Das winzige Band der ökumenischen Gemeinsamkeit dürfen wir nicht noch schwächen

Anglikanische Kirche
Anzeige

von PETER WINNEMÖLLER

Es gibt Momente, da kann jeder bemerken, daaa Ökumene etwas anderes ist, als die platten Forderungen der EKD nach einem „gemeinsamen Abendmahl“. Neben den Ostkirchen sind unsere nächsten Verwandten die Anglikaner. Weder titurgisch noch dogmatisch ist die Hochkirche weit entfernt. Dennoch: sie sind mit uns nicht eins, das tut weh. Weltweit sind sich die Anglikaner untereinander auch nicht eins. Die Streitigkeiten um Lehrfragen, um Ämter und Disziplin stehen anderen Gemeinschaften nichts nach.

Ökumene ist wirkliche Schwerstarbeit. Wer das nicht glaubt, dem sei einmal der Besuch in der Westminster Abbey in London empfohlen. An Sonntagen ist um 11:15 Uhr „Sung Eucharist“ (gesungene Eucharistie). Wer in Liturgie nur wenig kundig ist, könnte zur Ansicht kommen, in einer katholischen Kirche zu sein. Der Ablauf des Gottesdienstes am Sonntag in Westminster Abbey ist dem einer katholischen Messe zum Verwechseln ähnlich. Die Unterschiede zeigen sich in einem anderen Hochgebet oder sie zeigen sich in der Kelchkommunion für alle Gläubigen. Sie zeigen sich aber auch darin, dass ein Helfer leere Kelche aus einer Kanne nachfüllt, was in der katholischen Liturgie undenkbar wäre.

Im Hinblick auf die Feierlichkeit, die Frömmigkeit und das äußere Erscheinungsbild kann die „Sung Eucharist“ mit jedem katholischen Kapitelsamt an einer Kathedralkirche mithalten. Der Chor singt phantastisch. Der Zelebrant trägt eine gewöhnliche grüne Kasel (Meßgewand), die Konzelebranten weiße Alben und Stola. Die Gemeinde singt beeindruckend kräftig mit. Beim Eingangslied stockt der Atem. Lobe den Herren – Praise to the Lord. Das kann auch der deutsche Katholik sofort mitsingen und sich am klassischen Englisch erfreuen.

„Wenn Sie in Ihrer Kirche zur Kommunion gehen, so sind Sie auch bei uns eingeladen, dies zu tun“, lädt das Gottesdienstheft ein. Und da fängt das Problem an. Noch nie gab es für mich in einem protestantischen Gottesdienst die Neigung, am Abendmahl teilzunehmen. Es ist einfach nicht das, was es vorgibt zu sein. Das ist es bei den Anglikanern ebenfalls nicht. Das Amt steht dem im Weg. Die Weihen der Anglikaner sind nicht gültig. Ohne gültig geweihte Priester gibt es keine gültig Eucharistie. Da muß die Vernunft dem Gefühl die rechte Entscheidung diktieren. Weder erfüllt der Katholik im anglikanischen Gottesdienst seine Sonntagspflicht noch kann er die Sakramente gültig empfangen. Erstmals tut es richtig weh. Das ältere Ehepaar neben uns wünscht uns freundlich den Frieden. Da können wir noch mit. Der Weg zum Kommunionempfang bleibt verwehrt.

Wenn die Kirche der mystische Leib Christi ist, dann ist die Spaltung im Volk Gottes eine Wunde am Leib Christi. Und dann sollte sich niemand, der nur ein wenig sensibel ist über die Schmerzen der Ökumene wundern. Aus gewachsenen Traditionen heraus können wir nicht so leicht überwinden, was trennt. Es bilden sich Strukturen, die die Trennung verfestigen. Es fallen Entscheidungen, die das Auseinanderdriften antreiben. Ist die Trennung erst einmal da, dann ist sie kaum zu heilen. Wer das verstanden hat, versteht das Mühen der Päpste um die Piusbruderschaft. Diese hängt noch an einem seidenen Faden.

Die Bindung an die Anglikaner ist gerade noch eine Mikrofaser. Wer die Hochkirche in England erleben darf, wird sicher alles dafür tun, dieses winzige Band nicht noch zu schwächen. Ein großer katholischer Heiliger, der engliche Kardinal John Henry Newman, hat seine Wurzeln in der Anglikanischen Kirche. Seine Wahrheitssuche hat ihn in die eine Kirche geführt. Auch die Anglikaner bekennen im Credo ihren Glauben an die eine heilige katholische und apostolische Kirche. Das gemeinsame Gebet in Wahrheit und Bescheidenheit ist die schmerzhafte Version der Ökumene. Eine schmerzfreie Version gibt es nicht.

Bildquelle:

  • Anglikanische_Kirche: dpa
Anzeige

Über den Autor

Klaus Kelle
Klaus Kelle, Jahrgang 1959, gehört laut Focus-online zu den „meinungsstärksten Konservativen in Deutschland“. Der gelernte Journalist ist jedoch kein Freund von Schubladen, sieht sich in manchen Themen eher als in der Wolle gefärbten Liberalen, dem vor allem die Unantastbarkeit der freien Meinungsäußerung und ein Zurückdrängen des Staates aus dem Alltag der Deutschen am Herzen liegt. Kelle absolvierte seine Ausbildung zum Redakteur beim „Westfalen-Blatt“ in Bielefeld. Seine inzwischen 30-jährige Karriere führte ihn zu Stationen wie den Medienhäusern Gruner & Jahr, Holtzbrinck, Schibsted (Norwegen) und Axel Springer. Seit 2007 arbeitet er als Medienunternehmer und Publizist und schreibt Beiträge für vielgelesene Zeitungen und Internet-Blogs.