Ein einzigartiger Vollgas-Fußballer wird 60: Herzlichen Glückwunsch, “Loddar”!

Anzeige

von MARK ZELLER

BERLIN – Für Deutschlands erfolgreichsten Fußballer aller Zeiten lief es nach der aktiven Laufbahn durchwachsen. Doch zu seinem 60. Geburtstag ist Lothar Matthäus gefragter denn je – und sogar Kandidat für den Posten des Bundestrainers.

Lothar Matthäus hat dem Fußballsport unzählige eindrucksvolle Szenen beschert. Sollte es jedoch nur eine einzige sein, die sinnbildlich für ihn und sein Spiel steht, dann wäre es wohl sein Tor in der 63. Minute des WM-Spiels „Deutschland – Jugoslawien“ am 10. Juni 1990: Er bekommt den Ball tief in der eigene Hälfte, und was dann folgt ist ein zeitloses Lehr-Video zum Thema „Tempo-Dribbling mit Torabschluss“. Dieser Treffer alleine zeigte der Fußballwelt gleich im ersten Turnierspiel der Weltmeisterschaft 1990 eindrucksvoll die Titelansprüche der deutschen Elf , die sie knapp einen Monat später einlöste – verkörpert durch ihren Kapitän, der im Zenit seiner Karriere einer WM den Stempel aufdrückte, wie nie mehr ein Spieler danach.

Und jene Entschlossenheit, die dieses Ausnahme-Tor kennzeichnet, zeichnete ihn von Beginn seiner Karriere aus. Als Sohn des Hausmeisters der Sportartikel-Weltfirma „Puma“, bekam er den Bezug zum großen Fußball bereits im heimatlichen Herzogenaurach, wo 1979 der „Puma“-Club Borussia Mönchengladbach auf den außergewöhnlich talentierten wie ehrgeizigen Lothar aufmerksam wurde. Und der hinterließ gleich beim Probetraining am Niederrhein einen bleibenden Eindruck: Als er ausgerechnet „Terrier“ Berti Vogts über den Haufen grätschte, riet der den Gladbacher Verantwortlichen, den 18-Jährigen sofort zu verpflichten, was sie dann auch taten.

Profi-Durchbruch als 18-Jähriger

Und Matthäus behauptete sich nicht nur auf dem Trainingsplatz, sondern auch im harten Profibetrieb und erkämpfte sich gleich in seinem ersten Profi-Jahr einen Stammplatz beim UEFA-Cup-Sieger. Mehr noch: 1980 nahm ihn Bundetrainer Jupp Derwall mit zur EM, wo er als jüngster deutscher Spieler sein Länderspiel-Debüt feierte und seinen ersten Titel holte.

Nach fünf Jahren und fast 200 Pflichtspielen für Gladbach, zog es den Franken 1984 als gestandenen Bundesliga-Spieler zu den Münchner Bayern, wo er in den darauffolgenden vier Jahren als Führungsspieler eine äußerst erfolgreiche Ära prägte. Unterdessen übernahm er unter den Fittichen Franz Beckenbauers auch für die Nationalelf gehobene Verantwortung in der Rolle des Mannschaftskapitäns. Endgültig zum Weltstar wurde er nach seinem Wechsel 1988 zum italienischen Spitzenclub Inter Mailand.

Aufstieg zum Weltstar in Italien

Zwei Jahre später machte er „Italia 90“ zu seiner persönlichen Heim-WM, die die von ihm angeführte deutsche Mannschaft von Beginn an dominierte und gewann. Als verlängerter Arm von Teamchef Beckenbauer war er der unumstrittene Kopf der Weltmeister-Elf 1990, einer Elf wohlgemerkt, die gespickt war mit Weltstars a la Völler, Littbarski, Brehme, Kohler und Klinsmann.

Doch auch, dass 1992 eine schwere Verletzung seine Italien-Laufbahn abrupt beendete, stoppte Matthäus nicht. Wo andere sich mit über 30, und sportlich bereits alles erreicht habend, vielleicht einem bequemen Karriereende hingegeben hätten, biss er sich in Rekordzeit zurück und spielte nur fünf Monate später wieder erfolgreich für die Bayern, für die er auch im hohen Fußballer-Alter für weitere acht (!) Jahre unverzichtbar wurde.

Schade nur, dass er mit seinem letzten Profi-Jahr seine einmalige Laufbahn ziemlich unwürdig beendete. Als er sie bereits in Amerika ausklingen ließ, streifte er zur EM 2000 noch einmal das Trikot mit dem Bundesadler über und gehörte so zu „Ribbecks Rumpelfüßlern“, die den Tiefpunkt der Deutschen Fußball-Nationalelf markierten.

Eindrucksvoll in Zahlen, eindrucksvoll im Spiel

Dennoch: Mit dem, was er in den 21 (!) Profi-Jahren seiner Ausnahme-Karriere erreicht hat, überstrahlt er allein in Zahlen, Titel und Ehrungen jeden anderen deutschen Fußballer: Deutscher Rekordnationalspieler (150 Länderspiele, in mehr als 20 Jahren), Welt- und Europameister, Weltsportler, Weltfußballer, mehrfacher Deutscher Meister, Pokalsieger und Uefa-Cup-Gewinner, italienischer Meister, mehrfacher Schütze „Tor des Jahres“, Teilnehmer an fünf Weltmeisterschaften und mit 25 WM-Einsätzen Weltrekordrekordhalter, dazu Ehrenspielführer der Deutschen Nationalelf.

