Cancel Culture im deutschen Profifußball: Warum Herthas Torwarttrainer und andere rausflogen

ARCHIV - Muss als Torwart-Trainer bei Hertha BSC gehen: Zsolt Petry. Foto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa
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von MARK ZELLER

BERLIN – Hertha BSC feuert seinen langjährigen Torwart-Trainer Zsolt Petry wegen eines in seinem Heimatland veröffentlichten Interviews. Die Entlassung des Ungarn ist nur der neueste einer ganzen Reihe von Fällen die zeigen, wie einseitig der Fußball-Zirkus politisiert ist – und wie tief die Cancel-Culture mittlerweile auch in den Sport eingreift.

Wenn ein strauchelnder Bundesligist einen sportlich Verantwortlichen entlässt, ist das an sich kein ungewöhnlicher Vorgang. Anders im Falle von Hertha BSC, denn hier handelt es sich um den Torwart-Trainer, und es geschieht nicht aufgrund der sportlichen Entwicklung. Zsolt Petry darf ab sofort seinen Torhütern keine Bälle mehr zuwerfen, weil er einer ungarischen Tageszeitung ein Interview gegeben hat – in der Lesart der Hertha-Geschäftsführung ein falsches.

Eiligst gaben die Schlagzeilenmacher den Meinungstakt vor: „Diskriminierende Äußerungen“, „homophobe Kritik“, „Migrationsfeindlich“ rauschte es gestern Abend durch den Online-Blätterwald, der es dem Bundesligisten leicht machte, zu verkünden, die im Interview getätigten Äußerungen „entsprechen nicht den Werten von Hertha“. Dazu sollte man vornewegschicken: Zsolt Petry, bis gestern fast sechs Jahre im Verein, ist ein gestandener Profi, der in halb Europa aktiv war. Und der gibt ein Interview, in dem er als 54-Jähriger für sich spricht, nicht für Hertha, nicht für Berlin, nicht für Deutschland.

Aber: Er äußert sich darin kritisch zu europäischer Migrations-Politik und zu homosexuellen Paaren mit Kindern. Und sowas geht in der selbstbekennend buntesten aller Hauptstädte natürlich gar nicht! Petry unter anderem im Wortlaut: „Wenn du die Migration nicht gut findest, denn schrecklich viele Kriminelle haben Europa überlaufen, dann werfen sie dir sofort vor, dass du ein Rassist bist.“ Eine Aussage, die bei aller harten Formulierung zweifelsohne den Faktencheck hält. Und zwar in jeder Hinsicht, wie die mediale und vereinsseitige Reaktion auf sein Interview beweist.

Unterdessen quittiert die deutliche Mehrheit der bewertenden Fans auf Herthas Facebook-Kanal den Rausschmiss des langjährigen Trainers mit Wut- oder Lach-Emojis. Viele machen ihrem Unmut in den Kommentarspalten Luft: „Freie Meinungsäußerung scheint bei Hertha nicht erwünscht zu sein“; „Das passiert, wenn man es wagt auszusprechen, was noch ganz viele denken“; „peinlicher Akt“; „erbärmliche Vereinsführung“; Schämt euch, Hertha BSC“; „Wir haben sowas in Ungarn schon erlebt. Und zwar in den Jahren des Sozialismus.“ Doch an der Vereinsentscheidung ändert das nichts.

Freund und Neuer am Pranger, Frahn und Dahlmann geschasst

Dabei ist der Fall Petry nur das jüngste Beispiel dafür, wie die Cancel-Culture längst auch den Fußball-Zirkus durchdrungen hat. Dem Chemnitzer Mannschaftskapitän Daniel Frahn wurde vor zwei Jahren die Nähe zu den eigenen Fans zum Verhängnis. Weil der Torjäger, bei den „falschen“ Leuten im eigenen (!) Fanblock stand, wurde ihm Nähe zum Rechtextremismus unterstellt – und fristlos gekündigt. Ein Fußballer in der Fascho-Schublade. Wen interessiert da noch, dass die Kündigung vor Gericht keinen Bestand hatte, und dass Frahn nach der Rückkehr zu seinem Heimatverein SV Babelsberg auch dort wieder Publikumsliebling ist – bei einer ausgewiesen linken Fanszene, wohlgemerkt?

