannt, sondern auch noch ständig verfügbar. Das ist ein Umstand, auf den die Politik durchaus Einfluss nehmen könnte, wenn sie es denn wollte. In Baden-Württemberg gab es beispielsweise von 2010 bis 2017 ein nächtliches Alkoholverkaufsverbot von 22 bis fünf Uhr. Die Folge waren weniger Gewalttaten und weniger Polizeieinsätze (Quelle 9) – trotzdem wurde das Projekt nach sieben erfolgreichen Jahren wieder abgebrochen. Warum?

Und wieso hängen Plakate, die für Spirituosen werben, sogar in der Nähe von Kinder- und Jugendeinrichtungen? So zum Beispiel schon oft gesehen an der Litfaßsäule gegenüber der Grundschule, neben der ich wohne. Und am allerwichtigsten: Weshalb werden unsere Kinder in der Schule zwar über die Gefahren von illegalen Drogen, nicht aber über die vielen Risiken von Alkohol aufgeklärt, wo doch Alkoholismus ein überproportional größeres Problem in unserem Land darstellt, als der Konsum aller anderen Drogen zusammen? Es geht nicht darum, alkoholische Getränke allgemein zu verteufeln, sondern eine verantwortungsvolle Handhabung damit zu fördern. Aber auch darum, bei Kindern und Jugendlichen den frühen Einstieg in den Konsum zu verhindern oder gar einen völligen Verzicht zu bewirken. Denn bisher hat es noch niemandem geschadet, in seinem Leben auf Rauschmittel – und dazu zählt nun einmal auch Alkohol – zu verzichten.

Ein regelrechtes Paradoxon stellt schließlich unser Umgang mit alkoholkranken Personen dar: So sehr Alkohol in unserer Gesellschaft verharmlost und glorifiziert wird, so sehr werden gleichzeitig Alkoholsüchtige verachtet und ausgegrenzt. Sie gelten nach wie vor und allen medizinischen Erkenntnissen zum Trotz als charakterlos, willensschwach und selbst schuld an ihrem Leiden (Quelle 10). Wo man doch heute weiß, beziehungsweise wissen könnte, würde man sich nur einmal tiefer mit der Thematik befassen, dass sich eine Abhängigkeitserkrankung fast ausschließlich als Sekundärerkrankung manifestiert und keinesfalls selbst gewählt ist. Aber vermutlich lässt sich das positive Image der Volksdroge Alkohol nur dadurch aufrecht erhalten, in dem man diejenigen ächtet, die an ihr zu Grunde gehen. Das ist jedoch nur meine Einschätzung als Küchentisch-Psychologin.

Wie so oft liegt der Weg für einen vernünftigen Umgang in der Mitte: Alkohol muss nicht verboten werden, jedoch sollten wir alle uns über seine Risiken bewusst werden. Notwendig wäre außerdem ein striktes Werbeverbot, so wie es bereits seit Jahren für Tabakprodukte gilt und die Einführung und Aufrüstung umfangreicher Aufklärungsarbeit – sowohl medial, als und insbesondere auch an Schulen und anderen Kinder- und Jugendeinrichtungen. Darüber hinaus sollten Eltern ihren Kindern vorleben, dass Alkohol kein alltägliches Konsumgut ist. Sich als Gesellschaft an das positive Image des Alkohols zu klammern, ihn zum wertvollen und unverzichtbaren Kulturgut zu verklären und all seine negativen Aspekte einfach auszublenden, hat uns schwer geschadet. Zufriedene Menschen haben außerdem nicht das Bedürfnis, sich zu betäuben. Unser hoher Alkoholkonsum ist also auch ein klarer Indikator dafür, dass viele in unserer Mitte nicht glücklich sind… Jetzt heißt es, den Kurs zu wechseln und eine neue – bessere – Alkoholpolitik zu betreiben. Unsere Gesundheit wird es uns danken!

Quellen:

1: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/a/alkohol.html#:~:text=Dennoch%20liegt%20Deutschland%20im%20internationalen,Jahr%20(Jahrbuch%20Sucht%202019)

2: Bundesgesundheitsministerium, Kurzbericht – “Belastung Dritter durch alkoholbedingte Schäden” von Prof. Dr. Ludwig Kraus und Prof. Dr. Jürgen Rehm

3: https://www.pharmazeutische-zeitung.de/mehr-alkoholgeschaedigte-kinder-als-gedacht/

4: https://nacoa.de/infos/fakten/zahlen#:~:text=Ca%202%2C65%20Millionen%20Kinder,Hinzu%20kommen%20ca.&text=Insgsamt%20sch%C3%A4tzt%20die%20Bundesdrogenbeauftragte%20die,von%20einer%20hohen%20Dunkelziffer%20aus.

5: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/459049/umfrage/anzahl-der-alkoholbedingten-verkehrsunfaelle-deutschland/#:~:text=Im%20Jahr%202019%20kam%20es,abgenommen%2C%20stagniert%20seitdem%20aber%20weitestgehend.

6: https://www.aerzteblatt.de/archiv/147673/Alkoholbezogene-Aggression

7: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/service/begriffe-von-a-z/a/alkohol.html#:~:text=6%2C7%20Millionen%20Menschen%20der,als%20alkoholabh%C3%A4ngig%20(ESA%202018).

8: https://www.welt.de/gesundheit/article109889342/Alkoholiker-sterben-20-Jahre-frueher.html

9: https://www.wirtschaftsdienst.eu/inhalt/jahr/2020/heft/1/beitrag/beschraenktes-alkoholverkaufsverbot-in-baden-wuerttemberg-wirksames-gesetz-abgeschafft.html#:~:text=Das%20Verbot%20galt%20in%20Baden%2DW%C3%BCrttemberg%20von%202010%20bis%202017.&text=Das%20Verbot%20erfasste%20nur%20Ladengesch%C3%A4fte,Bars%20durch%20das%20Alkoholverkaufsverbot%20betroffen.

10: https://www.konturen.de/fachbeitraege/stigmatisierung-und-selbststigmatisierung-im-kontext-von-suchterkrankungen/#:~:text=Studien%20zur%20Stigmatisierung%20von%20Suchterkrankungen,2010).

Bildquelle:

  • Alkohol_Rausch: dpa
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