Hinter diesem mächtigen Zahlenwerk steht freilich der wohl kompletteste Fußballer, den Deutschland je hatte. In ihm vereinten sich Dynamik und bedingungsloser Einsatz mit außergewöhnlicher Technik und Spielverständnis zu einem einzigartigen Power-Fußballer mit Durchsetzungsvermögen und Abschlussstärke, der unter Weltklasse-Trainern wie Heynckes, Lattek oder Trapattoni zum Führungsspieler reifte. Dabei blieb sein Spiel immer geradlinig und schnörkellos, vielleicht weniger elegant, als das des fintenreichen Tricksers Diego Maradona, der ihn gleichwohl adelte als „besten Gegenspieler, den ich je hatte.“

Matthäus, der von sich selber sagt, er „musste immer schon mit den Ellenbogen kämpfen”, wusste zweifelsohne auszuteilen. Aber er steckte auch viel ein und ließ sich von Verletzungen ebenso wenig umwerfen, wie von sportlichen Rückschlägen: Zu seinem Länderspieldebüt verursachte er gleich mal einen Elfer, was bei der EM 1980 auch sein einziger Arbeitsnachweis blieb, als bisher einzigem Spieler „gelang“ es ihm, in zwei verschiedenen DFB-Pokal-Endspielen Elfmeter zu verschießen, wobei ihm der Fehlschuss in seinem letzten Spiel für Gladbach gegen seinen da schon feststehenden neuen Arbeitgeber Bayern jahrelang nachhing, ebenso, wie, dass er sich im Champions League-Finale kurz vor Schluss auswechseln ließ, um dann von draußen zusehen zu müssen, wie seiner Mannschaft in der Nachspielzeit der Sieg entglitt.

Liebling des Boulevards

Doch das Unbändige, das ihn auf dem Spielfeld immer wieder aufstehen ließ, gereichte ihm daneben manches Mal zum Nachteil. Seine Impulsivität wirkte im Umgang mit den Medien auf unheilvolle Weise zusammen mit einer gehörigen Portion Naivität. Wenn er als Alphatier, das von Weggefährten als Kümmerer beschrieben wurde, an keinem Mikro vorbei gehen konnte, ohne entwaffnend offen loszuplaudern, hatte das irgendwie immer auch etwas von Pflichtbewusstsein. So, wie auf dem Platz, schmiss er sich auch vor laufenden Kameras für seine Mannschaft in die Schlacht, ohne Rücksicht darauf, vielleicht selbst dabei weniger gut auszusehen. Dabei sorgte er nicht nur für legendäre Ausraster („Das ist doch ne Frechheit…So ein Beschiss!“), sondern prägte auch eigene Sprachstandards („Ein Lothar Matthäus lässt sich nicht…“; „I hope, we have a little bit lucky“).

So wurde der Vollgas-Fußballer in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend zum Dampfplauderer. Gepaart mit seinem ebenfalls offenen wie abwechslungsreichen Privatleben, wurde er zum schlagzeilenträchtigen Liebling des Boulevards, dessen öffentliche Reputation darunter zunehmend litt. In seiner unverfälschten Unmittelbarkeit blieb er immer der Lothar, der als 19-jähriger ausgezogen war, um die Fußballwelt zu erobern, ohne Rücksicht auf die medialen Begleitumstände. Und jemanden, der vielen zu laut, zu direkt und zu ehrlich ist, macht das angreifbar.

Unterm Strich waren wohl der Nebenschauplätze zu viele, als dass er nach seiner Spielerlaufbahn, trotz Besitzes aller Übungsleiter-Qualifikationen, im deutschen Fußball-Zirkus eine seriöse Chance bekommen hätte. Und die Erfolge seiner auswärtigen Trainertätigkeiten blieben trotz zweier Meisterschaften (in Serbien und als Co-Trainer in Österreich) durchwachsen. So blieb der Ausnahme-Sportler, den man trotz seiner Körpergröße von 1,74 Meter in Italien nur „Il grande“ nennt, in seinem Heimatland immer nur der „Loddar“ – und immer auch ein bisschen der Unvollendete, der (nicht nur) nach eigener Einschätzung dem Fußball noch mehr zu geben gehabt hätte, aber nicht durfte.

Vom belächelten Lautsprecher zum anerkannten Experten

Doch ausgerechnet vor der Kamera gelang Matthäus in den letzten Jahren ein beachtliches „Comeback“. Als TV-Experte brachte und bringt er seinen Fußballsachverstand voll zum Tragen und hat darüber in den letzten zehn Jahren mit Kompetenz und neuer Sachlichkeit enorm an Renommee gewonnen. Und just als es so scheint, er hätte er mit dieser Tätigkeit seine späte Erfüllung gefunden, wird er zum Kandidaten auf die demnächst vakante Stelle des Bundestrainers. Er selbst sagt dazu: „Mein Lebensplan sieht anders aus. Nur: Wenn beim DFB Leute denken, dass ich der Richtige bin, beziehungsweise ich merke, dass die Fans mich auch wollen, dann musst du ja drüber nachdenken.”

Nun, nachdenkenswert wäre seine Einbindung in die deutsche Nationalmannschaft allemal. Von seinen Attributen könnte Lothar Matthäus den heutigen Adlerträger gerne einiges vermitteln… .

Bildquelle:

  • Lothar_Matthäus: dpa
Anzeige