Es ist nicht nur die falsche Politik, es wird auch immer asozialer, wohin man schaut

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Liebe Leserinnen und Leser,

im November wird im Kölner Musical-Theater gegenüber dem Hauptbahnhof zwei Wochen lang die “Rocky Horror Show” gespielt. Ich werde mir dafür keine Karte kaufen – obwohl ich gern Musicals anschaue. Aber wenn ich nach Mitternacht auf Bahnsteig 11 dort auf die nächste S-Bahn warte, dann bin ich ja bereits mittendrin in einer Horroshow.

Ich Ihnen schon mal aufgefallen, wie viele Männer abends allein in Fußgängerzonen oder Bahnhöfen herumlaufen und eine geöffnete Flasche Bier, 0,5 Liter, mit sich herumtragen, ab und zu einen Schluck nehmen und dann weitergehen? Ich meine, das ist nicht verboten und ein Feierabend-Bier mag ich auch, aber in einer Kneipe oder zu Hause, aber nicht auf dem Bahnsteig beim Warten auf die S 11.

Was mir immer wieder und stark zunehmend auffällt, ist das Asoziale in der Öffentlichkeit, und wenn Sie am Kölner Hauptbahnhof oder am Duisburger, Dortmunder oder Würzburger Hauptbahnhof stehen und warten müssen, dann ist das als alter weißer Mann mit einer Laptop-Tasche nicht schön. Zugegeben aber auch nicht ernsthaft bedrohlich, denn ich bin 1,91 m groß und kann gucken wie Charles Bronson in “Ein Mann sieht rot”, wenn mich einer auf dem Bahnsteig von der Seite mustert. Aber die jungen Frauen, die in diesem Umfeld abends in weißer Stretch-Hose und Sneekers, kleiner Rucksack auf dem Rücken, Smartphone in der Hand, auf den Zug warten, sind meine Heldinnen des Alltags, dass sie sich das antun.

Ich gehe nachts durch den Bahnhof im Schatten des majestätischen Kölner Doms und spüre, dass Gott sich möglicherweise tatsächlich von dieser Welt, dieser Gesellschaft und, ja, von Köln abgewendet haben könnte. In der Passage mit den geschlossenen Fressläden liegen Männer auf dem Boden und – hoffentlich – schlafen. Nicht einer, nicht zwei (was schlimm genug wäre), sondern acht oder neun. Wenn einige von ihnen tot wären, ich, wir würden es nicht bemerken. Sie liegen da einfach, und alle gehen vorbei ohne hinzuschauen. Wird schon seine Richtigkeit haben, und wofür gibts denn die Bahnhofsmission, die menschlichen Müll irgendwann schon einsammelt?

Was sind das für Menschen, unsere Mitbürger, die da so liegen auf dem Fußboden gegen Mitternacht im Hauptbahnhof einer deutschen Großstadt? Über einem an der Wand sind dicke rote Spritzer. Vielleicht ein Farbeimer übergeschwappt, und der Kollege da, liegt vielleicht nur zufällig da. Vielleicht hat ihn auch jemand erschossen. Wir würden es gar nicht bemerken.

Dieses Asoziale überall, überfüllte Mülltonnen, Menschen, die in den Dreifach-Mülltonnen wühlen, um Verwertbares zu entdecken.

Ein deutlich übergewichtiges Paar, auch sicher nicht aus dem Allgäu oder Schweden, schiebt sich die Rolltreppe rauf, er steht hinter ihr, dicht, ganz dicht, wenn Sie verstehen, was ich meine. Inmitten anderer Reisender schrauben die Beiden an sich herum, und dass es nicht zum Äußersten kommt auf Gleis 11 ist vermutlich den beiden Herrschaften von der “Deutschen Bahn – Sicherheit” in ihren quietschgelben Jäckchen zu verdanken, die zufällig vorbeischlenkern. Und weil die gelben Leuchtjacken wahrscheinlich auch lustreduzierend wirken.

Alles ist möglich, niemanden interessiert, was der andere nebenan gerade tut. Geschlechtsverkehr auf dem Bahnsteig? Ja, warum denn nicht. Wenn sie sich lieben.

Ich bin wirklich ein Mensch, der das urbane Leben mag. Pulsierende Städte, unterschiedliche Menschen, Kultur, “the city never sleeps” von Anny Lennox und den Eurythmics aus “9 1/2 Wochen” gehört zu meinen absoluten Lieblingssongs: “You can hear the sound Of the underground trains. You know it feels like distant thunder…” Aber der Kölner Hauptbahnhof im diversen Deutschland hat nichts mit der Metropolen-Erotik von Mickey Rourke und Kim Basinger zu tun. Hier ist einfach nur asi.

Es wird mehr und mehr asozial, wohin man schaut. Es passt nicht mehr, das ist nicht mehr mein Land. Doch, halt, schon, wenn ich in meinem lippischen Heimat mit Freunden im Biergarten sitze oder bei einer Geburtstagsparty am Ammersee oder in einer Vernissage zeitgenösischer Kunst in Straubing. Aber nicht mehr, wenn ich nachts auf einem deutschen Großstadtbahnhof, in einer S-Bahn oder allein mit dem Hund rausgehe.

Sie merken es doch auch alle, es verändert sich etwas dramatisch in unserem Land. Die bevorstehenden Bundestagswahlen und die prognostizierten Ergebnisse sind nur ein weiterer kleiner Fingerzeig, dass sich gravierende Veränderungen am Horizont abzeichnen. Wer die Bundestagswahl gewinnt, scheint mir inzwischen egal. Ob die Grünen mit der CDU oder mit der SPD unser Land zerstören – wen interessiert das? Ob die AfD 9 oder 12 Prozent holt, was verändert das? Unsere Gesellschaft fällt nicht auseinander, sie ist schon total zerrissen.

Es gibt keine Leitkultur, es gibt nichts, was die Bewohner im Prenzlauer Berg oder in Hellersdorf-Marzahn, die von Stütze leben, mit denen vom Starnberger See, die mal eben zum Golfspielen nach Schottland jetten, gemein haben. Sie haben keine gemeinsamen Werte, sie haben keine Berührungspunkte und keinen Kontakt miteinander. Und eine steigende Zahl von Mitbürgern führt sich zunehmend asozial auf. Glauben Sie nicht? Dann schlendern Sie mal um Mitternacht durch den Kölner Hauptbahnhof. Bei uns im Vedeel? Da ist Folklore von vor langer Zeit.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.