Eine Antwort auf Christian Kott: Voilà, da ist das christlich-jüdische Erbe wieder

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von MARTIN EBERTS

In seinem Beitrag vom 22. März echauffiert sich Kollege Christian Kott über den Begriff „christlich-jüdische Werte“: Nicht die zehn Gebote und die Bergpredigt hätten unsere Kultur und unsere Ethik geprägt, vielmehr „fuße“ – so wörtlich – unsere Gesellschaftsordnung „auf Friedrich dem Großen, der französischen Revolution und der Aufklärung“. Mit dem Ramadankalender hatte der Text dann auch wenig zu tun, er war wohl als  „Trigger“ für seine Brandrede gedacht. Richtig zu ärgern scheint ihn jedenfalls, dass die „christlich-jüdischen Werte“ sich überhaupt noch behaupten („Wieso widerspricht da eigentlich niemand?“).

Nun gibt es in Deutschland und Europa im Jahr des Herrn 2021 (Achtung! Christliche Zeitrechnung!)  unzählige Versuche, diese vielzitierten jüdisch-christlichen Werte in Wort und Tat zu beseitigen. Die großen Fortschritte, die bei der Um- und Entwertung der Werte in den vergangenen Jahrzehnten bereits  gemacht wurden – von der Abtreibung bis zur Genderideologie – müssten Herrn Kott eigentlich beruhigen: Der Abbau des jüdisch-christlichen Erbes ist im vollen Gange!

Aber diese Werte – in Kotts bevorzugtem Sprachduktus könnte man schreiben „diese ganze Chose“ – rückwirkend zu beseitigen, im Sinne einer Dekonstruktion à la Foucault, einer damnatio memoriae gewissermaßen, das geht dann doch zu weit. Hat die europäische Geistesgeschichte etwa erst im 18. Jahrhundert begonnen? Schon mal was von Aristoteles gehört, von Augustinus, Thomas von Aquin?

Die Menschenrechte sind keine Erfindung der „Aufklärer“, sie ergeben sich aus genau dem christlichen Menschenbild (und Gottesbild), das Herr Kott anscheinend so verachtet. Es sagt uns, dass jeder Mensch gleichermaßen von Gott geliebt wird: „Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus“ (O-Ton Apostel Paulus, Gal. 3, 28). Das ist nicht nur die Kernbotschaft des christlichen Glaubens schlechthin, das ist vielmehr auch das Alleinstellungsmerkmal des Christentums unter allen Religionen. Und das veränderte und verändert alle Gesellschaften zum Besseren, allen Leiden, Missbräuchen und Fehlern (im christlichen Sprachgebrauch: „Sünden“) zum Trotz. Langsam, aber stetig, selbst unter Verfolgung…

So etwas hat es vorher nicht gegeben, nirgends, in keiner anderen Religion und noch nicht einmal in der antiken griechischen Philosophie, der wir sonst so viel verdanken. Aber dort gab es eben keinen Begriff allgemeiner Menschenrechte (in einer Sklavenhaltergesellschaft…). Nur im Judentum war es schon verwurzelt. Dass jeder Mensch von Gott geliebt und dass vor Gott alle gleich sind, das haben Juden und Christen der Menschheit übermittelt. Es war übrigens die Katholische Kirche, die es in eine moderne Form gebracht hat, mit dem Ziel der Zügelung staatlicher Willkür: Papst Eugen IV. verurteilte unter Berufung auf das Menschenrecht der Kinder Gottes in seiner Bulle Sicut dudum von 1435 die Sklaverei, und Paul III. lieferte mit „Sublimis Deus“ von 1537 eine reife, auch nach unseren Maßstäben menschenrechtlich begründete Verurteilung von Sklaverei und Unterdrückung.

Und die Aufklärer? Die geben ein eher gemischtes Bild ab, von Voltaires sattsam bekanntem Antisemitismus über die moralische Verwahrlosung eines Jean-Jacques Rousseau im Umgang mit seinen eigenen Kindern, bis zu dem – in aktueller Begrifflichkeit gesagt – offenen Rassismus, mit dem sie über Afrikaner und Indios herzogen. Da waren die Päpste des 16. Jh. deutlich näher am modernen Menschenrechtsbegriff, näher als z.B. Immanuel Kant, dem wir die klassische Definition der „Aufklärung“ verdanken, der aber die Ureinwohner überseeischer Länder mit Worten bedachte, die man hier nicht zitieren kann.

Wenn Herr Kott uns Friedrich den Großen als Ahnherrn der Menschenrechte präsentiert, dann hat er natürlich Recht was die Formalisierung staatlicher Toleranz betrifft. In anderen Fragen war seine Majestät weniger vorbildlich, beispielsweise bei der Durchführung von Angriffskriegen.

Und dann die Französische Revolution, offenbar Kotts liebstes Kind: Schon mal was von der „Grande Terreur“ gehört? Oder von dem Genozid der Revolutionstruppen in der Vendée? Klar, den modernen Staat bzw. Elemente desselben, haben die Revolutionäre aufgebaut: Levée en masse zum Beispiel – das Volksheer und den modernen Volkskrieg mit Massenrekrutierung. Oder die erste moderne Geheimpolizei als Instrument des alles bestimmenden Staates. Auch das sind Errungenschaften der Französischen Revolution. Ich frage mich, was Herrn Kott hier für ein Konzept vor Augen steht: Die Geburt der Freiheit aus dem Geist der Jakobiner?

Was Aufklärung und Französische Revolution (Fridericus Rex hätte da nicht mehr mitgespielt) langfristig und nachhaltig gebracht haben, das war der straff und zentralistisch organisierte republikanische Nationalstaat. Der wurde so ein Erfolgsmodell – im Guten wie im Bösen – weil noch eine andere Revolution stattfand, die industrielle. An der hatten die Agitatoren der Französischen Revolution freilich keinen aktiven Anteil.

Und woran wohl wurden die Exzesse und Übergriffe gemessen? Woran entzündete sich der Widerstand gegen den Terror und die Intoleranz der Revolutionäre, ebenso wie gegen Unterdrücker und Gewaltherrscher im Allgemeinen? Woran, wenn nicht an den zehn Geboten und an der Bergpredigt?

Voilà, Herr Kott, da ist es wieder, das jüdisch-christliche Erbe. Gott sei Dank!

Bildquelle:

  • Jesus_Christus: pixabay
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