Alt, weiß und klug trifft auf irgendwie auch da

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von MARTIN D. WIND

Ich bin mehr oder weniger „darüber gestolpert“: Ein Video, in dem Norbert Bolz, Professor em. für Medienwissenschaften und Carla Reemtsma, Politik- und Wirtschaftsstudentin, Klimaaktivistin und Sprecherin der Klimarettungsorganisation „Fridays for future“ (FfF), zu sehen sind und sich teilweise sogar zum selben Thema äußern. Ehrlich gesagt, es ist erschütternd: Auf der einen Seite ein weiser, alter Wissenschaftler – nein, das ist kein Schreibfehler, das ist ganz bewusst so gewählt und der Begriff „alt“ soll hier nicht diskreditieren – und auf der anderen Seite ein grünes „Gesicht“ einer ideologisch gefestigten Jugendbewegung. Das Video ist schon ein paar Tage älter – um genau zu sein: aus dem Oktober 2020. Man findet es auf youtube im Kanal von Cicero-online im Format „Küchenkabinett“. Nachdem ich das Video zu Ende gesehen hatte, war ich voller Hochachtung für Prof Bolz.

Da stiegen zwei in den Ring, die auch nicht annähernd der selben „Gewichtsklasse“ entsprachen. Der Eindruck: Da trifft ein hochausgebildeter und effizienter sowie effektiver Einzelkämpfer auf eine völlig Unbewaffnete. Das Bewundernswerte: Prof. Bolz lässt Reemtsma „am Leben“. Er macht Sie nicht platt, haut Sie nicht nach 12 Sekunden in der ersten Runde K.O. Das ist respekteinflößend, das ringt Bewunderung ab und man kann beinahe nur mit schmerzender Ungeduld die stoische Ruhe ertragen, mit der der Professor den Beiträgen der Klimaaktivistin lauscht.
Und beides, sowohl die Hochachtung für Prof. Bolz als auch das Bauchgrimmen, das Frau Reemtsma ausgelöst haben, hat bei mir den Schreibdrang ausgelöst: Das Video ist exemplarisch. Es zeigt beispielhaft, wo heute in der Gesellschaft Grenzen und Linien verlaufen, die nur schwer zu überwinden sein werden.

Wir haben da eine Seite, die mit Vernunft versucht, sich einem Thema zu nähern, die Hintergründe und Seitenaspekte in die Betrachtung mit einfließen lässt, die mit Logik, unter Beachtung gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Mechanismen so wie Notwendigkeiten, Abwägungen vornimmt. Auf der anderen Seite steht eine Aktivistin, die, vor dem Hintergrund einer Weltuntergangshorrorinszenierung, mit einer Scheinlegitimierung durch gefühlte Mehrheit und dem selbstverständlichen Anspruch auftritt, dass auf aktivistisches Agitieren, aus der Politik gefälligst eine prompte Reaktion zu erfolgen habe.

Während Professor Bolz aus den Ergebnissen seines Forschungs- und Lehrgegenstandes heraus, fundiert auf mediale Funktionsmechanismen und deren Wirkung in die Politik hinein argumentieren kann, ist Reemtsma nur in der Lage zu sagen: „Ich glaube das ist zu einseitig formuliert.“ „Hallo?!“ will man da ausrufen, hallo, der Mann ist in diesem Beritt Experte. Er weiß, wovon er spricht, dass das Thema Klima eben auch durch die politische Verortung der Redaktionen die Bedeutung erlangt hat, die es heute gesellschaftsweit einnimmt. Nicht umsonst ignorieren die ÖR- Sendeanstalten ARD und ZDF unter anderem beispielsweise auch die Sorgen und Nöte der Landwirtschaft und deren Existenzbedrohung durch die Politik. Man will dieses Thema einfach nicht in der gesellschaftlichen Debatte haben. Und wenn, dann nur in der in den Redaktionen als politisch korrekt erachteten Tendenz.

Aber zurück zum Video und zu dem dort zu beobachtenden Schauspiel. Prof. Bolz hat eine erstrebenswerte Kunst erlangt, Punkte zu setzen, ohne direkt „anzugreifen“. Reemtsma spürt das – erkennbar. Sie scheint zu ahnen, dass dieser Mann da jetzt „was gemacht“ hat, ist aber nicht in der Lage argumentativ fundiert darauf zu reagieren. Das mag zum einen daran liegen, dass sie den Kern der Aussage nicht zu erkennen scheint, scheint aber auch dem erkennbaren Mangel an fundiertem Faktenwissen geschuldet. Nochmal: Hier trifft ein erfahrender Kämpe auf eine Unbewaffnete und die Redaktion schickt die beiden in den Ring! Beinah, aber nur beinah, könnte man Mitleid bekommen: „Es gibt sehr viele Unterschiede zur 68er Bewegung, vor allem intellektuell“, mein Bolz einmal am Rande.

Dieses Mitleid kommt nicht auf. Zumindest von ihrer Bedeutung im medialen Zirkus ist Reemtsma aber erkennbar begeistert. Einen Dämpfer ihrer Freude erhält sie, als Prof. Bolz deutlich macht, dass FfF nichts anderes sei, als eine Untergangsreligion mit einem weltlichen Heilsversprechen, in deren Hintergrund gigantische Profitinteressen lauern. Da wird deutlich, dass sie fühlt, dass er hier den Kern der Bewegung ins Visier nimmt. Sie holt zu einer langatmigen, aber erneut völlig vom eigentlichen Inhalt der Kritik entfernten Widerlegung aus: „Das finde ich an dieser Stelle wirklich absurd.“ Beeindruckend! Beeindruckend? Mehr sagt sie inhaltlich nicht. Sie versucht es zwar, indem sie die „Richtigkeit“ der Weltuntergangsvisionen von FfF damit zu beweisen versucht, dass sie doch so viele auf der Straße, so politisch engagiert seien und dass „die Wissenschaft“ hinter ihnen stünde.

Die Reaktion von Norbert Bolz ist beinahe legendär: Er nickt, lächelt und wendet sich dann an den Moderator, der zur Abmoderation ansetzt. Episch!
Wer dem erfreulichen Argumentenritt von Professor Bolz und der erschütternd hilfloses Reaktion Reemtsmas folgen will, kann das hier : Das Video startet am Beginn des finalen Aufschlags aber auch der Rest ist „erhellend“. Es war kurzweilig!

Bildquelle:

  • Norbert_Bolz_Carla_Reemtma: screenshot
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