Das deutsche Gastro-Gewerbe hat mit Corona 300.000 Arbeitsplätze verloren

Alles ist vorbereitet, aber wann geht's wieder los?
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von PROF. DR. PATRICK PETERS

BERLIN – Im Großen und Ganzen hat die deutsche Wirtschaft die Corona-Krise ganz gut weggesteckt. Die Bundesregierung rechnet für 2021 mit einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von 3,5 Prozent. Dem soll 2022 ein Plus von 3,6 Prozent folgen, womit dann auch das Vorkrisenniveau wieder erreicht werden dürfte. Und: Inmitten der Corona-Pandemie haben die deutschen Exporteure so viel ins Ausland verkauft wie noch nie. Im März setzten sie Waren im Wert von 126,5 Milliarden Euro in anderen Ländern ab. Das waren 16,1 Prozent mehr ein Jahr zuvor. Die Konjunkturerwartungen deutscher Finanzexperten haben sich zugleich im Mai viel stärker als erwartet aufgehellt und den höchsten Wert seit mehr als 21 Jahren erreicht. Das Stimmungsbarometer stieg gegenüber dem Vormonat um 13,7 Punkte auf 84,4 Punkte, wie das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) mitteilte.

Nur dumm, dass bei weitem nicht alle Branchen gleichermaßen vom Wiederaufschwung profitieren. Besonders bitter hat es – neben dem Einzelhandel – das Gastgewerbe erwischt. Restaurants und Hotels verzeichneten im Zuge der Corona-Krise im Jahr 2020 einen nie dagewesenen Umsatzeinbruch. Wie das Statistische Bundesamt errechnete, setzte das Gastgewerbe real (preisbereinigt) 39 Prozent weniger um als 2019, wobei die Monate Januar und Februar noch ein Umsatzplus aufwiesen.

Obwohl es nun endlich erste Öffnungsperspektive gibt, wachsen die existenziellen Sorgen der Unternehmen. Wie die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA Bundesverband) verdeutlichen, gibt es dringenden Handlungsbedarf. Die staatlichen Hilfen reichten nicht aus, beklagt DEHOGA-Präsident Guido Zöllick und fordert wirksame Unterstützungsleistungen für alle betroffenen Unternehmen. In der DEHOGA-Umfrage gaben 27,4 Prozent der Unternehmer an, dass sie von den Fördergrenzen der Hilfsprogramme betroffen seien. Zudem würde die Überbrückungshilfe III nur durchschnittlich 48,1 Prozent der Verluste abdecken.

Die Branche, die vor der Corona-Krise mit mehr als zwei Millionen sozialversicherungspflichtig und geringfügig Beschäftigten zu den größten Arbeitgebern in Deutschland gehört, hat im Katastrophenjahr 2020 fast 300.000 Arbeitsplätze verloren. Das muss sich genauso auf der Zunge zergehen lassen wie einige andere Daten, die der DEHOGA aufbereitet hat. So beträgt der Zugang von Arbeitslosen aus abhängiger Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt im Gastgewerbe zwischen April 2020 und Januar 2021 sage und schreibe 18 Prozent. In der Gesamtwirtschaft sind es 3,9 Prozent. Wer also schon immer wissen wollte, wie man eine ganze Branche an den Rande des Untergangs treibt, kann vom sogenannten Corona-„Krisenmanagement“ der deutschen Politik viel lernen. Dass die Branche nachweislich kein Infektionstreiber ist, wird geflissentlich ignoriert.

Parallel baut sich für die gesamte Branche ein weiteres gigantisches Problem auf. Hotels und Gaststätten haben nach Branchenangaben wachsende Schwierigkeiten, ihre Fachkräfte zu halten. Bis Februar 2021 die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in den Betrieben um 129.500 gesunken – damit ist nach DEHOGA-Angaben knapp jeder achte Arbeitsplatz verloren gegangen. Hauptgeschäftsführerin Ingrid Hartges warnt vor einer Abwanderung der dringend benötigten Fachkräfte, wenn Betriebe in Deutschland weiter nicht öffnen dürften, dafür aber in anderen EU-Ländern. „Hoteliers berichten bereits von Abwerbungen aus dem Ausland.“ Deutschland zu, Ausland offen: Der Druck aufs Gastgewerbe wird nicht geringer.

Das verschärft die Angst, dass die Branche auch in der Post-Corona-Phase erhebliche Probleme bekommen kann. Immerhin treibt Hoteliers und Gastronomen schon länger die Furcht vor einem Fachkräftemangel: 58 Prozent der Gastronomen und 57,8 Prozent der Hoteliers sahen bereits 2019 in der Mitarbeitergewinnung die größte Herausforderung. Das heißt: Im Sorgen-Barometer der Gastronomen und Hotellerie an erster Stelle steht die Suche nach Fachkräften. Wie soll sich das ins Gegenteil verkehren, wenn durch die mittlerweile völlig unverhältnismäßig behördlichen Beschränkungen die Grundlage des Geschäfts entzogen bleibt?

Man kann dem Gastgewerbe nur von Herzen das Beste wünschen. Restaurants und Hotels in Deutschland sind Teil des kulturellen Erbes und konstitutiv für die Gesellschaft als Treffpunkt, als Ort des Austauschs, des Wohlfühlens, an dem wir freundlich empfangen werden und gesellige Abende verbringen. Wir alle können den Unternehmen helfen, wieder auf die Beine zu kommen, damit sie in eine erfolgreiche Zukunft durchstarten können. Anders werden die Unternehmen es nicht schaffen. Das können wir nicht riskieren.

Bildquelle:

  • Gastronomie_Kneipe: pixabay
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