App-basierte Flatrates sind der neueste Schrei für Kaffeeliebhaber in der Großstadt

Anzeige

von KATHARINA SCHUWALSKI

HAMBURG – Fast 90 Prozent von uns Deutschen trinkt Kaffee. Im Durchschnitt jeder rund 164 Liter im Jahr und damit deutlich mehr als die 100 Liter Bier und 134 Liter Mineralwasser, die jährlich pro Kopf zusammenkommen. Der Kaffeekonsum der Deutschen liegt damit über dem europäischen Durchschnitt – und auch ich trage sehr gerne dazu bei. Morgens führt mich der erste Weg zur Kaffeemaschine, und im Lauf des Tages folgen noch einige weitere Portionen.

Leider treffe ich gefühlt immer auf die zehn Prozent Nicht-Trinker. In meinem Freundeskreis gibt es viel zu viele, die all die Geschmackserlebnisse verpassen, die das „schwarze Gold“ so bietet. Doch dort, wo guter Kaffee zu finden ist, gibt es heute auch jede Menge Alternativgetränke, sodass man sich zum Glück trotzdem oft genug „zum Kaffee“ treffen kann.

Zum Kaffee treffen – das ist in Zeiten von Corona gar nicht so einfach. Eine elegante Kaffeehauskultur, wie man sie aus Wien oder Budapest kennt, hatte unser Land so leider nie. Dafür gab es in Deutschland „draußen nur Kännchen“, die ein klein bisschen Älteren werden sich daran erinnern. Überhaupt kam der Kaffee lange Jahre stets aus der Filtermaschine und es gab ihn stets vor Ort im Café, höchstens mal beim Bäcker. Moderne Gourmets konnten mancherorts noch zwischen Cappuccino, Espresso oder Eiskaffee wählen – das war’s an Extravaganz.

Mit der Jahrtausendwende dann die Revolution: Findige Markt-Beobachter kopierten amerikanische „Coffee-Shops“ nach Deutschland, und in jeder Stadt sprießte eine Filiale nach der anderen nur so aus dem Boden. „Barista“ war ab sofort nicht mehr der italienische Barkeeper, sondern ein neuer Beruf. Und die wahrscheinlich größte Neuerung: Der „Coffee to go“. Von den 164 Litern im Jahr werden statistisch jeweils 80 Tassen auf diese Weise getrunken. Ich kann mir nur schwer vorstellen, wie der Alltag ohne spontanen Kaffee zum Mitnehmen an jeder Ecke damals überhaupt funktioniert hat. In der U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit, beim Spazieren durch die Innenstadt oder im Winter zum Aufwärmen – Kaffee immer und überall ist was Wunderbares.

Während in den meisten deutschen Großstädten Starbucks sofort der Platzhirsch auf dem Coffee-Shop-Markt wurde, war meine Stadt Hamburg lange Zeit starbucksfreie Zone. Weil Hanseaten keine Coffee Shops mögen? Ganz im Gegenteil, wir lieben Modernes und Innovationen! Deshalb etablierte sich bei uns jahrelang erstmal eine eigene Coffee-Shop-Kette, die eine Hamburgerin aus den USA „mitbrachte“. Bei „Balzac“ (benannt nach Honoré de Balzac, der nur mit Kaffee schreiben konnte und täglich bis zu fünfzig Tassen getrunken haben soll) habe ich quasi mein halbes Studium verbracht.

Mit meiner besten Freundin saßen wir jeden Tag stundenlang in einer Filiale neben dem Rechtshaus der Uni Hamburg. Unsere Lieblingsecke am großen Tisch bot viel Platz für Bücher, denn ja, wir beschäftigten uns dort wirklich mit Jura. Mit großem Vanilla Latte und Schinken-Käse-Croissant oder Bananenkuchen lässt es sich nunmal viel besser Hausarbeiten schreiben und lernen als mit schnödem Wasser in der Bib. Natürlich kannten die Barista uns längst, es gab auch mal zusätzliche Stempel, um schneller zum Gratis-Getränk zu kommen. Und das Arbeitsmodell hat funktioniert, die maßgeblich hier entstandenen Arbeiten hatten richtig gute Noten.

Heute gibt es die Filiale nicht mehr. Dafür in der ganzen Stadt viele andere Coffee Shops mit gemütlichen Ecken. Daneben existieren natürlich klassische Cafés, was mir sehr gefällt, denn das eine schließt das andere nicht aus. Wenn coronabedingt gerade nicht alles anders ist, sitze ich gern mit dem Laptop oder einem Buch in einer solchen Ecke und beobachte nebenher die Leute. Immer mehr kommen mit ihrem eigenen Thermobecher, in den sie sich ihr Getränk füllen lassen – die neue, nachhaltige Variante des „to go“. Außerdem fällt auf, dass wieder mehr Filterkaffee getrunken wird. Während es am Anfang des Coffee-Shop-Booms unbedingt ein Caffé Latte mit extra Shot, ein White Chocolate Mocca, Caramel Macchiato mit Sahne, Iced Chai Latte oder auch ein Frappuccino mit Cinnamon Flavour sein sollte, scheint der Trend eher wieder „back to black“ zu gehen.

Das neueste Kapitel der Kaffee-Geschichte habe ich erst kürzlich entdeckt. Die Digitalisierung hat jetzt auch den Kaffeemarkt erreicht, nämlich in Form einer app-basierten Kaffee-Flatrate. Mit diesem Schlagwort hatte ein Shop in der Innenstadt natürlich meine Aufmerksamkeit. Der Kaffee zum monatlichen Festpreis funktioniert so: Per App schließt man die Flatrate ab und kann dann Coupons für einen Kaffee oder Tee herunterladen. Stündlich sind ein Filterkaffee oder ein Bio-Tee inkludiert, nach sechzig Minuten steht automatisch ein neuer Coupon zur Verfügung. Das Ganze gibt es für 14,90 Euro im Monat. Wenn die Homeoffice-Zeiten irgendwann vorbei sind, werde ich mir das tatsächlich mal überlegen. In jedem Fall schade, dass es das Modell nicht schon früher gab – Honoré de Balzac wäre ganz sicher Stammkunde gewesen!

Bildquelle:

  • Kaffee_Office: dpa
Anzeige