Beim Barte des Kandidaten

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von UWE SIEMON-NETTO

So, nun haben wir also nach dem erfolglosen Rudolf Scharping wieder einmal einen Kanzlerkandidaten mit Bart, wobei ich mich allerdings  schwer tue, das Gestrüpp am Kinn des Martin Schulz richtig einzuordnen. Also, der Bart des Propheten ist es nicht; dies ist kein Killerbart wie ihn die ISIS-Schergen tragen, die danach trachten, Bartlosen wie mir, aber auch Stoppelbärtigen wie Schulz die Gurgel durchzuschneiden, weil Selbige aus ihrer Sicht Ungläubige sind.

Ich kann mir auch nicht so recht vorstellen, dass Schulz sich morgens deshalb nicht rasiert, weil er auf unzüchtige Art die Libido von Wählerinnen stimulieren möchte; hier spiele ich Arthur Schopenhauer an. Er schrieb: „Der Bart sollte, als halbe Maske, polizeilich verboten sein. Zudem ist er, als Geschlechtsabzeichen mitten im Gesicht, obszön: daher gefällt er den Weibern.”

Schopenhauer fand, dass “alles Behaartsein tierisch” sei. Es verleihe dem Träger ein „auffallend brutales Ansehen.“ Treffend beobachtete der  Philosoph: „Man betrachte nur so einen Bartmenschen im Profil, während er isst!“ So weit würde ich freilich nicht gehen, dem ehemaligen Buchhändler aus dem rheinischen Würselen zu unterstellen, er versuche zwecks Stimmenfang im Osten mit brutalem Gesichtsgepräge dem Lockruf sächsischer Stadtlerchen Rechnung tragen: „…saache Ildis zu mir, nenne mich Obossum. Gib mir cheed’n Diernamen. Bloß sei brudal, du Wild’r …!“

Das Schopenhauer-Zitat hat mich übrigens in den Achtzigerjahren eine lukrative Kolumne in der deutschen Ausgabe der Frauenzeitschrift „Cosmopolitan“ gekostet. Beleidigt, forderte ein Redakteur Satisfaktion, zwar nicht in Form eines Duells, aber verbaler Natur. Stirnrunzelnd studierte ich ein Foto dieses Mannes, dessen Flaum etwa so harmlos wirkte wie der des späteren SPD-Kanzlerkandidaten Rudolf Scharping (1994), der den seinen bald schor und seither etwas männlicher aussah. Als milder Christenmensch versuchte ich, dem Cosmopolitan-Kollegen entgegenzukommen: Ich hätte doch gar nicht adrett kupiertes Kinnhaar wie seines gemeint, schrieb ich ihm, sondern die barbarischen Bärte der Altachtundsechziger, die sich jetzt auf deutschen Lehrstühlen und in deutschen Redaktionen breitmachten; sein Bärtchen zeuge von eher einem Zustand, der sich mühelos mit zwei Esslöffeln Kleie vorm Zubettgehen beheben lasse. Der Mann reagierte mit einem Mangel an Humor, wie er für diesen Zustand leider symptomatisch ist.

Zurück zu Martin Schulz’ Bart. Ist er dann also womöglich die westrheinische Variante des deutschlandweiten Versuchs, mit Dreitagestoppeln auszusehen wie neapolitanische Gigolos nach drei lustvollen Nächten in den Armen einer 15 Jahre älteren Millionenerbin aus Cincinnati? Nein, nein, das kann’s auch nicht sein. Zu den deutschen Gigolo-Imitatoren, die den Ruf der im Schlabberlook herumreisenden Teutonen untermauern, die ungepflegtesten Männer in Europa zu sein, gehört Schulz nun wirklich nicht: struppig ja, erschöpfter Gigolo, nein.

Nun bin ich weiter ratlos, ob denn dieser Fünftagebart seiner Kandidatur förderlich sein könnte oder nicht. Ich war ja selbst einmal SPD-Mitglied, freilich eines, das immer davon überzeugt war, dass nur eine morgendliche Nassrasur einen fröhlichen Tag beschert. Als Ex-Genosse will ich dem Genossen Schulz jetzt gratis vorschlagen, wie er womöglich als Alphatier den Osten erobern könnte: den Bart richtig lang auswachsen lassen, dann weiß einfärben und eine gleichfarbige Wuschelperücke dazu kaufen. So, und jetzt wird’s nun doch wieder schwiemelig. Jetzt siehst du ein bisschen aus wie der Karl Marx, du Wild’r! Jetzt fliegen dem Bärtigen die Wählerinnen der Linken zu. Und wer weiß? Vielleicht lässt sich so dem Oskar Lafontaine dann auch die Sahra Wagenknecht ausspannen — die Rassige.

Uwe Siemon-Netto ist 80 Jahre alt, im Herzen aber noch immer ein junggebliebener Rebell und Querdenker. Mehr bissige Texte veröffentlicht er auf dem Fontis-Blog unter der Rubrik „Uwe stößt an“. Er ist außerdem Autor der Bücher „Luther, Lehrmeister des Widerstands“, „Duc, der Deutsche“ und „Griewatsch!“, die im Fontis-Verlag erschienen sind.

Bildquelle:

  • Martin_Schulz_Bart: martin schulz
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