EM-Triumpf vor 40 Jahren: Wie Bernard Dietz vom MSV Duisburg den Europameister Deutschland formte

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von MARK ZELLER

Fast genau vor 40 Jahren wurde Deutschland Fußball-Europameister, in einem Turnier voller kurioser Superlative – mit „Pinnocchio“, „Häuptling Silberlocke“ und einem siegbringenden „Kopfballungeheuer“. Und mit einem besonderen Mannschaftsgeist, mit dem das Team um Kapitän Bernard Dietz eine bis heute gültige Rekordserie erreichte.

Im Fußball ist vieles nicht rational erklärbar. Das gilt auch dafür, dass der Europameisterschafts-Gewinn 1980 ein vergleichsweise vernachlässigter Teil der deutschen Fußball-Erinnerung zu sein scheint. Und das, obwohl er neben dem Titel sowohl die erfolgreichste Serie der Nationalmannschaft markiert, als auch den Grundstein für ihre erfolgreichste Turnier-Ära legte.  Ein Erklärungsansatz: Die kollektive Fußballbegeisterung hatte seinerzeit eine gewisse Delle. Das Gastgeberland Italien steckte noch in einem Skandal um manipulierte Liga-Spiele, und in seinen maroden Stadien hielt sich der Zuschauerzuspruch in überschaubaren Grenzen. Und die deutsche Mannschaft war nach dem blamablen WM-Auftritt 1978 und dem damit einhergehenden Ende der Ära Helmut Schön bemüht, das Stimmungstief im eigenen Land zu beheben.

Eine zentrale Figur des Neuaufbaus war Bernard „Ennatz“ Dietz vom MSV Duisburg. Der gelernte Schmied aus dem Ruhrpott war der perfekte Kapitän einer Mannschaft, die trotz namhafter Individualisten besonders durch ihren Teamgeist bestach. Unter ihm wuchsen gestandene Profis wie Schumacher, Briegel, Stielike, Rummenigge, Müller oder Kaltz zu einer verschworenen Einheit zusammen, die nicht zufällig Europas Thron erklomm.  

Richtige Mischung und Zusammenhalt

„Das war eine Super-Truppe“, erinnert sich Dietz, „eine schöne Mischung aus jungen Leute und  erfahrenen Haudegen“. Und anders, als noch bei der verkorksten WM zwei Jahre zuvor, habe es keine Block-Bildung gegeben. „Die Stärke unserer Mannschaft war der Zusammenhalt, das Kollektiv.“ Und mit dem hatte sich die neuformierte Nationalelf schon zuvor Respekt verschafft. Seit Herbst 1978 waren die Mannen von „Häuptling Silberlocke“, wie der neue Bundestrainer Jupp Derwall vom Boulevard genannt wurde, bereits ungeschlagen. Und das gab Selbstvertrauen.

Als im Vorfeld der EM bei einem öffentlichen Termin die Kapitäne aller acht Endrunden-Teilnehmer nach ihren Zielen für das Turnier gefragt wurden, drucksten alle herum – außer Ennatz Dietz: „Ich habe gesagt: ‚Wir wollen Europameister werden‘, da haben die anderen ganz schön geguckt. Aber was wollen wir auch sonst, wenn wir zu einer EM fahren?“ Und den Worten ließen er und sein Team Taten folgen.

Zum Auftakt wurde der amtierende Europameister Tschechoslowakei mit 1:0 besiegt, im nächsten Spiel der Erzrivale Holland mit 3:2 (durch drei Allofs-Tore!). Kuriosität am Rande: Beim scheinbar klaren Stand von 3:0 ließ sich Kapitän Dietz für einen gewissen Lothar Matthäus auswechseln, um ihm sein Länderspieldebüt zu ermöglichen. Der verursachte prompt einen Elfmeter, der die Holländer noch einmal herankommen ließ.

Doch seine mäßig geglückte Premiere im Nationalmannschaftsdress hinderte Matthäus ebenso wenig an seiner überragenden Länderspielkarriere, wie die deutsche Elf am Weiterkommen. Nach dem Unentschieden zwischen Tschechen und Holländern stand sie vorzeitig als Gruppensieger und Finalist fest und konnte sich im abschließenden Gruppenspiel gegen Griechenland ein torloses Remis im Schongang erlauben.

Hrubesch-Doppelpack knackt Abwehrbollwerk

Im Endspiel wartete mit Belgien ein Team, was sich in der Gruppenphase nicht nur gegen Gastgeber Italien, sondern auch gegen England und Spanien durchgesetzt hatte. Die „Roten Teufel“ um Kapitän Cools, den späteren Bayern-Torwart Pfaff und Sturmtank Ceulemans, hatten dabei vor allem durch ein veritables Abwehr-Bollwerk beeindruckt. Doch Deutschland fand an jenem Abend im Olympiastadion in Rom die passende „Abrissbirne“: Horst Hrubesch, „Kopfballungeheuer“ in Diensten des HSV, ebnete mit seinem Doppelpack den Weg zum 2:1-Sieg, der den zweiten deutschen EM-Titel bedeutete.

Der verdiente Erfolg war der krönende Abschluss eines Turniers, das (nicht nur) aus deutscher Sicht reichlich Neuheiten und Kuriositäten geboten hatte: Erstmals nahmen acht Mannschaften an einer EM-Endrunde teil, und zum ersten Mal gab es mit „Pinnocchio“, der weltberühmten  Kinderbuchfigur, ein offizielles EM-Maskottchen. Rekordnationalspieler Lothar Matthäus bestritt sein erstes von insgesamt 150 Länderspielen. Bernd Schuster spielte sein einziges Turnier mit der Nationalmannschaft, und wurde dabei als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet. Und Klaus Allofs wurde Torschützenkönig, obwohl er nur in einem einzigen Spiel getroffen hatte.  

Derwalls lange Leine

Einen Grund für den Titelgewinn sieht Ennatz Dietz auch in der „langen Leine“ von Trainer Derwall – und einer Mannschaft, die damit umzugehen wusste: „Zwei Jahre vorher waren wir in Argentinien fünf Wochen lang buchstäblich eingesperrt gewesen, demgegenüber hat Derwall uns 1980 viele Freiheiten gelassen. Und wir haben ihm das zurückgezahlt, denn wir hatten ein gemeinsames Ziel.“

Und die Erfolgs-Ära wurde über die EM hinaus fortgesetzt. Bis Dezember desselben Jahres baute die Nationalelf ihre Serie aus und blieb damit in insgesamt 23 Länderspielen ungeschlagen – über einen Zeitraum von mehr als zwei Jahren hinweg. Ein Rekord, der bis heute Bestand hat, und den damaligen Kapitän immer noch „unheimlich stolz auf die Truppe“ macht. Die EM 1980 steht als ein Musterbeispiel für ein funktionierendes Team, und für seinen Leader Bernard Dietz als ein Beleg dafür, „wie wichtig es ist, wenn das Mannschaftsgefüge stimmt“.

Bildquelle:

  • Deutsche_Nationalelf_EM: dfb
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