Der Westen zieht ab im Schutz der Dunkelheit: Wir überlassen Afghanistan einer ungewissen Zukunft

ARCHIV - Mitglieder der afghanischen Sicherheitskräfte während eines Kampfes gegen Anhänger der Taliban. Foto: Sananullah Seiam/XinHua/dpa/Archivbild
Anzeige

von KLAUS KELLE

KABUL – Es ist eine Schande, wie der Westen Afghanistan nach fast 20 Jahren gemeinsamen Krieges gegen die islamistischen Taliban jetzt im Stich lässt. Der Beginn war folgerichtig und basiert auf den Statuten des Nato-Vertrages. Wenn eines der Mitgliedsstaaten des westlichen Bündnisses angegriffen wird, steigen alle Partner sofort ein, um den Feind zurückzuschlagen. Nur: Der Angriff vom 11. September 2001 auf Amerika wurde nicht von Armeen oder staatlichen Strukturen ausgeführt, sondern von fanatischen Allah-Freunden, denen das eigene Leben nichts wert ist, da ja der Märtyrer nach seinem Tod angeblich mächtig Spaß mit 72 Jungfrauen haben soll. So sagt man. Die “Gotteskrieger” Allahs wollen töten und unterwerfen, sie streben das globale Kalifat an. Und Deutschland organisisert nutzlose Palaverrunden mit den Muslimbrüdern und DITIB.

Verteidgungsminister Peter Struck (SPD) hatte recht, als er damals sagte, unsere Freiheit werde auch am Hindukusch verteidigt, und ich füge an: Auch in Mali, auch im Jemens, auch im Irak. Der islamistische Terror ist eine Herausforderung für alle Menschen und Staaten, die sich zur Freiheit und zur Würde eines jeden Indiviuums bekennt. Wir kennen keine “Kuffar” im Westen, hier hat jeder das Recht, so zu leben, wie er oder sie will.

Nach 9/11 gab es keine andere Wahl auch für Deutschland, der Ausrufung des Verteidigungtsfalls durch die USA zu folgen und in den Krieg zu ziehen. Der wurde schamhaft verschwiegen, denn große Teile der Deutschen denken, dass nach Ende des Kalten Krieges die Bundeswehr nur zum Brunnenbohren und Sandsäcke bei Sturmfluten anzuhäufen existiere. Doch das ist eine Illusion, wie nicht zuletzt die 53 gefallenen Soldaten – unsere Söhne – dokumentieren. Und da wird noch gar nicht von denen gesprochen, die nach dem Einsatz für immer körperbehindert sind oder jede Nacht schweißgebadet aufwachen, weil sie das Trauma des Kriegseinsatzes vermutlich bis ans Lebensende mit sich herumtragen werden.

Wir sind naiv, und die Amerikaner sind naiv. Die Amis – sie verloren über 2000 Soldaten in dem Krieg in Afghanistan – gewinnen militärisch, haben aber keinen Plan für die Zeit nach dem Sieg. Wir haben einen Plan für später, begreifen aber nicht, dass man erstmal Krieg führen und gewinnen muss vorher. Und dass TÜV-Plaketten und ASU in Mazar-el-Sharif kein Schwein interessieren, aber deutsche Bürokraten in Berlin.

Nun sind wir abgezogen, ebenso unsere Verbündeten, allen voran die Amerikaner. Im Schutz der Dunkelheit flogen die letzten GIs am Wochenende aus Bagram aus – ohne vorherige Ankündigung bei der afghanischen Regierung, ohne Erklärung, ohne Plan B, wie es nun weitergeht mit der zivilen Regierung und mit den von der Bundeswehr ausgebildeten afghanischen Polizisten und Soldaten. Mehr als 1000 von ihnen haben sich inzwischen abgesetzt, meldet die BILD. Die, die ausharren, sehen einem ungewissen Schicksal entgegen. Viele werden wahrscheinlich in den nächsten Wochen sterben.

Erstmals seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen aus Afghanistan haben die militant-islamistischen Taliban eine Provinzhauptstadt angegriffen. Es gebe Gefechte in Kala-e Nau, der Hauptstadt der Provinz Badghis im Westen des Landes, bestätigten Behördenvertreter.

Die Situation war zunächst unübersichtlich. Provinzräten zufolge hatten sich Regierungsvertreter, darunter der Gouverneur, und ein Teil der Sicherheitskräfte in eine Militärbasis in der Nähe des Flughafens zurückgezogen und von dort aus versucht, die Taliban-Angriffe abzuwehren. Es folgten Berichte über Luftschläge.