In die „rechte Ecke“ kann man als Kicker heute auch kommen, wenn man im Sommer-Urlaub unbedacht einheimische Musik mitträllert, wovon Nationaltorwart Manuel Neuer buchstäblich ein Liedchen zu singen weiß. Als im vergangenen Juli ein Privat-Video von einer Bootstour die Runde machte, hatte die Sommerpause ihr sportpolitisches Aufreger-Thema. Neuers Poblem: Der unverfängliche klingende Song „Lijepa li si“ („Du bist schön“) stammte von einer kroatischen Band, die als rechtsextrem gilt.

Weniger fremdsprachiges Liedgut, als vielmehr eine eigene Sprachkreation beendete unlängst das Arbeitsverhältnis von Jörg Dahlmann beim TV-Sender Sky. Der Fußballkommentator, seit fast 40(!) Jahren bekannt für seinen launigen Sprech, hatte in einer seiner lebendigen Reportagen bezüglich eines japanischen Fußballers festgestellt, dieser habe sein letztes Tor „im Land der Sushis“ geschossen. Danach half dem geschätzten Reporter weder die Rückendeckung zahlreicher prominenter TV-Kollegen, noch die Tatsache, dass er selbst Botschafter der antirassistischen Initiative „Respekt!“ ist.

Einen regelrechten Haltungs-Furor erlebte auch der frühere Nationalspieler und heutige TV-Experte Steffen Freund. Der von ihm losgetretene „Rassismus-Eklat“? Er hatte bezüglich zweier suspendierter Bundesliga-Spieler den Blick auf deren Herkunft gerichtet und festgestellt, dass es eine Rolle spiele, „wie du als Mensch aufwächst und wie deine Mentalität ist“. Unbestreitbar richtig, aber offensichtlich auch öffentlich unsagbar.

Zweierlei Maß auf allen Ebenen

Ganz anders ist es freilich auf der guten Seite des Meinungskorridors. Der von seinem Landsmann Petry im Interview adressierte Torwart Peter Gulasci etwa hatte im Februar für seine Kritik an Ungarns Regierung sofort wohlwollende Begleitmusik der medialen Meinungsführer bekommen. Tenor: Endlich mal einer, der übers Rasenviereck hinausdenkt! Ähnlich verhält es sich mit den uneingeschränkten Sympathie-Trägern des Trainer-Zirkus, Christian Streich und Jürgen Klopp, die aus ihrer abgeschirmten Idylle heraus den allzu realitätskritischen Zeitgenossen gerne mal die Welt erklären.

Ebenfalls völlig ok scheint es, wenn sogar Vereinsspitzen die Wähler und Mitglieder bestimmter Parteien ausschließen wollen, so geschehen bei Eintracht Frankfurt und dem HSV.

Eine insgesamt brisante Entwicklung, denn es ist ungeklärt, wer entscheidet, was richtig oder falsch ist. Und was kommt dann? Braucht jeder Verein einen Wesenstest für seine Mitglieder? Muss jeder Spieler ein Gesinnungs-Gelübde ablegen? Und nicht zuletzt: Wer stellt sicher, dass dann gleiches „Recht“ für alle gilt? Oder soll, wie bisher, in Berlin der Ungar Petry für ein Interview gefeuert werden, während in Düsseldorf der Türke Karaman trotz Salut-Bekenntnisses zu Kriegshandlungen seines Heimatlandes unbehelligt bleibt?

Vielleicht sollte sich der Fußball auch einfach mal wieder mehr auf das konzentrieren, was er eigentlich ist, nämlich Sport. Oder, wie Bundestrainer-Kandidat Ralf Rangnick es ausdrückt, „eine unpolitische Rolle einnehmen“. Und da wäre es durchaus spannend zu erfahren, wie Herthas Trainer Pál Dárdai, darüber denkt, dass man ihm mitten im Abstiegskampf den vertrauten Torwarttrainer nimmt. Aber eine Stellungnahme von ihm hat Hertha noch nicht nach außen gelassen. Nicht, dass sie ihn sonst auch noch feuern „müssten“…

Bildquelle:

  • Zsolt Petry: dpa
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