Die Volt-Partei: Parteigründung auf eine intelligente Art

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Liebe Leserinnen und Leser,

das Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” beschäftigt sich heute intensiv mit einer noch jungen Partei namens “Volt”. Gegründet wurde sie von Damian Hieronymus Johannes Freiherr von Boeselager, einem westfälisch-rheinischen Adeligen, dessen Großvater Philipp Freiherr von Boeselager während der Nazijahre beim Stauffenberg-Attentat auf Hitler beteiligt war. Allein das weckt schon die Aufmerksamkeit eines Journalisten.

Volt ist eine Kleinpartei, die aber bei der vergangenen Europawahl 0,7 Prozent der Stimmen und damit einen ordentlich Schluck aus der Pulle mit der staatlichen Wahlkampfkostenerstattung nehmen konnte. In Deutschland sind sie nach den jüngsten Kommunalwahlen mit zwei Dutzend Kommunalabgeordneten in deutschen Stadträten, vornehmlich von Großstädten wie München, Aachen und Wiesbaden vertreten. In Frankfurt stellt Volt seit September mit der 25-jährigen Eileen O’Sullivan sogar die Dezernentin für Digitalisierung.

Ich gebe zu, mich fasziniert die Erzählung von Volt, denn seit ich im zarten Alter von 16 Jahren die Politik für mich entdeckt habe, gab es immer wieder Parteigründungen, die mich interessiert haben. Zugegeben, ich war damals in der CDU engagiert, Schüler Union, Junge Union, RCDS…das ganze Programm der damals breiten christdemokratischen Themenpalette. Aber ein bisschen zugespitzter, ein bisschen konservativer, ein bisschen Patriotismus und Lebensschutz – das übte schon damals eine Faszination auf mich aus. Und so ist es auch heute.

Erinnern Sie sich noch an den “Bund Freies Deutschland” (BfD) in Berlin? Die “Aktionsgemeinschaft Vierte Partei” (AVP), den “Bund Freier Bürger” (BFB), “Die Republikaner”, die DSU, die AUF, das Zentrum, die Schill Partei, die “Freiheit” und, und, und…ich könnte noch mehr aufzählen. Und jetzt haben wir ja auch das ein oder andere auf dem Stimmzettel stehen: dieBasis, die LKR, Team Todenhöfer. Alles interessant, aber wird es eine von denen in den aufgeblähten Bundestag schaffen? Ich halte das für ausgeschlossen. Und wissen Sie warum: Weil Sie es falsch angehen, weil die meisten keine stringente Geschichte haben, die den Zeitgeist trifft. Aber Volt hat die, auch wenn sie es jetzt noch nicht schaffen wird.

Die Partei hat wenige Tausend Mitglieder, wurde von Boeselager zusammen mit einer Französin und einem Italiener als paneuropäische Bewegung gegründet. Ihr Leitgedanke: Europa. Was können wir alle, die Menschen in Europa, voneinander lernen? Was können wir bei den Schweden, Polen und Franzosen abschauen, was machen die besser als wir Deutsche? Und was können die bei uns lernen, da gibt es auch Einiges abseits von Bürokratie und Steuergesetzgebung.

Volt trifft den aktuellen Zeitgeist perfekt, den Nerv der Großstädter und übrigens auch der weit über 100.000 Jugendlichen, die gestern hinter “uns Greta” hergelaufen sind in der Überzeugung, damit das Klima zu retten. Es gibt für Parteigründungen immer ein Momentum. Nur zwei Mal hat es seit 1945 in Deutschland eine Partei geschafft, sich aus eigener Kraft zu etablieren: die Grünen und die AfD. Letztere ist aus meiner Sicht noch nicht durch, weil viele Bürger eben auf Sicht doch den feinen Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus im Auge haben. Patrioten wollen wir alle sein, Nationalisten nur eine kleine Minderheit. Und wenn es dann hier und dort auch noch weiter nach rechts abgleitet, dann danke, aber danke nein.

Ich werde Volt morgen nicht wählen. Ich bin nicht für einen Nationalstaat Europa, ein Bürokratiemonster, das aus Brüssel mit dem politischen und finanziellen Rasenmäher die bunte Vielfalt der souveränen europäischen Länder glattbügeln und auf Linie bringen will. Auf die Vergemeinschaftung von Staatsschulden, auf GenderGaga und Klimapanik für alle. Nicht mit mir, nicht mit vielen von Ihnen. Schön, dass besonders die Osteuropäer als Wand dagegen stehen.

Aber Volt ist spannend, die interessieren sich anscheinend wirklich echt für Politik. Die denken scheuklappenlos darüber nach, wie das Leben unserer Kinder und Enkel in zehn, 20 oder 30 Jahren aussehen sollte. Und sie folgen dabei nicht einer bevormundenden Ideologie, sondern sie schauen, was andere besser machen. Das finde ich spannend.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.