Ausstellung „Flucht – Vertreibung – Versöhnung“: Historisch sehenswert, GenderGaga peinlich und schäbig gegenüber Erika Steinbach

Ein Flüchtlingstreck erreicht Berlin 1945.
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von DIETRICH KANTEL

BERLIN – Seit dem 21. Juni ist in Berlin die Dauerausstellung „Flucht – Vertreibung – Versöhnung“ geöffnet. Die Ausstellungs-, Lern- und Gedenkstätte, die dem Leid und dem Unrecht der Vertreibungen gewidmet ist. Es brauchte 22 Jahre zur Verwirklichung dieser Stätte, seit im Jahr 1999 die damals neu gewählte Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach (damals noch CDU), zusammen mit Peter Glotz (SPD) einen nationalen Gedenkort zur Erinnerung an Flucht und Vertreibung der Deutschen vorschlugen. Seither tobte ein kaum enden wollender Streit über die Realisierung. Befürchtungen wurden laut, ein solcher Ort könne zur Relativierung der Nazi-Verbrechen beitragen. Oder zu einer Pilgerstätte ewig Gestriger vom äußerst rechten Rand avancieren. Am anderen Ende des Spektrums, unter LINKEN und bewegten Gutmenschen wurde mit Verweis auf die Nazi-Greuel den Deutschen einfach gänzlich die Berechtigung abgesprochen, eine solche Erinnerungsstätte errichten zu dürfen.

Peter Glotz, als Kind vertriebener Sudetendeutscher, der jeden übersteigerten Nationalismus´ unverdächtige sozialdemokratische Denker, verstarb über diese ideologisierten Gefechte. Die Vertriebenenpolitikerin Erika Steinbach, als in Westpreußen zufällig Gebürtige, im Alter von 18 Monaten mit Mutter und Schwester vor der Roten Armee 1945 von dort Geflohene, trat schließlich freiwillig vom geplanten Stiftungsrat zurück, um dem Projekt Fortgang zu geben: Sie war aus Protest gegen Merkels rechtsbrecherisch gehandhabte Flüchtlingskrise 2015 und dem damit unkontrollierten Zustrom von Migranten aus sicheren Herkunftsländern aus der CDU ausgetreten. Damit war sie bei der Bundeskanzlerin in Ungnade gefallen.

Im Juni 2021 nun die Eröffnung im aufwändig umgebauten ehemaligen Haus der Vertriebenen-Verbände in der Berliner Stresemannstraße unweit von Berliner Abgeordnetenhaus und Potsdamer Platz. Den berechtigten oder auch unberechtigten Besorgnissen, der Schwerpunkt der Stätte könne „zu einseitig auf deutschen Schicksalen“ liegen, wurde mit einem integrierten Konzept Rechnung getragen: Flucht und Vertreibung der Deutschen aus Europas Osten wurde in den Gesamtzusammenhang von Flucht und Vertreibung als weltweitem Phänomen und vor dem Hintergrund des sich entwickelnden Völkerrechts eingebettet. Man sollte dieses Konzept als grundsätzlich gelungen erachten. In der ersten Etage wird der Besucher in Kapiteln thematisch vorbereitet und durch diese internationale Problematik weitgehend sachbezogen geleitet, bevor er dann in der zweiten Etage sich erinnern darf (die Älteren und vielleicht noch persönlich Betroffenen), seinen zunehmend mangelhaften Geschichtsunterricht ergänzen kann (vor allem die Jüngeren), sich aktiv mit der Thematik auseinandersetzen (die engagierten Staatsbürger) oder auch erkennen kann, wie die Deutschen aktiv ihre jüngere Geschichte aufarbeiten (vielleicht die ausländischen Besucher).

Mein persönliches Votum zur Ausstellung:

So dringend notwendig wie grundsätzlich gelungen – so ist Kritik im Detail ebenso von Nöten. Zu beginnen ist da mit dem aufdringlich störenden Gendersternchen in den Texttafeln. Muss dieser GenderGaga wirklich bis in unsere historische Aufarbeitung penetrieren? Was werden wohl selbstbewusste polnische Besucher – Frauen wie Männer – denken, wenn sie diese dummen Sternchen in den Tafeln über die von Nazi-Einsatztrupps drangsalierten, deportierten, inhaftierten und massakrierten „Pol*Innen“ und „Jüd*Innen“ lesen? Diese Genderbelehrung von Besuchern ist kulturell betrachtet günstigenfalls nur peinlich. Aber man könnte auch sagen: Typisch deutsch-missionarisch; am deutschen Wesen…

Als widerwärtig – der Autor befragte spontan einige Besucher – empfinden es Besucher, dass in der Eingangsebene ausschließlich Uni-Sex-Toiletten vorhanden sind. Auf den Türen aufgebracht, jeweils stilisiert: Eine weibliche Person, eine männliche Person und zwischen beiden ein Zwitterwesen.

Aber noch weit kritikwürdiger und, das ist ein ausgewachsener Skandal, ist doch in einer Texttafel sinngemäß formuliert, dass durch den Angriff der NATO auf Afghanistan (!) weitere Flüchtlinge verursacht worden. Wörtlich: „Die NATO-Angriffe auf Afghanistan zwingen mehr als 2,5 Millionen Menschen zur Flucht…“.

Mein Fazit:

Der Besuch lohnt unbedingt. Und es ist ein Gewinn für die geschichtliche Erinnerungskultur, dass es dieses Gedenk-Museum endlich gibt – mehr als 75 Jahre nach dem Leid, das 15 Millionen Deutsche durch Flucht und Vertreibung erlitten. Und ja, es ist auch gut, dass das Phänomen von Flucht und Vertreibung in einen globalen Zusammenhang gestellt wird. Letztlich wird dadurch aber auch die außergewöhnliche Dimension deutlich, welche die Flucht und die Vertreibung der deutschen Zivilisten 1945 gehabt hat: Die größte Massenvertreibung in der Menschheitsgeschichte. Ob die Konzeptionisten der Ausstellung das bedacht haben ?

Und ein Nachtrag:

Nirgendwo in der Ausstellung und auch nicht in der von der Museumsleitung vorgehaltenen Pressemappe zum Museum und dessen Entstehungsgeschichte ist auch nur mit einem Wort erwähnt, dass es ohne die beharrliche Erika Steinbach und ohne den ebenso beharrlichen Peter Glotz diese Stätte wohl bis heute nicht geben würde. Das darf man wohl als schäbig bezeichnen.

Bildquelle:

  • Vertreibung: dpa
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