Der Bundestag bildet nicht die Zusammensetzung der deutschen Bevölkerung ab

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Liebe Leserinnen, liebe Leser,

bei Wiener Schnitzel mit Kartöffelchen und Preiselbeeren saßen wir in einem kleinen Kreis Unternehmer gestern Abend beisammen und irgendwann kam die Frage auf: Würde einer von uns Annalena Baerbock, Armin Laschet oder Olaf Scholz eine Anstellung in seiner Firma geben? Zugegeben, die Fragestellung ist nicht ganz fair, weil zwischen Empfangsdame und Leiter der Finanzbuchhaltung schon ein wenig Raum für Nuancen ist. Aber spontan war die Stimmung: never ever.

Ich glaube, man tut den drei Kandidaten damit Unrecht, denn Olaf Scholz verwaltet sein Finanzministerium ja irgendwie, so wie Armin Laschet Nordrhein-Westfalen in der Ballance hält, wenn nicht gerade Unwetter ist und er leider, leider plötzlich lachen muss.

Die Umfragen und die Lage verändern sich nahezu täglich in Deutschland, sicher auch nicht nur zufällig, denn in Berlin basteln in diesen Tagen Heerscharen von Spindoktoren an der Meinungsvielfalt des steuerbaren Wahlvolkes herum. Seit Elisabeth Nölle-Neumann wissen wir von der “Schweige-Spirale”, die salopp bedeutet, dass unentschlossene Wähler sich im letzten Moment denen anschließen, von denen sie annehmen, dass sie gewinnen. Jeder will gern bei den Siegern dabei sein, nicht nur die Anhänger des FC Bayern München, sondern auch der Wähler an sich.

Gestern Abend – es gab auch einen anständigen Merlot – ging es bevorzugt um Armin Laschet, der so oft schon nicht gewollt war und dennoch immer wieder die Spitze erklommen hat, dass wir ihm den knappen Sieg durchaus auch am 26. September noch zutrauen. Aber keiner freut sich so richtig drauf, obwohl man Laschet nachsagt, dass er ein jovialer Rheinländer ist, sozialisiert in der alten reinisch-katholischen West-CDU, einer, der Karneval und Schützenfest kann, Zigarillos raucht und Orden verleiht. Allen war letztlich sogar egal, wer es am Ende wird, wenn nur diese schreckliche Frau aus dem Kanzleramt verschwindet.

Die Fernsehdiskussion mit den drei Kanzlerkandidaten war ein Offenbarungseid der deutschen Politik und ihrer Führungselite. Wissen Sie eigentlich, dass Heiko Maas, Annegret Kramp-Karrenbauer und Peter Altmaier alle aus dem Saarland stammen? Was ist da los? Versehentlich verorteten wir Andrea Nahles kurz auch als Saarländerin, aber sie stammt aus Rheinland-Pfalz gleich nebenan. Aber das macht es ja nicht besser.

Ich denke, das Problem ist, dass unser Bundestag – nach der Theorie die Vertretung des Volkes – weit überproportional aus Leuten besteht, die nie richtig gearbeitet haben, die nie “Schwielen an den Händen hatten”, wie BILD-Lästermaul Franz-Josef Wagner gerade über den Dauerstudenten Kevin Kühnert von der SPD schrieb. Natürlich gibt es viele Ausnahmen, viele gute Leute, die etwas gelernt haben, eine Familie gegründet haben, eine bürgerliche Existenz aufgebaut hatten, bevor sie in die Politik gegangen sind. Aber die Verbandsfunktionäre, Juristen und Lehrer überwiegen bei weitem gegenüber Unternehmern, Handwerkern, Arbeitern oder Bauern, die sich den deutschen Politikbetrieb um nichts in der Welt antun wollen. Und das ist sehr schade.

Mit herzlichen Grüßen,

Ihr Klaus Kelle

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Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.