BIP minus 10 Prozent: Ein zweiter Lockdown wäre eine Katastrophe

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von DR. PATRICK PETERS

BERLIN – Die Zahlen sind nicht neu, aber es lohnt, sich diese nochmals anzuschauen. Infolge der weltweiten Einschränkungen durch die Corona-Pandemie ist die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal im Rekordtempo eingebrochen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) fiel von April bis Juni um 10,1 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Das bisherige Rekordminus aus der Finanzkrise hat sich mehr als verdoppelt – Anfang 2009 war die Wirtschaftsleistung um 4,7 Prozent zurückgegangen. Auch die USA, die weltweit größte Volkswirtschaft, erlitten einen Einbruch um zehn Prozent. Diese Negativentwicklung wird sich natürlich aufs gesamte Jahr auswirken. Forschungsinstitute und Unternehmen erwarten einen BIP-Rückgang für 2020 zwischen 5,5 und 6,5 Prozent.

Zugleich weist die wirtschaftliche Entwicklung seit Juni wieder eine deutliche, sehr erfreuliche Steigerung auf – und zwar in Form des so erhofften „V“. Das bedeutet einen steilen Anstieg nach einem steilen Abfall. Verschiedene Daten sprechen dafür. Im Juni stieg beispielsweise die saisonbereinigte Industrieproduktion gegenüber Mai 2020 sowohl im Euroraum als auch in der EU um 9,1 Prozent. Und Deutschlands Einkaufsmanager sind so positiv gestimmt wie lange nicht. Dies zeigt die aktuelle Umfrage des Informationsdienstes IHS Markit unter 1000 repräsentativ ausgewählten Firmen in der deutschen Industrie und im Servicesektor. Sämtliche Komponenten des IHS-Index notieren nun wieder deutlich über 50 Punkten. Damit wird üblicherweise die Grenze zwischen Aufschwung und Rezession markiert.

Für Euphorie ist es aber deutlich zu früh. Denn die Daten, besonders die Stimmungsbarometer, stammen aus einer Phase, in der die Infektionszahlen bei wenigen 100 pro Tage lagen. Seit Ende Juli hat sich das Tempo wieder verschärft, die Zahl der Neuinfektion liegt stabil bei über 1000 am Tag – allgemeine Sorglosigkeit und Reiserückkehrer lassen grüßen. Und schon beginnt die Angst vor einem zweiten Lockdown von Neuem zu gären. Denn dieser wäre ein noch viel größere Katastrophe für die Wirtschaft als die Restriktionen im Frühling.

Unternehmer Mario Ohoven beispielsweise appellierte an die Politik, im Falle steigender Infektionszahlen einen zweiten Lockdown zu verhindern. „Es wäre unverantwortlich, die deutsche Wirtschaft durch einen weiteren Lockdown in den Ruin zu treiben“, sagte der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) Anfang August. Oder Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung: „Eine zweite Infektionswelle könnte wirtschaftlich schädlicher sein als die erste Welle.“

Zahlen, die dieses Unheil verdeutlichen könnten, existieren nicht. Aber jedem muss klar sein, dass ein zweiter Lockdown den wirtschaftlichen Wiederaufstieg vernichten wird – und zwar mit solcher Wucht, dass es Jahre dauern wird, die Folgen aufzufangen. Aktuell sieht es noch so aus, als könnte Deutschland bis 2022 zu alter ökonomischer Stärke zurückkommen. Das gilt aber vorbehaltlich, dass die zweite Welle ohne Kontaktverbote etc. geregelt wird. Ein zweiter Lockdown wird die Folgen des ersten wie ein Kaffeekränzchen erscheinen lassen.

Es bleibt also zu hoffen, dass Herbst und Winter ohne Lockdown vergehen. Sollte diese Hoffnung nicht in Erfüllung gehen, kann es in den kommenden Jahren wirklich düster werden. Die Politik ist dringend aufgerufen, keine Fehlentscheidungen zu treffen und einen zweiten Lockdown um jeden Preis zu vermeiden. Das Rettungspulver ist mit einem Volumen von 1,2 Billionen Euro verschossen.

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  • Industrieanlage: pixabay
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