Taliban-Kämpfer in der Stadt

Provinzräte sagten, dass Taliban-Kämpfer sich völlig frei auf Motorrädern in der Stadt bewegten. Vor allem Familien von Regierungsvertretern seien in Richtung Herat geflüchtet, Taxifahrer hätten Wucherpreise verlangt. Hunderte Gefangene konnten aus einem Gefängnis der Stadt entkommen. Am frühen Mittwochabend (Ortszeit) erklärten die Sicherheitskräfte, sie seien auf dem Vormarsch. Der Gouverneur sagte, er sei wieder in seinem Regierungsgebäude.

Dem Angriff auf die Stadt ging der Fall der letzten drei noch unter Kontrolle der Regierung stehenden Bezirke in der Provinz voraus. Soldaten und Polizisten hätten sich aus den Bezirken Mukur, Ab Kamari und Kadis in die Provinzhauptstadt Kala-e Nau zurückgezogen, sagten Provinzräte. Ein Konvoi aus Mukur sei dabei angegriffen worden, und die Sicherheitskräfte hätten große Verluste erlitten. Daraufhin hätten sich mehrere Regierungsvertreter und hochrangige Polizisten den Taliban ergeben.

Truppenabzug führt zu Unsicherheit

Mit Beginn des Abzugs der US- und Nato-Truppen aus Afghanistan Anfang Mai hat sich die Sicherheitslage zugespitzt. Die Taliban haben seither rund ein Viertel der Bezirke im Land neu erobert. Dabei haben sie Hunderte Regierungskräfte getötet, verwundet, gefangen genommen oder zur Aufgabe überredet. Mindestens fünf Provinzhauptstädte haben sie mittlerweile umzingelt.

In der Vergangenheit wurden Angriffe auf Provinzhauptstädte mit der Hilfe von US-Luftschlägen zurückgedrängt. Die USA haben aber vergangene Woche ihre größte Luftwaffenbasis Bagram verlassen. Laut «New York Times» gibt es noch «etwas Hilfe» von den USA in Form von kurzzeitiger Luftunterstützung, die jetzt von außerhalb des Landes kommt. Der Abzug der US-Truppen ist mittlerweile nach Pentagon-Angaben zu mehr als 90 Prozent abgeschlossen. Die Bundeswehr hatte das Land Ende Juni verlassen.

Abschiebeflug aus Deutschland

Am Mittwochmorgen war gleichzeitig erneut ein Abschiebeflug aus Deutschland in Kabul eingetroffen. Nach Informationen aus dem Bundesinnenministerium waren 27 abgelehnte Asylbewerber an Bord. 26 davon seien Straftäter gewesen. An der Maßnahme beteiligten sich acht Bundesländer: Brandenburg, Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen.

Die Abschiebungen sind aufgrund der schlechten Sicherheitslage umstritten. Ein Sprecher des Flüchtlingsministeriums in Kabul sagte, dass man aufgrund der Sicherheitssituation, hoher Arbeitslosigkeit, steigender Armut und der Corona-Pandemie in offiziellen Treffen mit den abschiebenden Ländern immer wieder anfrage, die Abschiebungen auszusetzen.

Allerdings hätten die Länder ihre eigenen Regeln und würden Afghanen nach diesen Regeln weiter abschieben. Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) sagte am Montag, er halte die bisherige Abschiebepraxis trotz der Zunahme der Gewalt noch für vertretbar.

Die USA, die Nato, der Westen – wir lassen Afghanistan im Stich. Viele Bundeswehrsoldaten, die dort waren, sagen mir, dass die meisten Einheimischen die Deutschen freundlich empfangen hätten, ihre Bemühungen um Schulunterricht und medizinische Grundversorgung richtig gut fanden. Und das Bauen von Brunnen. Aber jetzt sind wir weg, und ohne Soldaten und Waffen, ohne Lustunterstützung der USA – die es in bescheidenem Umfang noch geben soll – ist das Land verloren. Die Steinzeit kehrt zurück, bald wird wieder gesteinigt und aufgehängt, werden junge Frauen wieder eingesperrt, ohne jemals lesen und schreiben zu lernen oder mitreden zu dürfen. Und keine aus der deutschen Emanzen-Lobby – außer der der bei diesem Thema beeindruckenden Alice Schwarzer – macht auch nur den Mund für lauten Protest auf. Sie sind intensiv damit beschäftigt herauszufinden, ob Männer auch menstruieren können und Regenbogen an Stadionwände zu projezieren.

Bildquelle:

  • Afghanistan: dpa
Anzeige

Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.